Organisation und Eskalation im urbanen Guerillakampf
Politik im Film #22: Wie der antikoloniale Widerstand «La Bataille d’Alger» verliert, aber den Krieg gewinnt
La bataille d’Alger (Schlacht um Algier)
Algerien / Italien 1966, von Gillo Pontecorvo, mit Jean Martin, Brahim Hadjadj und Yacef Saâdi
Spoiler-Alert
Der Film beginnt damit, dass im Jahr 1959 ein offensichtlich gefolterter Algerier dem französischen Militär den Aufenthaltsort von Ali La Pointe, des letzten verbliebenen Anführers des antikolonialistischen Front de libération nationale (FLN), verrät. Das Militär stürmt das identifizierte Gebäude, in dem sich Ali mit einigen Getreuen in einem Versteck hinter einer Wand aufhält.
Im Rückblick wird dessen Karriere beim FLN erzählt: Ali kommt 1954 als Kleinkrimineller ins Gefängnis und wird dort vom FLN rekrutiert. Um seine Loyalität zu beweisen, soll er als Erstes einen französischen Polizisten umbringen. Danach begleiten wir ihn bei seinem Eintritt ins Kommando der Organisation. Der strategische Kopf der Widerstandsbewegung, El-Hadi Jaffar, erläutert ihm, wie zuerst die Bevölkerung organisiert und die Verstecke gesichert werden müssen, bevor die Widerstandshandlungen intensiviert werden können. Das schliesst unter dem Titel «santé physique et morale du peuple algérien» auch den Kampf gegen Alkohol, Prostitution und Illoyalität ein. Auf Verstösse verhängt der FLN die Todesstrafe.
Eindrücklich zeigt der Film die schrittweise Eskalation des Konflikts. Der FLN organisiert Mordanschläge auf Polizisten und Militäreinrichtungen im europäischen Viertel, die Täter verschwinden danach in den steilen und verwinkelten Gassen der Kasbah, der Altstadt. Die Franzosen reagieren darauf mit verschärfter Meldepflicht bezüglich Schusswunden, der Abriegelung der Kasbah mittels Stacheldraht und nächtlichen Ausgangssperren. Als die Anschläge trotzdem weitergehen, platzieren sie ihrerseits eine Bombe in einem Haus in der Kasbah, was zum Einsturz von Gebäuden und zu Dutzenden Toten einschliesslich Kindern führt. Der FLN weitet daraufhin seinerseits den Terror aus und ermordet Personen aus der französischen Zivilbevölkerung in Cafés und einem Air-France-Büro.
Darauf reagiert der französische Staat mit der Entsendung einer Division von Fallschirmjägern nach Algier. Colonel Philippe Mathieu soll Ruhe und Ordnung wiederherstellen sowie Personen und Eigentum schützen. Um die gewalttätige Minderheit unter den Arabern – «un ennemi sans visage, méconnaissable, qui se fond parmi des centaines d’autres, il est partout» – zu bekämpfen, analysiert er ihre Organisation: eine Pyramide, in der jeder Widerstandskämpfer nur drei Personen kennt, die Person, die ihn rekrutiert hat, und die zwei Personen, die er seinerseits rekrutiert. «Sans fausse humanité» rekonstruieren die Franzosen mittels «interrogation» – im Klartext Folter – diese Pyramide rückwärts und schalten eine Führungsperson nach der anderen aus. Als willkommener Anlass dient dabei ein Generalstreik, eine weitere Eskalationsstufe, mit dem der FLN erfolglos Beratungen der UNO-Vollversammlung zu beeinflussen versucht.
Nach der langen Rückblende kehren wir zur Anfangsszene zurück: Das Versteckt von Ali ist gestürmt, die Franzosen sprengen ihn in seinem Versteck in die Luft. Damit ist die historische Schlacht um Algier zu Ende. Aber wenige Jahre später beginnen Massenproteste, welche die öffentliche Meinung in Frankreich kippen lassen und 1962 zur Unabhängigkeit Algeriens führen.
Sehenswert für
Eine spannende und bewegende Darstellung, wie Terrorzellen einen urbanen Guerillakampf führen, wie eine Kolonialmacht zurückschlägt und welches Leid für die Bevölkerung entsteht. Stilistisch eine Mischung aus italienischem Neorealismus und dem Nachrichtenfernsehen der Zeit, grossmehrheitlich mit Laiendarstellern besetzt.
