«Es ist extrem, wie es kompetitiver wird»
Evolutionsbiologin Anna Feller wurde für ihre Forschung über Artenvielfalt vom Schweizerischen Nationalfonds ausgezeichnet. Es werde immer schwieriger, Forschungsgelder zu bekommen.
Evolutionsbiologin Anna Feller wurde für ihre Forschung über Artenvielfalt vom Schweizerischen Nationalfonds ausgezeichnet. Es werde immer schwieriger, Forschungsgelder zu bekommen.
Anna Feller, Sie haben einen der wichtigsten Schweizer Preise für exzellente Forschung bekommen, den Marie Heim-Vögtlin-Preis des Schweizerischen Nationalfonds SNF. Was bringen Ihre Erkenntnisse der Biodiversität?
Feller: Das ist nicht ganz einfach zu sagen, denn was ich mache, ist Grundlagenforschung. Da geht es primär um einen Erkenntnisgewinn, die konkrete Anwendung ist zweitrangig. Meine Grundfrage lautete: Wie sind all die verschiedenen Pflanzen- und Tierarten überhaupt entstanden? Man kann das gewissermassen als Fortsetzung von Darwins Arbeit sehen, der sich ähnliche Fragen gestellt hat: Wie ist die unglaubliche Vielfalt da draussen entstanden? Wie konnte das passieren? Das ist in der Evolutionsbiologie schon lange eine wichtige Frage.
Wobei zurzeit das Gegenteil geschieht und die Artenvielfalt zurückgeht.
Feller: Dass heute so viele Arten vom Aussterben bedroht sind, macht die Frage besonders aktuell. Um die Biodiversität erhalten zu können, sollten wir verstehen, wie sie entstanden ist.
Ausgezeichnet wurden Sie für ihren innovativen Forschungsansatz, den Sie für die Untersuchung von Phlox-Blumen in der nordamerikanischen Prärie angewandt haben. