«Den Kompromiss zu erklären, ist ein bisschen komplizierter»

BDP-Generalsekretärin Astrid Bärtschi erklärt, was «langweilig, aber gut» spannend macht – und was es mit dem Abschied von der Macht auf sich hat.

Abschied von Funktion und Partei: BDP-Generalsekretärin Astrid Bärtschi, findet trotz der Fusion mit der CVP zur neuen Mitte-Partei, dass sich für sie nicht viel ändert: « Wir werden unsere Werte und unsere politischen Ansichten weitertragen können. Dieselbe Heimat unter neuer Adresse, sozusagen.» (Foto: zvg)

Astrid Bärtschi, was heisst für Sie Macht*?

Astrid Bärtschi: Macht bedeutet im weitesten Sinn, Einfluss nehmen zu können.

Wann konnte Ihre Partei zuletzt Einfluss nehmen?

Bärtschi: Auf Bundesebene war es nach den Wahlen 2011 der Fall, in der ersten Legislatur nach der Gründung, in der die BDP mit 9 Nationalräten und einem Ständerat vertreten war. Um Mehrheiten zu schaffen, waren sowohl Links als auch Rechts auf die Mitte angewiesen. Da kam es häufig darauf an, wie die BDP-Fraktion stimmte. Sie war das berühmte Zünglein an der Waage. Dass die BDP einigen Einfluss nehmen konnte, zeigte sich nicht zuletzt daran, wie sehr sich alle um sie bemühten.

War das der Grund, weshalb Sie der BDP beigetreten sind?

Bärtschi: Nein, das hatte ich schon im Jahr davor getan. Mich faszinierte die Gründungsgeschichte. Ein politischer Mensch war ich zwar schon immer, hatte aber nie eine Partei gefunden, von der ich das Gefühl gehabt hätte, das sei jetzt die meinige. Die BDP deckte ziemlich genau meine politischen Überzeugungen ab. Als dann BDP-Grossrätin Beatrice Simon 2010 in die bernische Kantonsregierung gewählt wurde, fand ich als Bernerin, ich wolle das unterstützen und zum ersten Mal in meinem Leben einen Schritt tun, den ich mir zuvor gar nicht hatte vorstellen können: einer Partei beitreten.

Wann verlor die BDP ihre Macht: mit dem Rücktritt ihrer Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf Ende 2015, oder erst mit dem Verlust der Fraktionsstärke bei den letzten NR-Wahlen vor einem Jahr?

Bärtschi: Es korrelierte schon mit dem Rücktritt von Eveline Widmer-Schlumpf. Bei den Wahlen 2015 verloren wir zwei Sitze. Das war zwar weniger, als man uns damals prognostiziert hatte, aber die Mehrheitsverhältnisse im Parlament hatten sich geändert. Es kam nicht mehr so darauf an, was wir in der Mitte dachten. Ausserdem hatten wir keine Bundesrätin mehr. Da verliert man sehr schnell an Relevanz.

Weil man keinen direkten Draht mehr in die Landesregierung hat?

Bärtschi: Deswegen auch. Aber auch das mediale Interesse ist nicht mehr so gross. Wenn man keine Bundesratspartei mehr ist, interessiert es die Medien weniger, was man zu sagen hat. Das ist durchaus verständlich, brachte uns aber in Kombination mit den anders gelagerten Mehrheitsverhältnissen einen deutlichen Verlust an Relevanz ein.

Was konnte die BDP in den 12 Jahren ihres Bestehens bewirken?

Bärtschi: Mit ihrer Gründung hat sie sicher ein gewisses Umdenken bewirkt. Die Politikerinnen und Politiker, welche die Partei damals ins Leben riefen, taten deutlich ihren Unwillen darüber kund, dass die SVP immer stärker nach rechts gerutscht war und ihren Stil dermassen geändert hatte. Politisch hat die BDP sehr viel erreicht, auch wenn das nach aussen nicht immer so wahrgenommen wurde. An der Energiewende zum Beispiel war sie massgeblich beteiligt.

Davon spricht man heute aber nicht mehr?

Bärtschi: Ja, das ist eins unserer Themen, die man heute kaum mehr wahrnimmt. Für die Energiestrategie stehen die Grünen und allenfalls noch die SP. Dass aber die Abstimmung in der Mitte gewonnen werden konnte, daran denkt niemand mehr. Das ist insofern verständlich, als es immer eine grosse Denkleistung und ein grosses Interesse voraussetzt, um Mittepolitik zu verstehen. Dieses Problem haben alle Mitteparteien: Den Kompromiss zu erklären, ist ein bisschen komplizierter als eine Extremforderung.

«Die beste Zeit hatte die BDP, bevor sie überhaupt gegründet wurde», schrieb die NZZ am Sonntag kürzlich unter Hinweis auf die 12’000 Menschen, die im April 2008 auf dem Bundesplatz für Widmer-Schlumpf und mehr Respekt demonstrierten. Verletzt Sie das?

Bärtschi: Nein. Wissen Sie, wenn mich jeder negative Zeitungsartikel über die BDP verletzen würde, wäre ich in der Politik definitiv am falschen Ort. Man lernt schnell, solche Dinge nicht persönlich zu nehmen.

Nun steht die Fusion mit der CVP zur neuen Mittepartei an. Wird die Macht der Mitte damit signifikant steigen?

Bärtschi: Ja, das verspreche ich mir davon.

Gleichzeitig verschwindet damit der letzte Rest der alten, staatstragenden Berner SVP. Warum, glauben Sie, war der Versuch, sie wieder auferstehen zu lassen, nicht langfristig erfolgreich?

