«Der Bundesrat hat zwei Chefs»

René Lenzin, einst Journalist und bis vor kurzem persönlicher Mitarbeiter der Finanzministerin, über die beschränkte Macht der Schweizer Regierung und den schwindenden Einfluss der Medien.

Rene Lenzin fotografiert am Donnerstag, 18. Januar 2024 in Bern. (VOLLTOLL / Simon Boschi)
René Lenzin (66) arbeitete unter anderem als Bundeshausredaktor und Italienkorrespondent beim Zürcher Tages-Anzeiger. 2014 wechselte er in die Bundeskanzlei und danach als Leiter Newsroom und Medienstelle zur BKW. Von August 2023 bis Mai 2026 war er persönlicher Mitarbeiter von Bundesrätin Karin Keller-Sutter. (Bild: zVg)

René Lenzin, was ist für Sie Macht?
René Lenzin: Macht haben Menschen, die Entscheidungen treffen können, welche viele andere oder sogar die ganze Gesellschaft beeinflussen. Ich selbst war nie in einer Machtposition, durfte aber für Menschen arbeiten, die Macht hatten oder noch haben. Für mich persönlich bedeutet Macht vor allem, möglichst viel über das eigene Leben bestimmen zu können. Vieles lässt sich beeinflussen – anderes, etwa die Gesundheit, nicht.

Bevor Sie persönlicher Mitarbeiter von Bundesrätin Karin Keller-Sutter wurden, waren Sie unter anderem beim Energiekonzern BKW tätig. Wer hat mehr Macht: die Bundesrätin oder Suzanne Thoma, die zu Ihrer Zeit CEO der BKW war?
Lenzin: Es ist eine ganz andere Art von Macht. Wer ein Unternehmen führt, das der grösste Grundversorger der Schweiz ist und grosse Kraftwerke betreibt, verfügt über grossen Einfluss. Die bundesrätliche Macht reicht aber weiter, weil sie mehr Themen und letztlich die ganze Gesellschaft betrifft.

Die Einflussmöglichkeiten der Bundesräte in der Schweiz sind aber viel eingeschränkter als jene von Regierungsmitgliedern in anderen Ländern?
Lenzin: Selbstverständlich. Der Bundesrat hat zwei Chefs: das Parlament und das Volk. Das schränkt seine Macht ein, ebenso wie unser politisches System. Eine Mehrparteienregierung funktioniert nun einmal anders als ein System, in dem eine Regierungskoalition ihr Programm verabschiedet und es anschliessend auch im Parlament durchbringt. Gerade diese Legislatur hat mehrfach gezeigt, dass Parlament und Bevölkerung anders entscheiden können, als der Bundesrat vorgeschlagen hatte.

Etwa bei der 13. AHV-Rente und deren Finanzierung?
Lenzin: Genau. Die Bevölkerung hat gegen den Willen von Bundesrat und Parlament Ja gesagt. Die Frage der Finanzierung blieb offen und führte zu einem längeren Hin und Her zwischen National- und Ständerat. Am Ende kam eine Lösung heraus, die nicht den Vorstellungen des Bundesrats entspricht. Ob Volk und Stände zustimmen werden, wird sich zeigen.

Sie waren im Journalismus, in der Privatwirtschaft und in der Bundesverwaltung tätig und sind immer noch in der FDP aktiv. Wo fanden Sie es am spannendsten?
Lenzin: Das Schönste an meinem Berufsleben war, dass ich mich immer wieder auf neue Aufgaben einlassen konnte. Ein direkter Vergleich ist schwierig. Die grösste persönliche Freiheit hatte ich als Korrespondent des Tages-Anzeigers in Italien und im Tessin. Am spannendsten waren aber die letzten drei Jahre als persönlicher Mitarbeiter einer Bundesrätin. Für mich war das ein wunderbarer Abschluss meines Berufslebens.

Welches Ereignis ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Lenzin: Der 11. September 2001 und alles, was in den Monaten danach passierte, waren für mich einschneidende Ereignisse. Ich war damals als Journalist im Bundeshaus und spürte sofort, dass dieses Ereignis die Welt verändern würde. Kurz darauf folgten das Attentat von Zug, das Swissair-Grounding und der Brand im Gotthard-Strassentunnel.

Gibt es Gemeinsamkeiten bei all Ihren Aufgaben?
Lenzin: Ich habe immer Tätigkeiten geschätzt, bei denen ich morgens nicht genau wusste, was der Tag bringen würde. Das war als Journalist so und später im Stab einer Bundesrätin genauso. Manchmal musste man aus dem Moment heraus reagieren, Probleme lösen oder kurzfristig Entscheide vorbereiten. Das zieht sich als roter Faden durch fast alle meine Tätigkeiten.

