Auch im Wirtschaftssektor gibt es eine starke Zuwanderung hochqualifizierter Arbeitskräfte. (Bild: Shutterstock)

Mit der Diskussion über das Rahmenabkommen steuert die Schweiz in ihren Beziehungen zur Europäische Union auf eine entscheidende Weichenstellung zu. Weil mit den Bilateralen Verträgen auch der freie Personenverkehr verbunden ist, wird die Zuwanderung aus der EU in der Schweiz immer kontrovers diskutiert – etwa diejenige von Akademikern und Berufsleuten aus Deutschland nach der Finanzkrise oder von Studienabgängern und Bauarbeitern aus Portugal und Spanien. Es geht dabei immer um die Zuwanderung als Ganzes. Denn die Art der Zuwanderung bleibt in der Debatte immer im Ungefähren. Auf tiefergehende Fragen, wie sich der fachliche Hintergrund der Zuwanderer verändert habe oder welche Ausbildungen die neuen Arbeitskräfte mitbringen würden, gibt es keine Antworten. Dazu fehlten bislang Zahlen und Fakten.

In einem in der Fachwelt vielbeachteten Artikel haben die Demografen Ilka Steiner und Philippe Wanner anhand neuer Zahlen jetzt erstmals nachweisen können, wie stark sich die Zusammensetzung der Zuwanderer verändert hat. Sie nahmen das Bildungsniveau als Massstab. Eines vorweg: So stark, wie sich die Schweiz in eine Dienstleistungsgesellschaft transformiert hat, so stark hat sich auch das Gesicht der Zuwanderung verändert. Beides sind direkte Folgen der Globalisierung.

Zunehmende Spezialisierung der Schweiz
Die beiden Forscher schreiben: «Das Land hat sich zunehmend spezialisiert – mit der Entwicklung zahlreicher Kompetenzzentren wie der Pharmaindustrie in der Region Basel, dem Banken- oder Informatiksektor in Zürich oder den Finanzdienstleistern, Rohstoffhandelsunternehmen und internationalen Organisationen in Genf.» Günstige Rahmenbedingungen wie Sicherheit, attraktiver Lebensraum, Steuern usw. hätten zum wirtschaftlichen Aufschwung in diesen Regionen ebenso beigetragen wie die Ansiedlung von multinationalen Unternehmen und internationalen Organisationen. Die Personenfreizügigkeit zwischen der Schweiz und der EU hätten das Land in einen supranationalen Arbeitsmarkt eingebunden.

Generell hat die Schweiz seit Beginn des 21. Jahrhunderts einen starken Anstieg des Wanderungssaldos verzeichnet. Mit nahezu 100’000 Personen 2008 und fast 80’000 zwischen 2013 und 2016 erreichte man praktisch das Niveau von Mitte der 1960er-Jahre. Die Zusammensetzung der Zuwanderer hat sich jedoch massiv verändert, wenn man die Ausbildung der Leute anschaut.

Zur Erinnerung: Das Goldene Zeitalter der Zuwanderung nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war durch die Einreise eher gering qualifizierter Arbeitskräfte gekennzeichnet. Sie fanden Arbeit hauptsächlich im Bausektor – speziell bei den grossen Strassenbau- und Infrastrukturprojekten wie Staumauern und Tunnelbauten, aber auch in der Landwirtschaft, in der Industrie und in der Tourismusbranche. Laut den Forschern beobachtet man in jüngster Zeit jedoch nicht nur eine starke Zunahme von hochqualifizierter Zuwanderung, sondern auch, dass sie vor allem in Tätigkeitsfeldern mit einer hohen Wertschöpfung ihre Jobs finden.

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Unterschiedliche Migrationstrends je nach Bildungsniveau
Die spektakulärste Entwicklung im letzten Vierteljahrhundert bleibt aber der Anstieg der Zahl der Zugewanderten mit einer Universitätsbildung. Zwar ging ihre Zahl Mitte der 1990er-Jahre zunächst zurück, allerdings weniger stark als bei geringer Qualifizierten, erhöhte sich danach aber rasch von 30’000 im Jahr 1991 (33 Prozent aller Einreisen) auf 40’000 im Jahr 2000 und auf 70’000 im Jahr 2008. Danach pendelte sie sich zwischen 60’000 und 70’000 Personen pro Jahr ein. Das entspricht 50 bis 54 Prozent der jährlichen Einreisen.

