Die Gruppe Cobra erhebt ihr Haupt
Politik im Film #25: Wie in «Beresina oder Die letzten Tage der Schweiz» Widerstandsgeist paradoxe Konsequenzen zeitigt
Beresina oder Die letzten Tage der Schweiz
Schweiz / Deutschland / Österreich 1999, von Daniel Schmid, nach einem Drehbuch von Martin Suter, mit Yelena Panova, Martin Benrath, Geraldine Chaplin, Ulrich Noethen, Ivan Desny, Iván Darvas, Marina Confalone, Stefan Kurt, Hans Peter Korff, Joachim Tomaschewsky, Ueli Beck, Hans Wyprächtiger, Peter Simonischek, Stefan Gubser, Hilde Ziegler und Hanspeter Müller-Drossaart.
Spoiler-Alert
Irina kommt auf der Suche nach einem besseren Leben aus Elektrostal in Russland in die Schweiz. Der Anwalt Ulrich Waldvogel und die Modeschöpferin und Zuhälterin Charlotte De möchten sie benutzen, um an vertrauliche Informationen aus einflussreichen Kreisen zu gelangen, und führen sie als Callgirl in die gehobene Gesellschaft ein. Alt Divisionär Sturzenegger, Bankier Vetterli, Nationalrat Tschanz, alt Bundesrat von Gunten und Bundesrichter Hungerbühler gehören bald zu ihren Freiern und leben eigenwillige sexuelle Vorlieben aus – «ins Bett wollen eigentlich die Wenigsten», bilanziert Irina.
Irina ist von der Schweiz begeistert und freut sich auf die versprochene Staatsbürgerschaft. Weil sie nicht an relevante Informationen kommt, setzen Waldvogel und Charlotte De sie unter Druck. In der Not («eine Notlüge ist, wenn man in Not geraten würde, wenn man nicht lügt») erfindet sie Geschichten, namentlich über den Aufenthalt des Geldwäschers Tedeschi in der Jagdhütte eines Unternehmensberaters. Als sich ihre Aussage zufällig als richtig herausstellt («wenn eine Notlüge sich als die Wahrheit herausstellt, dann ist das, wie wenn sie von Anfang an wahr gewesen wäre») und dem Anwalt ermöglicht, ins Direktorium der Nationalbank aufzusteigen, verliert Irina ihren Nutzen, ihr droht die Ausweisung.
Während eines Selbstmordversuchs mit Alkohol und Tabletten entdeckt sie zufällig, wie sie die geheime Widerstandsorganisation Cobra, von der ihr alt Divisionär Sturzenegger erzählt hatte («unbescholtene Bürger, brave Patrioten gegen Subversive und Kollaborateure»), aktivieren kann. Mit der Losung «Cobra zero an Cobra uno: mutig, mutig, liebe Brüder») löst sie einen Staatsstreich aus. Ältere Männer nehmen je einen vordefinierten Tötungsauftrag in Angriff und geben das Signal zuvor telefonisch mit der Losung «mutig, mutig, liebe Brüder» an einen anderen Widerstandskämpfer weiter. Zu den Opfern gehören die meisten von Irinas Freiern und viele weitere Exponenten der Schweizer Institutionen. Nach der Erschiessung von Bürki, dem Chefredaktor des Schweizer Fernsehens, vor laufenden Kameras verkünden die Widerstandskämpfer der Öffentlichkeit, dass besorgte Bürger zur Rettung der Schweiz die Macht übernommen hätten.
Die Abklärungen, woher der auslösende Anruf von Cobra Zero kam, führen ins Wohnzimmer des bei seinem eigenen Mordauftrag erschossenen alt Divisionärs, wo Irina mit ihrer dank Heirat eingebürgerten Freundin Benedetta sitzt. Die älteren Herren der Cobra-Gruppe sind von Irina ähnlich angetan wie zuvor die High Society und organisieren begeistert ihre Krönung zur Königin der Schweiz.
Sehenswert für
Ein Pandämonium von Altherrenfantasien, Filz und Subversivenjagd: eine grossartige Satire auf das gesellschaftliche Gefüge, die politischen Mechanismen und die jüngere Geschichte der Schweiz, von geheimen Widerstandsgruppen über Informationen bezüglich Geldwäscherei aus dem Bundesrat bis zur Réduitstrategie und dem Umgang mit Migration.
Siegreiche Strategie
Wer das Ziel im Auge behält, erreicht es auch ohne Plan. Irina stolpert durch die Geschehnisse, bleibt aber hartnäckig darauf fixiert, Schweizerin zu werden. Als sich alle ihre Illusionen zerschlagen und ihr die Ausweisung droht, löst sie aus Frustration und ohne konkrete Vorstellung davon, was sie tut, einen Staatsstreich aus. Am Schluss ist sie Königin der Schweiz. Beeindruckend ist ihre Fähigkeit auszublenden, was nicht in ihr Bild passt, und gegen alle realen Erfahrungen am Klischee eines Paradieses festzuhalten: «Es ist nicht so, wie Sie glauben, wir haben einfach Spass miteinander», beschreibt sie ihre Tätigkeit.
Erfolglose Strategie
Waldvogel bringt es durch Erpressung ins Direktorium der Nationalbank – weil aber eine missbrauchte und enttäuschte Irina einen Staatsstreich auslöst, wird er erschossen, bevor die Blumensträusse zu seiner Wahl, die sich in seinem neuen Büro stapeln, verwelken.
Auch die Gruppe Cobra verfehlt ihre Ziele: Sie radiert bei einem Putsch die gesamte Führungsriege der Schweiz aus. Nur der Bankier und die Zuhälterin überleben und schauen nach der «Rettung der Schweiz» begeistert zu, wie eine russische Immigrantin zur Königin gekrönt und ihr der Schweizer Bundesstaat «sauber und intakt» übergeben wird.
Wie wird Politik dargestellt?
Wir sehen den Bundespräsidenten, einen Bundesrichter und das neue Mitglied des Direktoriums der Nationalbank hinter grossen Pulten in ihren Arbeitszimmern – das sind die einzigen Bilder offizieller Politik. Effektiv geregelt werden die Angelegenheiten in Hinterzimmern, am Rande gesellschaftlicher Anlässe (z. B. im Opernhaus und an einem Ball der Zünfte), auf einer klandestinen Schifffahrt und in einer Bar – Politik ist Filz. «Hier ist es wie in einer grossen Familie, alle helfen einander», schreibt Irina nach Russland.
Zitat
«Und hier (im Réduit) hätten sich die Soldaten versteckt, wenn Hitler gekommen wäre?»
«Nein, doch nicht versteckt, bereitgehalten. Die ganze Armee, das ganze Kommando, die ganze Regierung hat bequem unter den Bergen Platz. Spitäler, Küchen, Speisesäle, Freizeiträume, Sportanlagen, Kinos, ökumenische Kirchen, Vorräte für Jahre.»
«Und die anderen Menschen?»
«Welche anderen?»
«Die, die in den Häusern zurückgelassen worden wären?»
«Die, die hätten das fremde Regime unterwandert.»
«Genial!»
Themen
Schweiz, Staatsstreich, Untergrundorganisationen, Krönungsfeier, Filz

Schweizer Unternehmen im «Permakrisen»-Modus