«Eine Niederlage betrachte ich als Lernprozess»

Erfolge und Rückschläge liegen sowohl in der Politik als auch im Sport nahe beieinander. Fussball-Legende Andy Egli hat beide Seiten erlebt.

Ein grosser Kämpfer: GC-Verteidiger Andy Egli geht mit YB-Angreifer Roland Schönenberger wenig zimperlich zu Werke. (Bild: Andreas Blatter)

Was verstehen Sie unter Erfolg?
Andy Egli: Wohlbefinden und mit sich selbst im Reinen zu sein. Sportlich gesehen: ein positives Ergebnis erzielen. Erfolg hat auch eine politische Komponente: besser sein als die andere Partei.

Ist Erfolg auch gefährlich?
Ja. Wenn junge, unerfahrene Menschen ständig ein positives Resultat erzielen und nie einen Rückschlag erleben, besteht die Gefahr, dass sie auf der Erfolgswelle die Bodenhaftung verlieren. Sie denken dann, dass alles, was sie anfassen, zu Gold werden wird.

Wie gross ist die Gefahr, dass man abhebt, dass man sich für unverwundbar hält?
Diese Gefahr besteht. Junge Menschen brauchen eine realistische Einschätzung ihres Handelns. Wer unreflektiert ständig Lob erhält, kann in der Tat abheben und ein Gefühl der Unbesiegbarkeit entwickeln – mit womöglich fatalen Konsequenzen.

Wie manifestiert sich diese Abgehobenheit?
Auf mich wirken abgehobene Menschen unnahbar. Sie verlieren die Sensibilität für ihren Entwicklungsprozess.

Was hilft dagegen? Wie kann man sich davor schützen? Wie haben Sie das geschafft?
Ich suche regelmässig den Dialog mit meiner Familie und meinen Freunden. Diese Menschen halten mir den Spiegel vor. Sich selbst zu hinterfragen im Sinne eines Entwicklungsprozesses ist ein gutes Mittel, die Bodenhaftung nicht zu verlieren.

Am 5. Dezember 2018 finden die Bundesratswahlen statt. In der Politik wie beim Spitzensport wird Hochleistung erwartet. Sehen Sie Parallelen bei den Grundlagen für sportliche und politische Erfolge?
Ja, durchaus. Sowohl in der Politik als auch im Sport muss man als Individuum in der Gruppe funktionieren und sich profilieren können. Gleichzeitig bin ich aber der Meinung, dass die Komplexität unserer politischen Landschaft mit den konkurrierenden Parteien und den Einflüssen der Lobbyorganisationen mit einem sportlichen Wettkampf nicht vergleichbar ist. In der Politik müssen viele Kompromisse eingegangen werden, bis ein Konsens gefunden ist. Im Fussball dagegen will vor einem Match jede Mannschaft gewinnen. Diese Mannschaft will keine Kompromisse eingehen und auf unentschieden spielen, sondern bedingungslos gewinnen. Allerdings…

Worüber schmunzeln Sie?
Ich klammere jetzt mal das skandalöse Gruppenspiel an der WM 1982 zwischen Deutschland und Österreich aus. Es ging als Nichtangriffspakt von Gijón in die Geschichte ein.

Worauf müssen die zwei neuen Mitglieder der Landesregierung achten?
Sie müssen sich ihre Authentizität bewahren und dürfen sich nicht durch das hohe Amt mit all seinen Verpflichtungen verbiegen lassen. Das wäre fatal.

Was verstehen Sie unter einer Niederlage?

Eine Niederlage betrachte ich als Lernprozess. Das Hinterfragen einer Niederlage birgt grosses Potenzial, um sich weiterzuentwickeln – sowohl in der Politik als auch im Sport. Analysiert man sein eigenes Fehlverhalten, könnte die Konsequenz daraus sein, dass andere Argumente und Aspekte in die Neubeurteilung fliessen, was letztlich zu besseren Entscheidungen führen würde.

Sind Vorbilder bei der Bewältigung von Rückschlägen wichtig?
Ja. Als ich noch bei den Junioren kickte, vermittelte mir mein damaliger Trainer Bruno Schmucki Werte wie Begeisterungsfähigkeit, Leidenschaft, Vertrauen und Respekt. Er war sehr streng zu mir, schenkte mir aber auch Zuneigung. Das hat mich ebenso geprägt wie mein Elternhaus.

Im September 2015 erkrankten Sie an Hodenkrebs. Wie sind Sie mit der Diagnose umgegangen?

