Die Idee eines „Like“-Knopfes kam anfänglich von Facebook. Zwei Jahre entwickelte Facebook das „Gefällt mir“-System und im 2009 führten sie schliesslich den „Like“-Button mit einem Daumenhoch Icon ein. (Foto: Shutterstock)

Die Corona-Pandemie hat die Gräben offengelegt, die in der Gesellschaft vorhanden sind. Es stellt sich nach dem Ende der Pandemie-Massnahmen vordringlich die Frage, wie man diese Zersplitterung, die ja gerade in den Echoräumen oder Bubbles auf Social Media immer stärker akzentuiert wurde, überwinden kann. Oder anders gefragt: Gibt es überhaupt Massnahmen, um Trychler, Schwurbler, Massnahmen-Apologeten und den Rest der Bevölkerung einander wieder näherzubringen?

Ja, findet der britische Publizist Mark Brolin. Er hat dazu kürzlich auf der News-Plattform POLITICO ein Gespräch mit Jonathan Haidt, einem US-amerikanischen Professor für Psychologie der Stern School of Business und Spezialist für Moral und Moralpsychologie, geführt.

Stammesdenken führt zur Polarisierung

Heidt hatte nämlich schon in seinem 2013 erschienenen Buch «Righteous Mind: Why Good People are Divided by Politics and Religion» («Warum gute Menschen durch Politik und Religion gespalten werden») die aktuelle Diskussion über die Bubbles und Echokammern scharfsinnig vorweggenommen. Er machte nicht Facebook oder eine der beiden US-Parteien für die Polarisierung verantwortlich, sondern das Grundbedürfnis der Menschen, Teams und Lager zu definieren und zu einem von ihnen zu gehören. Im Laufe der Weltgeschichte wurden immer wieder ausgeklügelte «Held gegen»Schurke»-Narrative gesponnen, um ein politisches Lager zu verherrlichen und ein anderes zu dämonisieren. Wer das Sagen hat, spielt dabei eigentlich keine Rolle.

Die Herausforderung besteht also nicht darin, wie man den Stammesgedanken aus der Politik verbannen kann. Vielmehr geht es darum, ein System zu entwickeln, das die uns innewohnenden Unzulänglichkeiten beachtet.

Haidt sieht einen entscheidenden Ansatzpunkt: nämlich eine Reform der sozialen Medien. Es geht vor allem um eine Entgiftung des öffentlichen Raums durch eine ernsthafte Überarbeitung der sozialen Medien – eine Idee, die nach den Enthüllungen der Facebook-Whistleblowerin Frances Haugen immer mehr an Bedeutung gewinnt. Gerade diese Empfehlung könnte für die Schweiz und Europa ein wichtiger Ausweg aus der Polarisationsspirale bergen.

Zwei neue Knöpfe in den sozialen Medien

Doch wie genau sollen wir in Zukunft die Gemeinsamkeiten viel stärker betonen, was Haidt als möglichen Ausweg sieht. Es sei schon immer so gewesen, dass die Extreme lauter seien, findet Haidt. Was aber zwischen 2009 und 2012 geschah, ist, dass amerikanische Tech-Unternehmen eine Empörungsmaschine geschaffen haben. Diese Empörungsmaschine habe die Macht der Extreme erheblich verstärkt. Die Extremen wurden immer fieser, so dass die Menschen in der Mitte – die Mitte macht etwa 80 oder 90 Prozent aus – sich jetzt so eingeschüchtert fühlen, dass sie weitgehend schweigen. Das ist auch der Grund, warum Haidt sagt, dass sich zwischen 2009 und 2012 alles verändert habe. Die soziale Dynamik sei heute ganz anders als vor 2009: «Unser gesamtes Verständnis von Gesellschaft und Politik vor 2009 muss also in Frage gestellt werden. Einige frühere Erkenntnisse sind immer noch gültig, andere nicht. Wir wissen nicht, welche Teile noch gültig sind.»

Darum fordert Haidt konkrete Massnahmen: «Gerade in den sozialen Medien könnten wir eine Menge tun. Am liebsten würde ich zwei Wahlmöglichkeiten hinzufügen.» Mit der einen möchte Haidt einen Filter setzen – eine Mindestschwelle für integrierte Komplexität oder Nuancen. So könne er Leute herausfiltern, die nie integrierte Komplexität oder Nuancen zeigten: «Sie verschwinden aus meiner sozialen Welt, und ich verschwinde aus ihrer. Sie können mich nicht sehen, ich kann sie nicht sehen.» Mit einem anderen Zifferblatt möchte Haidt die Leute ganz einfach codieren. Der Punkt sei, dass die Moderation von Inhalten hoffnungslos sie. Sie könne niemals gut funktionieren. Nutzerbewertungen hingegen hätten einen gigantischen Einfluss und seien leicht zu bewerkstelligen. «Hätten wir also einfach diese beiden Regler in den sozialen Medien, würde das die Macht der Extreme stark abschwächen», ist Haidt überzeugt.

Der Minderheit in der Mitte eine Stimme geben

Denn die Menschen wüssten, dass es negative persönliche Konsequenzen hätte, wenn sie aus der Reihe tanzten. Im Moment werden die Menschen eher dazu erzogen oder bestärkt, unverschämte, wütende und störende Dinge zu sagen. Die Plattformen verstärken ein solches Verhalten tatsächlich. Für Haidt ist klar: «Wenn wir das Verstärkungsmuster ändern – so dass je störender man ist, desto weniger Leute erreicht man –, dann wird sich Twitter innerhalb eines Monats ändern. Wir müssen also Institution für Institution, Unternehmen für Unternehmen, Plattform für Plattform betrachten – und unterscheiden, was die Extreme stärkt und was der Mehrheit in der Mitte eine Stimme gibt.»

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