«Hymnen darf man nicht zementieren»

Lukas Niederberger, Geschäftsleiter der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft SGG, über die Bedeutung des Schweizerpsalms und die ungebremste Symbolkraft des Rütli.

Seit 2013 ist Lukas Niederberger Geschäftsleiter der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG) mit Sitz in Zürich. Die SGG unterstützt seit ihrer Gründung im Jahr 1810 armutsbetroffene Personen und Familien. (Foto: zvg)

Lukas Niederberger, was heisst für Sie Macht*?

Lukas Niederberger: Unter «Macht» verstehe ich die Möglichkeit und Bereitschaft, Situationen zu gestalten.

Wie mächtig ist die SGG, Verwalterin der Rütliwiese und damit der Wiege der Eidgenossenschaft?

Niederberger: Die Macht der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft sehe ich vor allem in ihrer politischen, wirtschaftlichen und religiösen Unabhängigkeit. Diese erlaubt der SGG, mit verschiedensten Akteuren aus Zivilgesellschaft, Staat und Wirtschaft nach innovativen Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen zu suchen. Das Rütli verfügt über eine ungebremste Symbolkraft nicht zuletzt darum, weil der Schweizer Bundesstaat von 1848 weder einen Nationalfeiertag noch ein Denkmal besitzt. Das Potenzial des Rütli zur Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts ist aber noch längst nicht ausgeschöpft.

Wenn man an die bald 10-jährigen Bemühungen der SGG denkt, den Text der Nationalhymne zu modernisieren, ist man versucht zu sagen: Die SGG ist ohnmächtig. Richtig?

Niederberger: Ja, die SGG ist in dieser Sache völlig ohnmächtig. Und das ist auch gut so. Ein Monarch könnte von oben herab von heute auf morgen eine neue Hymne bestimmen. Was in der demokratischen Schweiz nachhaltig erfolgreich sein soll, muss langsam von unten wachsen und irgendwann an der Urne entschieden werden. Auch der aktuelle Hymnentext, der sogenannte Schweizerpsalm, wurde nicht von heute auf morgen zur Nationalhymne.

Sondern?

Niederberger: 1841 wurde der Psalm geschrieben, 1894 erstmals dem Bundesrat als Nationalhymne vorgeschlagen, 1961 provisorisch zur Hymne gewählt und 1981 für militärische und diplomatische Anlässe als Nationalhymne verpflichtend erklärt. Und selbst 40 Jahre später können kaum 10 Prozent der Bevölkerung die erste der vier Strophen auswendig singen.

Ist der vorgeschlagene neue Hymnentext Ihr Herzensprojekt?

Niederberger: Ja und nein. Mein Herz schlägt in der SGG primär für die Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts und für die Förderung des freiwilligen Engagements in einer starken Zivilgesellschaft. Uns geht es nicht darum, der Schweiz ums Verrecken einen neuen Hymnentext zu verpassen, sondern eine landesweite Reflexion und Debatte auszulösen über unsere zentralen Werte. In der Verfassungspräambel steht: «Wir sind gewiss, dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht, und gewiss, dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen.» Im vorgeschlagenen neuen Hymnentext lautet diese Stelle: «Frei, wer seine Freiheit nützt, stark ein Volk, das Schwache stützt.» Diese Werte zu fördern, ist tatsächlich mein Herzensprojekt.

Wie viele Schweizer Sportasse sangen während der Olympischen Winterspiele Ihren neuen Hymnentext «Weisses Kreuz auf rotem Grund»?

Niederberger: Selbstverständlich alle. Nein, im Ernst: Die Sponsoringverträge verbieten ihnen, sich öffentlich für gesellschaftspolitische Projekte zu engagieren. Darum freut es mich umso mehr, dass ehemalige Spitzensportler und Spitzensportlerinnen den neuen Text aktiv unterstützen, beispielsweise die Rollstuhl-Sportlerin Edith Hunkeler, die Schwingerkönigin Sonja Kälin und der ehemalige Fussballkönig Köbi Kuhn, der leider verstorben ist. Maria Walliser sagte einmal: «Ich kann mich mit den Werten des neuen Hymnentextes identifizieren und würde ihn auf einem Siegerpodest mit Freude und Stolz singen.» Sobald Roger Federer als Tennisprofi aufhört, werde ich ihn selbstverständlich bitten, nicht mehr nur für Telefonfirmen zu singen.

Halten Sie am Projekt fest, statt es schicklich zu beerdigen, weil es über 800’000 Franken verschlungen hat?

