Radio schlägt Klinkenputzen, Kultur schlägt Wirtschaft
Politik im Film #21: Wie in «O Brother, Where Art Thou?» ein Country-Song eine Gouverneurswahl entscheidet
O Brother, Where Art Thou? (Eine Mississippi-Odyssee)
USA 2000, von Joel Coen, mit George Clooney, John Turturro, Tim Blake Nelson, Charles Durning, Michael Badalucco, John Goodman und Holly Hunter
Spoiler-Alert
Mitten in der wirtschaftlichen Depression der 1930er-Jahre finden in Mississippi Gouverneurswahlen statt. Der übergewichtige, Zigarren rauchende Amtsinhaber Pappy O’Daniels wird vom Reformkandidaten Homer Stokes herausgefordert. Letzterer fährt mit einem Truck durch den ganzen US-Südstaat und symbolisiert an lokalen Wahlkampfauftritten mit einem Besen, dass Reinemachen angezeigt sei. Er inszeniert sich als «servant of the little man» und diffamiert O’Daniels als «slave of the interests».
Den Hauptstrang des Films bildet die Flucht dreier Sträflinge aus der Zwangsarbeit. Ulysses Everett McGill hatte ohne Lizenz als Rechtsanwalt praktiziert und wurde deshalb zu einer Haftstrafe verurteilt. Er erzählt zwei weiteren Sträflingen, Pete und Delmar, er habe einen Schatz vergraben – was sich im Lauf des Films als Lüge herausstellt, in Wirklichkeit will er primär seine Ehe retten, kann aber nicht ohne die beiden Mitgefangenen ausbrechen, an die er gekettet ist.
Auf der Odyssee ihrer Flucht streift der Film mehrmals den Wahlkampf. In einem Radiostudio nimmt das Trio zusammen mit einem Gitarristen, der seine Seele dem Teufel verkauft hat, den Song «Man of Constant Sorrow» auf, der anschliessend ohne ihr Wissen zu einem Hit wird. Die «Soggy Bottom Boys», wie sie sich als Band nennen, begegnen nach der Aufnahme kurz O’Daniels und dessen Wahlkampfteam. Letzterer versteht die Macht des neuen Mediums und verbreitet seine Botschaften live über den Äther in einer Sendung, die seine Reden mit «good old-timey music» verbindet und unter dem Titel «Pass the Biscuits Pappy O’Daniel Flour Hour» auch noch Product Placement für die Mehlmarke des Gouverneurs macht, der aus der Wirtschaft stammt.
Auch Homer Stokes begegnen die drei. Zuerst beobachten sie ihn kurz bei einem Wahlkampfauftritt auf dem Marktplatz einer Kleinstadt. Später treffen sie auf den Ku-Klux-Klan, der ihren Gitarristen gefangengenommen hat und erhängen will. Sie versuchen ihn zu retten und geraten dabei selber in Lebensgefahr, bringen aber ein brennendes Kreuz zum Einsturz und entkommen. Als Anführer des Klans entpuppt sich unter der Kapuze Stokes.
Die politisch entscheidende Szene des Films ist eine Art Fundraising-Bankett von Stokes, an dem neben O’Daniels, der Stokes Kampagnenmanager zum Überlaufen zu motivieren versucht, auch Ulysses Everetts Ex-Frau sowie die drei Geflüchteten auftauchen. Sie führen auf der Bühne ihren Song auf, was das Publikum von den Sitzen reisst. Stokes erkennt sie wieder und unterbricht sie. Er sagt der Menge, die drei seien «miscegenated», «miscreants» und «not white» und hätten kurz zuvor einen Lynchmob daran gehindert, seine Pflicht zu erfüllen, und ein brennendes Kreuz entweiht. Die Menge buht und führt Stokes ab, die Soggy Bottom Boys singen weiter und O’Daniels packt seine Chance: «Goddamn! Oportunity knocks», sagt er, bevor er sich auf die Bühne begibt und ans Mikrofon tritt. Er stellt sich auf die Seite der Soggy Bottom Boys und begnadigt sie kraft seines Amts als Gouverneur.
Wer am Schluss gewählt wird, sagt uns der Film nicht, die vier politischen Szenen werden von zahllosen weiteren Strängen überlagert, nach dem Bankett geht es mit der Suche nach dem Ehering in einem gerade entstehenden Stausee weiter. Aber weil die ganze Veranstaltung live im Radio übertragen wird, ist davon auszugehen, dass die Meinungsbildung in der breiten Bevölkerung gleich wie im Saal verläuft und Stokes sich um seine Wahlchancen gebracht hat.
Sehenswert für
Ein Gewebe absurder Geschichten, wie es nur die Coen-Brüder spinnen können, mit einem schrägen Plätschern literatur- und filmgeschichtlicher Referenzen von Homer bis zum Wizard of Oz – und bei aller Überzeichnung im Detail einer politstrategisch in den grossen Linien plausiblen Wahlkampferzählung.
Siegreiche Strategie
Pappy O’Daniels setzt auf eine eigene Radiosendung als Kanal sowie auf eine Aura von Gemütlichkeit und auf die Liebe zur traditionellen Musik als Inhalte. Er scheint zu Beginn des Films abgewirtschaftet zu haben: Seine Politik kann der wirtschaftlichen Depression nichts entgegensetzen und die Vorwürfe, er sei ein Vertreter von Partikularinteressen, bleiben an ihm hängen. Als sich aber der Gegenkandidat mit einer Band anlegt, die einen beliebten Song vorträgt und mit der sich das Volk kulturell identifiziert, packt er seine Chance und trifft den richtigen Ton. Er wirft seinem Gegner vor, er sei «the only man in our great state who ain’t a music lover», und gewinnt die Menge über gemeinsame kulturelle Werte und Interessen sowie charakterliche Zugänglichkeit für sich.
Erfolglose Strategie
Homer Stokes führt einen engagierten dezentralen Wahlkampf, verliert aber nach der gestörten Ku-Klux-Klan-Veranstaltung die Nerven, entlarvt sich als übler Rassist und – was in den Augen des Publikums im Saal mindestens so schwer zu wiegen scheint – unterbricht die Performance der Soggy Bottom Boys. Er steht kulturell in jeder Hinsicht auf der falschen Seite. Und weil das Ganze live im Radio übertragen wird, werden hundert lokale Veranstaltungen die Reichweite dieses Tiefpunkts von Stokes Wahlkampf kaum aufheben können.
Wie wird Politik dargestellt?
In Bildern von dünn besiedelten Gebieten findet auf der Strasse und in Sälen von Kleinstädten, aber auch im Radio Wahlkampf statt. Wie es sich für einen US-Südstaat gehört, ist die Rhetorik populistisch geprägt, Wahlkampf ist ein Wettbewerb um die Gunst des «Kleinen Mannes»: Der eine Kandidat verspricht, dessen Diener zu sein und dessen ökonomische Interessen zu vertreten, der andere versucht mit Volkstümlichkeit zu punkten. Als Zielgruppe des Wahlkampfs und als Publikum der Veranstaltungen kommen nur Weisse vor.
Zitat
«We ain’t one-at-a-timin’ here, we’re mass communicatin’!»
Themen
Wahlkampf, Radio, Musik, Rassismus

Mit Empathie gegen Hass: Neue Ansätze für Debatten