Entscheidungsmacht als Zumutung
Politik im Film #20: Wie in «House of Dynamite» ein anonymer Atomangriff die US-Führung in Ratlosigkeit versenkt
House of Dynamite
USA 2025, von Kathryn Bigelow, mit Idris Elba, Rebecca Ferguson, Gabriel Basso, Jared Harris und Tracy Letts.
Spoiler-Alert
Ein Radar im Pazifik entdeckt eine nuklear bestückte Interkontinentalrakete mit Kurs auf Amerikas Mittleren Westen. Ein Call wird aufgesetzt, an dem u. a. eine Analystin aus dem Weissen Haus, ein General, der stellvertretende nationale Sicherheitsberater, der Verteidigungsminister, zwischenzeitlich eine Nordkorea-Expertin und zuletzt auch der Präsident teilnehmen.
Der Film erzählt aus den unterschiedlichen Perspektiven der Call-Teilnehmenden und weiterer Beteiligter dreimal die 18 Minuten, die bleiben, bis die Rakete einschlägt. Der Versuch, sie abzuschiessen, scheitert. Wer hinter dem Angriff steht, ist nicht eruierbar. Der hastig angerufene russische Aussenminister sagt, Russland und die Chinesen seien es nicht gewesen, und droht mit Vergeltung für den Fall eines amerikanischen Vergeltungsschlags. Das beteiligte Personal diskutiert, welche Reaktion nötig und angemessen wäre («If we do not take steps to neutralize our enemies now, we will lose our window to do so»), und versucht nebenbei, das Bedürfnis, die eigene Familie zu warnen, mit seiner Verantwortung für die nationale Sicherheit auszutarieren.
Ob sich der in der Luft in Sicherheit gebrachte Präsident am Schluss für eine Reaktion entscheidet und ob die Rakete wirklich eine nukleare Explosion auslöst, zeigt der Film uns nicht.
Sehenswert für
Hochspannung, gezogen aus der nervenaufreibenden Darstellung einer verstörenden Bedrohung, getragen von einem erstklassigen schauspielerischen Ensemble – und bei aller Apokalypse konterkariert durch lustige Einblicke, was Leute während ihrer Calls alles sonst noch so machen.
Siegreiche Strategie
Wer auch immer es war, gewinnt, indem er im Dunkeln bleibt.
Erfolglose Strategie
Der Präsident hat einen Ordner voller Pläne für nukleare Gegenschläge – 89 Ziele werden ihm vorgeschlagen, «like a fucking diner menu» –, aber er kann sich nicht entscheiden, welcher angemessen ist: Gegenschläge würden voraussetzen, dass man den Urheber des Angriffs kennt. Mit blinden Angriffen auf mögliche Urheber würde er seine Feinde multiplizieren. Aber wenn er vorerst nichts tut, lässt er ein epochales Verbrechen ungestraft und riskiert darüber hinaus Präventivschläge anderer Staaten, die so spätere Gegenschläge verhindern wollen. Nukleare Spieltheorie basiert auf der Analyse der Entscheidungssituationen eines Gegners, unter der Voraussetzung von dessen grundsätzlicher Rationalität. Aber nachdem die Abschreckung nach dem Prinzip «If they see how prepared we are, no one starts a nuclear war» nicht funktioniert hat, ist das Spielfeld ganz anders gelagert und alle Vorbereitungen sind wertlos.
Wie wird Politik dargestellt?
In der ersten nuklearen Apokalypse unserer Serie – Stanley Kubricks Dr. Strangelove – bestand das verantwortliche politische und militärische Personal grossmehrheitlich aus Witzfiguren. In «House of Dynamite» sind an sich fähig wirkende, reflektierte und wohlmeinende Menschen am Ruder, die aber von ihrer Aufgabe masslos überfordert sind. Die Informationen sind ungenügend und fliessen zu langsam, für fundierte Entscheidungen fehlen die Grundlagen. Am deutlichsten bringt der Commander in Chief zum Ausdruck, welche Zumutung es für ihn ist, über nukleare Gegenschläge entscheiden zu müssen: «My job is to make this decision. I wish it weren’t.»
Zitat
«If we get this wrong, none of us are gonna be alive tomorrow.»
Themen
Präsidentschaft, Atomangriff, Krieg

«Die Lage ist noch etwas schlimmer geworden»