Der vielleicht beste Politfilm aller Zeiten und einer der wirkungsmächtigeren: Die Black Panthers und die IRA, aber auch das Pentagon sollen ihn als Schulungsmaterial verwendet haben.
Siegreiche Strategie
Der FLN kämpft mit Gewalt für die Befreiung vom Kolonialismus. Im Kern steht die Organisation der Bevölkerung. Der Aufbau als Pyramide macht es den Franzosen schwer, den Terror zu bekämpfen – auch innerhalb des FLN kennt jeder nur wenige Personen. Über diese Struktur können aber zahlreiche Personen aktiviert werden, um trotz scharfer Gegenwehr der Franzosen weitere Terrorakte zu verüben.
Der FLN lässt keine Aktion der Franzosen unerwidert und eskaliert den Kampf Schritt um Schritt, gemäss dem Film reaktiv: Erst nach einem französischen Bombenanschlag auf ein Wohnquartier nehmen die algerischen Terroristen die französische Zivilbevölkerung ins Visier. Mit seinen Anschlägen macht der FLN der lokalen Bevölkerung durch den Beweis von Schlagkraft Mut, verursacht bei den Franzosen hohe menschliche und finanzielle Verluste und führt ihnen die Fragilität ihrer Herrschaft vor Augen.
Der Film suggeriert, dass die Terroranschläge des FLN ein wichtiger Grund dafür gewesen seien, dass Algerien – trotz verlorener «Schlacht um Algier» – wenig später die Unabhängigkeit erlangte, nachdem erneut Proteste aufgeflammt und die öffentliche Meinung in Frankreich gekippt waren. Insofern ist «La bataille d’Alger» das Gegenstück zu «Gandhi», Politik im Film #13, wo die Durchschlagskraft des gewaltfreien Widerstands dargestellt wird.
Erfolglose Strategie
Colonel Mathieu steht für eiskalte Zweckrationalität: «Le problème est: Le FLN veut nous chasser d’Algérie, et nous, nous voulons y rester.» Wenn man bleiben und die Schlacht gewinnen wolle, müsse man alle notwendigen Konsequenzen akzeptieren, konkret unter dem Label «interrogation» die Anwendung von Gewalt und Folter. «Nous sommes des soldats, et nous avons le devoir de vaincre.» Colonel Mathieus ist damit aber nur kurzfristig erfolgreich.
Wie wird Politik dargestellt?
Der Filmtitel lässt einen Kriegsfilm erwarten, doch erhält die Darstellung der politischen Motive und strategischen Überlegungen beider Seiten viel Raum. Die algerische Seite wird dabei stark als Kollektiv geschildert. Ali La Pointe, dessen letzte Stunde die Rahmenhandlung des Films bildet, ist ein Analphabet, der im ganzen Film kaum einen politischen Gedanken äussert. Explizit über Politik und Strategie reflektieren ein paar Personen der FLN-Führung, den Kampf führen aber grossmehrheitlich namenlose Personen, die schiessen und Bomben legen. Eindrücklich veranschaulicht wird das Leid der algerischen und teilweise auch der europäischen Zivilbevölkerung.
Die französische Seite wird weitgehend durch Colonel Mathieu personifiziert, der wiederholt den öffentlichen Auftritt sucht und den Medien seine Überlegungen ausführlich erläutert. Er philosophiert vor ihnen über die Schritte des revolutionären Kampfs und ist sich voll bewusst, dass sie und die öffentliche Meinung in Frankreich letztlich der entscheidende Faktor sind. Denn mit intelligenter Polizeiarbeit und grosser militärischer Brutalität kann er zwar die Schlacht gewinnen, verliert aber mittelfristig den Krieg, weil die öffentliche Meinung zu kippen beginnt. Seine Arbeit erscheint als Pflichterfüllung, der Colonel wird charakterisiert als frei von Hass auf seine Gegner bzw. mit einigem Respekt vor ihren Fähigkeiten und ihrer moralischen Kraft.
Zitat
«Selon moi le FLN a beaucoup plus de chance de battre l’armée française que celle-ci n’en a d’arrêter le cours de l’histoire.»
Themen
Terrorismus, Guerillakampf, Unabhängigkeitsbewegungen, Dekolonialisierung, Imperialismus

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