Niederberger: Für mich als Privatmensch sind 800’000 Franken natürlich auch eine astronomische Summe. Für eine landesweite Kampagne, die fast zehn Jahre dauert, ist es hingegen extrem wenig. Abstimmungskampagnen in der Schweiz kosten mindestens 4 Millionen Franken. Das Wallis zahlte für seine erfolglose Olympia-Kandidatur 6 Millionen Franken. Das teuerste am Hymnen-Projekt waren die Video-Aufnahmen mit dem Schweizer Jugendchor in allen Landessprachen. Die Videos sind wunderschön und jeden Franken wert. Zu sehen und zu hören unter www.nationalhymne.ch.

Was haben Sie gedacht, als Sie die aus der Slowakei stammende SVP-Nationalrätin Yvette Estermann auf dem Bundeshausdach den Schweizerpsalm singen sahen?

Niederberger: Diese Szene ist mir nicht bekannt. Yvette Estermann wollte, dass man «Trittst im Morgenrot daher» in der Verfassung für immer zementiert. Das ist ein Witz. Hymnen darf man nicht zementieren. Sonst hätte man konsequenterweise die Vorgänger-Hymne «Heil dir Helvetia» beibehalten müssen. Die SGG hat nichts gegen den Schweizerpsalm, ist aber überzeugt, dass er sich eher als Kirchenlied eignet. Mit dem Inhalt einer Nationalhymne sollten sich möglichst alle identifizieren können. Wenn Frau Estermann auch 50 Jahre nach Einführung des helvetischen Frauenstimmrechts in der Hymne gerne einen männlichen Herrgott in den Naturgewalten besingt, will ich ihr diese Freude auf keinen Fall madig machen.

Immerhin hat sie erreicht, dass das Parlament zu Beginn jeder Legislatur den Schweizerpsalm singt.

Niederberger: Dass die Nationalhymne gesungen wird, finde ich gut. Mein Vorschlag wäre, dass auch der vorgeschlagene neue Text gesungen würde, zumal rund 60 Parlamentsmitglieder seinem Unterstützungskomitee angehören.

In der Öffentlichkeit spricht man fast nur von der Hymne und der Rütliwiese, die SGG macht aber noch viel mehr. Was ist für Sie das Wichtigste: Die Förderung der Freiwilligenarbeit?

Niederberger: Will man Themen in Medien und Öffentlichkeit pushen, muss man sie simplifizieren, personifizieren und emotionalisieren. Rütli und Hymne kann man medial relativ einfach vermitteln. Aber die Haupttätigkeit der SGG, Freiwilligenarbeit in der Schweiz zu erforschen und zu fördern, kann man nicht so leicht vereinfachen, an Personen festmachen und mit Gefühlen aufladen.

In den letzten Jahren wurde ein Rückgang der Freiwilligenarbeit beklagt. Zu Recht?

Niederberger: Das komplexe Thema Freiwilligenarbeit lässt sich gerade nicht auf diese Schlagzeile reduzieren. Seit der ersten landesweiten Messung im Jahr 1997 ist die Freiwilligenarbeit von 590 auf 619 Millionen Stunden pro Jahr gestiegen. Vor allem das freiwillige Engagement in der Nachbarschaft hat zugenommen. Abgenommen haben langfristige Engagements in Organisationen, doch auch da nicht überall, sondern vor allem im Sport, in Parteien und Interessenverbänden.

Welchen Einfluss hatte die Corona-Pandemie?

Niederberger: Corona hat wie der Börsencrash 2008 und die Flüchtlingswelle 2015 kurzfristig die Freiwilligenarbeit begünstigt. Aber alle drei Wellen emotionaler Betroffenheit waren von kurzer Dauer. Als der Bundesrat auf Grund eines antiquierten Altersbilds im Lockdown Anfang 2020 alle Rentner und Rentnerinnen zur Risikogruppe erklärte und ihnen die Freiwilligenarbeit verbot, beging er den grössten Fehler in der Pandemie überhaupt.

War es ein Fehler, die Vulnerablen zu schützen?

Niederberger: Der Fehler bestand darin, alle über einen Leisten zu schlagen, obwohl die Gruppe der über 65-Jährigen sehr heterogen ist. Gerade die Menschen zwischen 65 und 75 sind grösstenteils topfit und leisten einen Grossteil der Freiwilligenarbeit in der Schweiz.

Was macht die SGG unverzichtbar?