Und worin besteht der grösste Unterschied?
Lenzin: Als Journalist hast du mehr Narrenfreiheit. Wechselst du auf die andere Seite und arbeitest in der Kommunikation, bist du im weitesten Sinn «His Master’s Voice». Du sprichst nicht für dich selbst, sondern für die Firma oder Institution. Als persönlicher Mitarbeiter arbeitest du ohnehin im Hintergrund.

Wie sieht der Alltag eines persönlichen Mitarbeiter aus? Gibt es den typischen Arbeitstag überhaupt?
Lenzin: Nein, einen typischen Arbeitstag gibt es nicht – und eigentlich auch kein klares Stellenprofil. Jedes Bundesratsmitglied hat andere Erwartungen an seine persönlichen Mitarbeiter. Was alle verbindet, ist der Rhythmus der Bundesratssitzungen. Sie geben den Takt vor und bestimmen, was bis wann vorbereitet und erledigt sein muss.

Die meisten Bundesräte arbeiten sehr viel. Gilt das auch für ihre persönlichen Mitarbeiter?
Lenzin: Ja. Es ist sicher kein 08-15-Job. Aber ich habe es immer als Privileg empfunden, diese Aufgabe ausüben zu dürfen. Grosser Einsatz ist hier selbstverständlich.

Heisst das, dass Sie oft 14-Stunden-Arbeitstage hatten, weil Sie am Abend zuhause auch noch irgendwelche Papiere wälzen mussten?
Lenzin: Sicher kam es vor, und sicher waren es keine Achtstundentage. Am Wochenende mal ein Papier zu lesen oder eine Notiz zu schreiben, gehört einfach dazu. Es ist aber nicht so, dass ich sieben Tage die Woche rund um die Uhr im Einsatz gewesen wäre.

Welche Aufgaben hat ein persönlicher Mitarbeiter?
Lenzin: Das hängt wie gesagt stark von der Bundesrätin oder dem Bundesrat ab. Schon bei mir und meiner Kollegin im Finanzdepartement waren die Aufgaben sehr unterschiedlich. Ich war unter anderem für die Beziehungen zur Partei zuständig, betreute verschiedene Dossiers und übernahm auch Referentenarbeit, weil der Stab von Karin Keller-Sutter relativ schlank aufgestellt ist.

Bei anderen Bundesräten ist es anders?
Lenzin: Ich denke schon. Der eine persönliche Mitarbeiter ist zum Beispiel vor allem für die internationalen Geschäfte zuständig und die andere vor allem für die Innenpolitik.

Mussten Sie im Präsidialjahr auch nicht rund um die Uhr arbeiten?
Lenzin: Rund um die Uhr gearbeitet hat vor allem die Bundespräsidentin. Ihre Agenda war unglaublich dicht. Viele vergessen, dass eine ihrer wichtigsten Aufgaben die Leitung der Bundesratssitzungen ist. Entsprechend intensiv ist die Vorbereitung, weil sie alle Geschäfte kennen und auf alles vorbereitet sein muss. Für mich persönlich hat sich das Präsidialjahr kaum von den Jahren davor oder danach unterschieden.

Welches war die schwierigste Zeit in Ihrem Berufsleben?
Lenzin: Mag sein, dass man im Nachhinein vieles beschönigt. Aber ich habe mein ganzes Berufsleben eigentlich sehr genossen. Am schwierigsten war wohl die Zeit, nachdem ich meinen ersten Vollzeitjob als Journalist gekündigt hatte, um mit meiner Familie eine längere Auszeit zu nehmen. Der Wiedereinstieg war anspruchsvoller, als ich erwartet hatte. Am Ende hat sich aber auch das wieder gut gefügt.

Sie erinnern sich an kein Ereignis oder einen besonders anspruchsvollen Anlass, den Sie managen mussten?
Lenzin: Nein, denn ich ging immer gerne arbeiten und mag es, wenn etwas läuft. Woran ich mich gut erinnere, ist ein Zusammenbruch des Redaktionssystems in Zürich, als ich Italienkorrespondent war. In der Redaktion herrschte Riesenstress, um die Zeitung überhaupt herausbringen zu können. Ich habe damals sehr bedauert, nicht dabei gewesen zu sein. Solche Situationen liebe ich: eine Krise, in der man nicht lange überlegen kann, sondern einfach machen muss.

