Invictus (Invictus – unbezwungen)
USA 2009, von Clint Eastwood, mit Morgan Freeman und Matt Damon

Spoiler-Alert 

Der Kontrast könnte nicht grösser sein: Auf der einen Seite trainieren weisse Buren auf einem perfekten Rasen, die hellen Streifen auf den Rugby-Shirts leuchten blütenweiss. Trainer und Teenager sind harte Kerle. Das Training verläuft äusserst diszipliniert. Auf der anderen Strassenseite herrscht dagegen ein anderes Bild: Schwarze Buben, fast im gleichen Alter, jagen auf einem staubigen, stoppligen Streifen Land einem schon arg malträtierten Fussball hinterher. Gross ist der Enthusiasmus. Ein wirkliches Fussballspiel sieht aber anders aus.

Als ein Konvoi unter Sirenengeheul den Ort passiert, schauen schwarze und weisse Menschen von zwei Seiten auf das Geschehen. Es ist der 11. Februar 1990, Nelson Mandela, der legendäre Anführer des African National Congress, wird nach jahrzehntelanger Haft unter dem Apartheid-Regime aus dem berüchtigten Gefängnis auf Robben Island entlassen. Er ist es, der im Konvoi vorbeifährt.

Die Szene ist kontrastreich: Auf der einen Seite jubeln die schwarzen Fussballspieler ihrem Freiheitshelden zu und skandieren «Mandela, Mandela», während auf der anderen Seite das Rugby-Training der Weissen unterbrochen wird. Der Trainer bezeichnet Mandela abfällig als Terroristen und bringt die Angst der Buren vor dem bevorstehenden Wandel auf den Punkt: «Remember boys, this is the day when our country went to the dogs!» Diese Szene setzt die Tonlage für den Film.

Schnitt: Nelson Mandela am Morgen seiner Amtsübernahme. Gezeichnet von harter Zwangsarbeit im Gefängnis, spürt er das Gewicht der Verantwortung. Beim Morgenspaziergang sieht er die Schlagzeile einer burischen Zeitung: «He may win an election, but can he run a country?» Für Mandela eine berechtigte Frage, denn Südafrika steht vor enormen Herausforderungen: Die Wirtschaft stagniert, Arbeitslosigkeit und Kriminalität steigen. Gleichzeitig muss Mandela die Erwartungen der schwarzen und die Ängste der weissen Bevölkerung ausbalancieren.

Nach Mandelas Amtsübernahme herrscht Unsicherheit unter den weissen Mitarbeitenden des Präsidenten – einige verlassen ihren Posten, andere fürchten um ihren Arbeitsplatz. Mandela verfolgt jedoch einen Versöhnungskurs und bindet gezielt auch ehemalige Gegner ein, was allseits für Überraschung sorgt.

Um die Kluft zwischen den Bevölkerungsgruppen zu überwinden, setzt er auf die Rugby-Nationalmannschaft, ein Symbol weisser Vorherrschaft, und überzeugt die schwarzen Verbandsmitglieder, die alten Teamfarben beizubehalten. Einzig sein persönliches Eingreifen verhindert das Verbot dieser Symbole durch den ANC.

Mandela trifft Captain Francois Pienaar und macht deutlich, dass ein erfolgreiches Abschneiden bei der WM die beste Möglichkeit sei, die Bevölkerung zu einen. Viele zweifeln daran, ob Sport 50 Jahre Rassentrennung überwinden könne, zumal fast nur weisse Spieler im Team sind. Doch als die Mannschaft vor der WM durch das Land reist und selbst in den Townships, den Elendssiedlungen, trainiert, wächst die Begeisterung – auch unter der schwarzen Bevölkerung.

Die Springboks erreichen nach langer Isolation überraschend das Finale gegen die All Blacks aus Neuseeland. Am Vorabend rezitiert Mandela gegenüber Pienaar das Gedicht «Invictus» mit den berühmten Zeilen:

«I am the master of my fate;
I am the captain of my soul.»

Aus dem Zusammenhang wird klar, dass ihn dieses Gedicht während seiner Gefangenschaft immer wieder aufgerichtet hatte und er deshalb Robben Island nicht als gebrochener Mann verliess.

Das Finale, das erst in der Verlängerung entschieden wird, gewinnen die Springboks. Mandela, im Rugbyshirt der Springboks, überreicht Pienaar den Pokal. Weisse wie schwarze Südafrikanerinnen und Südafrikaner feiern gemeinsam den Sieg ihres Nationalteams – ein Symbol für die Überwindung der alten Gräben.

Sehenswert für

Im deutschsprachigen Europa, wo Rugby kaum eine Rolle spielt, dürfte vom Turnier in Südafrika im Jahr 1995 nur das ikonische Bild in Erinnerung sein, als Nelson Mandela im Rugbyshirt der eigenen Nationalmannschaft den Weltmeisterpokal übergibt. Der Film, der auf den Memoiren von Captain Francois Pienaar basiert, zeigt uns die Hintergründe sowie Nelson Mandelas unbedingten Willen, durch sein Amt nicht zu trennen, sondern zu versöhnen. Diese Leistung erscheint umso gewaltiger, als der Film auch die Zwangsarbeit im Steinbruch auf Robben Island und die unmenschliche Unterbringung der Inhaftierten thematisiert.

Dazu veranschaulicht der Film aber auch das Potenzial eines Sports als Identifikationsinstrument für den Aufbau einer neuen Nation. Rugby war zu Beginn der 1990er-Jahre ein fast ausschliesslich weisser Sport. Doch Mandelas Vermächtnis, alle Südafrikanerinnen und Südafrikaner hinter den Springboks zu vereinen, dauert an. Inzwischen ist die Mannschaft nicht nur viel diverser, sondern hat sich an der Spitze der Rugby-Hierarchie etabliert, indem sie 2007, 2019 und 2023 den Weltmeistertitel gewann. Zur Freude einer ganzen Nation, die sich, zumindest wenn die Springboks spielen, geeint sieht.

Siegreiche Strategie

Vergebung und Grosszügigkeit sind das, was Mandela vorleben will. Dem ehemaligen Freiheitskämpfer ist sehr klar, dass Südafrika nur eine Zukunft hat, wenn die beiden Bevölkerungsgruppen zusammenspannen. Er geht mit gutem Vorbild voran, geht offen auf die Buren zu, versucht Brücken zu schlagen. Gleichzeitig muss er seine Mitstreiter daran hindern, die weisse Bevölkerung unnötig vor den Kopf zu stossen. Die Springboks sind unter den Kadern seiner Partei derart verhasst, dass man sie zusammen mit all ihren Symbolen schlicht verbieten will. Für Mandela ist das nicht ohne Risiko, weil seine Vision langfristig ausgerichtet ist und demonstrative Entscheide gegen die Symbole der weissen Dominanz unter seinen Parteigenossen höchst populär sind. Letztlich öffnet Mandelas Weg aber die Möglichkeit zur Verständigung, dann zum gegenseitigen Verständnis und zu einem gemeinsamen Erlebnis. Schlussendlich mutieren seine schwarzen Leibwächter zu Fans der Springboks, wobei sie sich das Spiel und die Faszination von ihren weissen Kollegen, den ehemaligen Geheimpolizisten, erklären lassen.

Erfolglose Strategie

Die erfolglose Strategie in diesem Film symbolisieren diejenigen, die Konfrontation statt Versöhnung wollen. Von ihnen gibt es zu Beginn genug auf beiden Seiten. Doch Mandelas unbedingter Wille zur Versöhnung entzieht diesen Protagonisten mehr und mehr den Boden. Letztlich haben sie keine Chancen gegen Mandela, der aufgrund seiner Erlebnisse eigentlich Groll hegen und Vergeltung üben müsste. Sein Beispiel ermöglicht die Verständigung.

Wie wird Politik dargestellt?

Ein Übergang der Macht stellt immer eine besondere Situation dar. Wenn die Mehrheit das Steuer von der Minderheit übernimmt, stehen die Zeichen meist auf Sturm. Doch weil Mandela die Vision eines geeinten Südafrikas verfolgt und aktiv Versöhnung lebt, hält er die Möglichkeit für eine friedliche Zukunft aufrecht. Der Film zeigt, wie stark eine Persönlichkeit die Politik prägen und auf eine Weichenstellung aktiv Einfluss nehmen kann.

Der neue Staatspräsident hat sich dabei – trotz oder wegen seiner langen Haft – eine grosse Leichtigkeit und Unbeschwertheit bewahrt, ist jederzeit für Scherze zu haben und begegnet allen Leuten mit Respekt und Interesse. Auch die grossen Gesten beherrscht er locker. Verkrampft wird Politik für ihn nur, wenn das Protokoll im Vordergrund steht. Diese Darstellung von Politik hat einen starken Effekt auf alle, die sich eigentlich an Klischees abarbeiten und in ihren Schützengräben verharren möchten.

Themen

Präsidentschaft, Versöhnung, Nation Building

Zitate

«Forgiveness liberates the soul. It removes fear. That is why it is such a powerful weapon.» (Nelson Mandela)

«Out of the night that covers me,

Black as the pit from pole to pole,

I thank whatever gods may be

For my unconquerable soul.

In the fell clutch of circumstance

I have not winced nor cried aloud.

Under the bludgeonings of chance

My head is bloody, but unbowed.

Beyond this place of wrath and tears

Looms but the horror of the shade,

And yet the menace of the years

Finds and shall find me unafraid.

It matters not how strait the gate,

How charged with punishments the scroll,

I am the master of my fate:

I am the captain of my soul.»

«Invictus » von William Ernest Henley (1849–1903)

Politik als Gegenstand der Filmkunst

Politik im Film – unsere neue Serie zum Politikbild, das Spielfilme über die Jahre vermittelt haben

Wie man eine Nation zusammenschweisst

Politik im Film #27: In «Invictus» nutzt Nelson Mandela den Rugbyball als Werkzeug, um Gräben zwischen den Volksgruppen zu überbrücken

Immer ein paar Schritte voraus

Politik im Film #24: Wie «Miss Sloane» dem Lobbyingerfolg ihre eigene Karriere opfert

Die Realität ist nur relativ

Politik im Film #7: Wie «Mr. Fix it» mithilfe eines Hollywood-Produzenten einen US-Präsidenten mit einem inszenierten Krieg vor der Abwahl bewahrt.

Die Partei hat immer recht

Politik im Film #14: In «L’aveu» fordert das kommunistische System bedingungslosen Gehorsam und leben Politiker gefährlich

We shall never surrender

Politik im Film #9 Wie Churchill in «Darkest Hour» die Sprache in den Krieg gegen die Nazis schickt

Nur wer schmutzig kämpft, kann Gutes tun

Politik im Film #3: Der Verweis auf hehre Ziele rechtfertigt, dass man über Leichen geht.

Organisation und Eskalation im urbanen Guerillakampf

Politik im Film #22: Wie der antikoloniale Widerstand «La Bataille d'Alger» verliert, aber den Krieg gewinnt

Herzliche Gratulation zum Märtyrertum!

Politik im Film #10: Wie in «Life of Brian» das Reden dem Handeln im Weg steht