Bärtschi: Das war gar nicht die Idee. Ich höre immer wieder, die BDP-Mitglieder seien ehemalige SVPler, welche ihrer Partei damals den Rücken gekehrt hätten. So ist es aber mitnichten. Mit der Gründung der BDP traten sehr viele Menschen der neuen Partei bei, die, so wie ich, zuvor parteilos gewesen waren. Ich kenne fast mehr heutige BDP-Mitglieder, die nie in der SVP waren. Viele Leute stiessen zur BDP, weil sie dort ihre Werte vertreten sahen und ihre politische Heimat gefunden haben.

Was ändert sich, wenn die BDP in der «Mitte» aufgeht?

Bärtschi: Für mich ändert sich nicht viel. Wir werden in der neuen Mitte-Partei unsere Werte und unsere politischen Ansichten weitertragen können – dieselbe Heimat unter neuer Adresse, sozusagen.

Sie sind dann aber Ihren Job als Generalsekretärin los, weil es Ihre Partei nicht mehr gibt. Wie schlimm ist das für Sie?

Bärtschi: (lacht) Das ist gar nicht schlimm, da ich glaube, dass sich mit jeder Türe, die zugeht, eine weitere öffnet. Vermissen werde ich die Zusammenarbeit mit unserem Parteipräsidenten Martin Landolt, die von grossem gegenseitigem Vertrauen, Respekt und Wertschätzung geprägt war.

Verlieren Sie einen 100-Prozent-Job?

Bärtschi: Das wäre es wahrscheinlich de facto, im Wahljahr beträgt das Pensum eher mehr als 100 Prozent. Angestellt bin ich aber zu 80 Prozent.

Beschreiben Sie bitte einen typischen Tagesablauf.

Bärtschi: Den gibt es nicht, genauso wenig wie bei allen Generalsekretären. In der Regel kenne ich zwei, drei Termine im Voraus, alles andere muss ich ad hoc entscheiden. Mir kommt das sehr entgegen, da ich zwar gerne plane, aber auch das Unberechenbare mag. Mir gefällt es sehr gut, wenn ich nicht immer weiss, was auf mich zukommen wird. Ich finde das eine spannende Herausforderung.

Spannend? Dabei zog die BDP mit dem Slogan «Langweilig, aber gut» in die letzten Wahlen. War das Ihre Idee?

Bärtschi: Es war nicht meine alleinige Idee, ich fand sie aber grossartig und finde die Kampagne nach wie vor grossartig. Auch sehr mutig. Die Idee dahinter war, einmal auszubrechen aus den ewig gleichen Politkampagnen, die sich ja in der Regel alle sehr ähneln.

Werden Sie in der Politik bleiben?

Bärtschi: Ich muss zugeben, dass mir das Umfeld gut gefällt. Denn ich mag Menschen, und da hat man sehr viel mit den unterschiedlichsten Menschen zu tun. Auf dem Generalsekretariat einer kleinen Partei ist das vielleicht noch mehr der Fall als bei einer grossen: Man hat Kontakt mit der Basis, mit den Kantonalparteien, den Ortssektionen. Also kann ich mir gut vorstellen, in diesem Umfeld zu bleiben.

Womit hatten Sie ihren Lebensunterhalt verdient, bevor Sie in der BDP Ihren politischen und beruflichen Hafen fanden?

Bärtschi: Ich habe fast 20 Jahre lang in einer Übersetzungsagentur gearbeitet, zuletzt als Co-Geschäftsführerin zusammen mit einer Kollegin. Auch das ist eine Branche, in der man mit sehr vielen Menschen Kontakt hat.

Wer darf Ihnen privat widersprechen?

Bärtschi: Sehr viele Menschen – ob ich es unkommentiert lasse, sei aber dahingestellt. Mir ist Widerspruch lieber als Leute, die einem nach dem Mund reden. Ich diskutiere sehr gern und stelle fest, dass ich diese Eigenschaft vererbt habe. Mein 14-jähriger Sohn diskutiert auch sehr gern – er hat’s nicht gestohlen. Widerspruch, der durchaus provokant sein darf, scheue ich nicht.

Wie viel Macht geben Sie zuhause an Ihren Mann und Ihren Sohn ab?

Bärtschi: Das ist eine gute Frage. Ich habe das Glück, mich in meiner Familie getragen zu fühlen. Auch beim Entscheid, einen sicheren Job nach 20 Jahren aufzugeben, um Generalsekretärin der BDP zu werden, wurde ich immer unterstützt. Wir haben eine gleichberechtigte Partnerschaft. Und mit unserem Sohn ist eine dritte Person dazugekommen, die sich ihre Macht durchaus manchmal auch nimmt.

Sie vertreten die BDP auch im Gemeindeparlament Ihres Wohnorts Ostermundigen. Wo tanken Sie auf, um als Mittepolitikerin voll durchstarten zu können? 

Bärtschi: In meiner Familie, wobei zu meiner erweiterten Familie mein Pferd gehört. Java wird kommenden Frühling 26 Jahre alt, begleitet mich also schon mehr als mein halbes Leben lang. Mittlerweile ist sie eine ältere Dame, aber noch immer sehr fit. Sie erdet mich. Nicht nur, weil ich mit ihr bei Wind und Wetter ausreite. Sie war in jungen Jahren ein sehr anspruchsvolles Pferd, das sehr sensibel auf meine Stimmungen reagiert und rasch die Nerven verloren hat. Also musste ich meine Nerven behalten, damit es funktioniert. Für mich ist es ein perfekter Ausgleich.

Astrid Bärtschi (47) hat Rechtswissenschaften studiert, aber nie als Juristin gearbeitet. Mit ihrem Mann und ihrem 14-jährigen Sohn lebt die BDP-Generalsekretärin und Vizepräsidentin der bernischen BDP in Ostermundigen, wo sie ihre Partei im Grossen Gemeinderat vertritt.

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