Wie beurteilen Sie als ehemaliger Journalist die Entwicklung der Medien?
Lenzin: Als ich rund zehn Jahre vor meiner Pensionierung vom Journalismus in die Kommunikation wechselte, fragte ich mich, ob ich in zehn Jahren noch gleich gerne als Journalist arbeiten würde. Ich war skeptisch. Diese Skepsis hat sich bestätigt. Das Tempo ist enorm gestiegen, gleichzeitig sind die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen schwieriger geworden. Verglichen mit anderen Ländern stehen die Schweizer Medien zwar immer noch relativ gut da. Sorgen macht mir vor allem die Entwicklung auf lokaler Ebene. Dort wird die Berichterstattung immer dünner – und das ist problematisch für die Demokratie.

Ist es national nicht auch problematisch? Wie soll die direkte Demokratie funktionieren, wenn sich die Stimmberechtigten nur noch auf Instagram, TikTok und Co. informieren?
Lenzin: Schon, aber auf nationaler Ebene gibt es mehrere starke Medienhäuser. Auf kantonaler und lokaler Ebene sieht es anders aus. Ich engagiere mich in der Berner Lokalpolitik und erlebe, wie schwierig es geworden ist, überhaupt noch mediale Aufmerksamkeit zu erhalten.

Was erfahren Sie da?
Lenzin: Die direkte Demokratie beginnt von unten. Gerade auf Kantonsebene werden wichtige Entscheide gefällt – etwa in der Gesundheits- oder Bildungspolitik. Doch in den meisten Kantonen ist die Berichterstattung extrem dünn geworden. Ausser in Zürich gibt es kaum noch Regionen, in denen mehrere grosse Zeitungen miteinander konkurrieren. Neue Online-Medien entstehen zwar, verfügen aber oft nicht über die nötigen Mittel für eine umfassende Berichterstattung.

Wie hat sich Ihre Sicht auf die Medienlandschaft verändert, seit Sie nicht mehr dazugehören?
Lenzin: Klar ist es etwas ganz anderes, ob du selbst schreibst oder – zumindest indirekt – beschrieben wirst. Der Bundesrat entscheidet an einer Sitzung über 50 bis 60 Geschäfte. Daraus greifen die Medien nur wenige auf. Aus Sicht der Regierung können aber gerade jene Beschlüsse am wichtigsten sein, die es nicht in die Medien schaffen. Die Optik ist eine andere. Das erklärt auch, warum Behörden heute verstärkt selbst kommunizieren. Das ist nicht unproblematisch, aber auch eine Folge der ausgedünnten Medienlandschaft.

Seit ein paar Wochen sind Sie als persönlicher Mitarbeiter der Finanzministerin pensioniert, arbeiten aber noch in einem 40-Prozent-Pensum für das Co-Präsidium der FDP. Wäre das Runterfahren von über 100 auf null zu anspruchsvoll gewesen?
Lenzin: Ich arbeite einfach gerne. Mir war immer klar, dass ich auch nach der Pensionierung weiter aktiv sein würde – künftig vielleicht im gemeinnützigen Bereich. Solange man gesund ist und Freude daran hat, sollte man etwas beitragen.

Wer darf Ihnen privat widersprechen?
Lenzin: Möglichst viele. Es gibt nichts Spannenderes als eine kontroverse Diskussion.

Was machen Sie, wenn Sie nicht arbeiten? Wie verbringen Sie Ihre Freizeit am liebsten?
Lenzin: Mit Sport, soweit es der Körper noch zulässt. Bis vor einem Jahr habe ich Volleyball gespielt, heute gehe ich regelmässig joggen und mache Krafttraining. Ich lese viel, vor allem Belletristik. Und weil meine Partnerin seit sechs Jahren in Madrid arbeitet, verbringe ich seither so viel Zeit wie möglich dort. So habe ich die Stadt und Spanien insgesamt kennen- und lieben gelernt.

René Lenzin (66) ist in Suhr AG geboren und hat die Kantonsschule in Aarau besucht. Nach dem Studium der Geschichte an der Universität Zürich stieg er als Sportredaktor beim «Badener Tagblatt» in den Journalismus ein. Danach arbeitete er unter anderem als Bundeshausredaktor und Italienkorrespondent beim Zürcher Tages-Anzeiger. 2014 wechselte er in die Bundeskanzlei und danach als Leiter Newsroom und Medienstelle zur BKW. Von August 2023 bis Mai 2026 war er persönlicher Mitarbeiter von Bundesrätin Karin Keller-Sutter. Lenzin präsidiert die FDP der Stadt Bern und arbeitet seit seiner Pensionierung Teilzeit für das Co-Präsidium der FDP Schweiz. Der Vater zweier erwachsener Töchter lebt in Bern.

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