Die Zuwanderung hochqualifizierter Arbeitskräfte wird nicht für alle Herkunftsländer und Regionen der Welt mit der gleichen Intensität beobachtet. So liegt der Anteil der hochqualifizierten Migrantinnen und Migranten bei den Zugewanderten aus dem Vereinigten Königreich, Nordamerika und Indien bei über 90 Prozent. Demgegenüber beträgt ihr Anteil bei den Zugewanderten aus Südamerika 52 Prozent, bei Personen aus Westafrika 44 Prozent und bei jenen aus Portugal lediglich 24 Prozent.

Wichtig ist zudem die Feststellung, dass bei der Zusammensetzung der Migrationsströme aus bestimmten Ländern in den letzten Jahren tiefgreifende Veränderungen zu beobachten waren. Dies trifft insbesondere auf die Eingewanderten aus Spanien und Italien zu, von denen heute über 50 Prozent hochqualifiziert sind, während diese Migrationsströme in der Vergangenheit aus eher gering qualifizierten Personen bestanden haben.

Der Arbeitsmarkt als wichtigster Treiber hochqualifizierter Zuwanderung
Aus diesen Zahlen und Erklärungen geht schon hervor, wer für die starke Zuwanderung hochqualifizierter Arbeitskräfte verantwortlich ist: der Schweizer Arbeitsmarkt. Laut den Autoren hat sich die Nachfrage auf dem Schweizer Arbeitsmarkt grundsätzlich verändert. Im Zeitraum von 2010 bis 2013 verzeichnete der Schweizer Arbeitsmarkt einen Rückgang von 15’000 erwerbstätigen Personen mit einem Bildungsniveau der Sekundarstufe I (-2,5 Prozent) und von 50’000 erwerbstätigen Personen der Sekundarstufe II (-2,5 Prozent). Im gleichen Zeitraum erhöhte sich die Zahl der Arbeitsplätze, die von Personen mit einer Tertiärbildung besetzt waren, dagegen um über 160’000 (+13 Prozent).

Dieser rasche Anstieg der Nachfrage nach Universitätsabgängern kann mit den in der Schweiz ausgebildeten neuen Generationen von Akademikern nicht gedeckt werden. Denn die Zahl der in den Arbeitsmarkt eintretenden einheimischen Hochschulabsolventen ist um lediglich 115’000 Personen höher als die Zahl der aus Altersgründen aus dem Markt ausscheidenden Hochschulabsolventen. Der Rückgriff auf zugewanderte ausländische Fachkräfte ist daher ein logischer Schritt, um die Nachfrage des Arbeitsmarkts nach 45’000 fehlenden Fachkräften zu befriedigen.

Wie stark die Nachfrage des Arbeitsmarktes Treiber dieser Entwicklung ist, zeigen die Forscher mit folgender Zahl: Mit Ausnahme von Migranten mit Herkunft Westafrika und Südamerika besitzen über die Hälfte der zuwandernden Personen mit einem Tertiärabschluss bereits vor ihrer Einreise einen Arbeitsvertrag oder ein Arbeitsangebot.

Hinzu kommt: In allen Herkunftsgruppen ist der Anteil der Männer höher, was auf eine familienorientierte Migrationsstrategie hindeutet, in der die Frauen ihrem Ehemann oder Partner in die Schweiz folgen, ohne schon vor der Einreise eine Arbeitsstelle zu suchen.

Die spektakuläre Entwicklung der hochqualifizierten Zuwanderung, die sich zwischen 1991 und 2014 mehr als verdoppelt hat, wird von wenigen Herkunftsländern dominiert. Insbesondere Einwandernde aus dem Vereinigten Königreich, Nordamerika und Indien verfügen über eine Tertiärausbildung.

Zuwanderung stützt die Wertschöpfung
Die Wirtschaftswissenschaften weisen nahezu einhellig auf die Wichtigkeit einer qualifizierten Zuwanderung für die Steigerung der Wertschöpfung hin. So wird in mehreren Studien nachgewiesen, dass hochqualifizierte Zuwandernde aufgrund ihres Innovationsgeistes und ihrer unternehmerischen Haltung in Wissenschaft und Technologie einen signifikanten Beitrag leisten. Andere Studien bestätigen diese Rolle der hochqualifizierten Zuwandernden als treibende Kraft bei Innovationen wie auch bei Firmengründungen.

Mit anderen Worten: Die Anwesenheit dieser Zugewanderten kann zum Wirtschaftswachstum und zur Innovationskraft der Schweiz beitragen, zudem tragen die hochqualifizierten Migrationsströme der letzten Jahre zweifellos zum wirtschaftlichen Aufschwung bei, der in der Schweiz zu Beginn des 21. Jahrhunderts zu beobachten war.

Der Artikel der Autoren Ilka Steiner und Philippe Wanner erschien erstmals bei DeFacto.

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