Nach dem ersten Schock verspürte ich eine totale Gelassenheit. Ich habe meine Familie versammelt und sie über meine Erkrankung informiert. Vor der ersten Chemotherapie schnitt ich mir die Haare ab. Ich wollte offen über meine Krankheit kommunizieren. Ich war mir bewusst, dass Fragen gestellt würden, wenn ich weiterhin für das Schweizer Fernsehen SRF Spiele der Europa League analysierte. Ich handelte intuitiv. Im Rückblick hat mir die Krankheit eher zu mehr Lebensqualität verholfen.

Wie meinen Sie das?
Ich spürte, dass ich nur ein Sandkorn im Universum bin. Meine wichtigste Aufgabe ist es, für die Familie zu sorgen. Ich möchte meinen Kindern und Grosskindern Werte weitergeben. Meine innere Einstellung und meine Lebensfreude waren Triebfedern nach der Krebserkrankung. Weil eine solche Diagnose nicht beeinflussbar ist, wollte ich ohne Gewissensbisse und übertriebene Angst mit der Krankheit umgehen. Das ist mir gut gelungen.

Hat Ihnen die Karriere als Spitzensportler bei der Chemotherapie geholfen?

Ja. Meine gute körperliche Konstitution war ein wichtiger Faktor im Gesundungsprozess. Ich hatte nie Zweifel, dass es nicht gut kommen könnte. Meine Trainingseinheiten während der drei Chemotherapie-Zyklen absolvierte ich mit eisernem Willen. Meine Übungen im Bereich Stabilität und Beweglichkeit machte ich im Spital auf dem Balkon.

Fühlten Sie sich zeitweise verzweifelt?
Doch, einmal. Während 24 Stunden traten heftige Nebenwirkungen der Chemotherapie auf. Ich dachte einen Moment lang: Wenn diese Beschwerden nicht bald aufhören, ist mein Leben nicht mehr lebenswert.

Sie haben den Kampf gegen den Krebs gewonnen und gelten als vollständig geheilt. Was hat sich in Ihrem Leben seither verändert?

Nicht sehr viel. Allerdings achte ich seither noch mehr auf die Bedürfnisse meines Körpers. Regelmässiges Training ist mir ebenso wichtig. Ich bin überzeugt, dass meine körperliche und geistige Stabilität ausschlaggebend war, dass ich die Krankheit erfolgreich überwinden konnte. Ich versuche alles, um mich in den Bereichen Herz-Kreislauf, Stabilität und Beweglichkeit fit zu halten.

Welches Umfeld ist nun wichtiger – das familiäre oder das professionelle?
Meine Work-Life-Balance stimmt. Ich habe das Glück, dass ich eine wunderbare Familie habe und eine Arbeit ausüben darf, die mir grossen Spass macht. Es bereitet mir Freude, meine vier Kinder und sieben Enkelkinder aufwachsen zu sehen. Und es hält mich geistig fit. Dank meinen Enkelkindern, die im Umgang mit den sozialen Netzwerken geübt sind, bleibe ich auf dem Laufenden.

Der britische Staatsmann Winston Churchill sagte einmal: «Erfolg haben heisst, einmal mehr aufzustehen, als man hingefallen ist.» Hat er recht?
Winston Churchill hat in wenigen Worten etwas Grossartiges zum Ausdruck gebracht. Sein Satz hat geradezu Symbolcharakter. Man kann ihn 1:1 auf den Fussball übertragen. In meinen 16 Jahren als Fussballprofi lag ich oft am Boden – sowohl als Verlierer grosser Spiele als auch nach einer Intervention eines Gegenspielers. Für mich war es immer wichtig, nach Rückschlägen sofort wieder aufzustehen und der nächsten Herausforderung mit Optimismus und Entschlossenheit zu begegnen.

Was war Ihr grösster Erfolg?
(Denkt lange nach.) Dass ich heute noch an 5 von 7 Tagen in der Woche 1 bis 1¼ Stunden Sport treiben kann. Mein wertvollstes Gut ist der Erhalt der eigenen Gesundheit. Sie ist zusammen mit der Familie die Grundlage für eine hohe Lebensqualität. Natürlich bin ich auch dankbar für meine 16-jährige Karriere als Fussballprofi. 1978, als ich bei GC meinen ersten Vertrag erhielt, kannte man dieses Berufsbild noch nicht.

Was war Ihre grösste Niederlage?
Im Herbst 1982 verloren wir im ersten EM-Qualifikationsspiel gegen Belgien in Brüssel sang- und klanglos 0:3. Bereits nach zwei Minuten schoss Heinz Lüdi ein Eigentor. Nach dem Spiel war ich bitter enttäuscht. Ich heulte wie ein Schlosshund.

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