Niederberger: Dass Sie die 212-jährige Dame für unverzichtbar halten, freut mich. Im 19. Jahrhundert half die SGG beim Aufbau des staatlichen Schul- und Gesundheitssystems, im 20. Jahrhundert gründete sie wertvolle Dachorganisationen wie Pro Juventute, Pro Senectute oder die Berghilfe und war am Aufbau der AHV beteiligt. Und im Jahr 1860 schenkte die SGG dem Bund das Rütli.

Ist die SGG wegen des Rütli unverzichtbar?

Niederberger: In gewisser Weise schon. Dass die SGG das Rütli verwaltet, ist Bestandteil des Schenkungsvertrags. Die SGG organisiert dort auch die Bundesfeier. Dieses Jahr mit dem Eidgenössischen Schwingerverband.

Warum braucht es die SGG heute sonst noch?

Niederberger: Wenn Sie mir in 10 Jahren die gleiche Frage stellen werden, kann ich Ihnen hoffentlich sagen, dass die SGG beim Aufbau eines Bundesrahmengesetzes im Bereich Sozialhilfe, bei der Ermöglichung des Wahl- und Stimmrechts für alle Menschen sowie bei der Einführung des «Service Citoyen» wesentlich beteiligt war.

Inwiefern unterscheidet sich Ihr Tag als SGG-Geschäftsleiter von Ihrem früheren Leben als Jesuitenpater?

Niederberger: Da sich mein Priestersein im Jesuitenorden nicht im Zelebrieren von Messen erschöpfte, sondern in der Leitung eines Bildungszentrums mit 40 Angestellten bestand, sieht mein Alltag heute nicht komplett anders aus. Damals knüpfte ich meine Netze in sozialen Themen primär mit anderen Religionen, während ich heute mehr mit Akteuren aus Zivilgesellschaft, Staat und Wirtschaft kooperiere.

Neben der Leitung der SGG schreiben Sie Bücher, halten Referate, geben Seminare und gestalten Rituale. Was am liebsten?

Niederberger: Am liebsten gestalte ich Trauerfeiern. Entweder noch zusammen mit den Sterbenden oder dann nach deren Tod mit ihren Angehörigen. Menschen in existenziellen Übergängen nahe zu sein und mit ihnen geliebte Menschen und erlebte Zeiten feierlich zu würdigen, ist mein liebster Nebenberuf.

Wer darf Ihnen privat widersprechen?

Niederberger: Wer bedenkenswerte und überraschende Argumente hat.

Womit bringen Sie sich nach einem anstrengenden Arbeitstag oder einer anstrengenden Arbeitswoche wieder ins Lot?

Niederberger: Wenn Sie auf der Karte schauen, wo sich meine Wohnadresse befindet, erübrigt sich die Frage eigentlich. Meine Klause liegt in Rigi Klösterli, 1300 Meter über Meer. Von November bis April klebe ich mehrmals wöchentlich vor meiner Wohnung die Felle an die Ski und wandere zum nahen Rigi Rotstock. In den restlichen sieben Monaten tue ich dasselbe mit Wanderschuhen. Neben der Natur bringt mich die Musik ins Lot. Meine Partnerin wohnt nur sieben Gehminuten vom Luzerner KKL entfernt. Ins Lot bringen mich natürlich auch meine Partnerin sowie Freunde, die ich abends gerne bekoche.

Lukas Niederberger (57) trat als 21-Jähriger in den katholischen Jesuitenorden ein, wo er 22 Jahre lang lebte und unter anderem das Bildungszentrum Lassalle-Haus bei Zug leitete. In München studierte er Philosophie und in Paris Theologie. Der St. Galler war Mitbegründer der Lebensmittelhilfe «Tischlein deck dich» und arbeitete für die «Stiftung Weltethos» des Reformtheologen Hans Küng. Er schrieb mehrere Bücher, darunter «Die Kunst engagierter Gelassenheit». Seit 2013 ist er Geschäftsleiter der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG). Niederberger lebt als Einsiedler auf der Rigi und mit seiner Partnerin in Luzern.

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Sie sitzen auf entscheidenden Positionen, aber selten im Rampenlicht: Generalsekretäre von Parteien oder eidgenössischen Departementen, Geschäftsführerinnen von Verbänden oder Direktoren von Nichtregierungsorganisationen. Braucht die Schweiz politische Lösungen, helfen sie diese zu entwickeln. In regelmässigen Abständen wollen wir im Gespräch die Schaltzentralen der Macht ausleuchten.

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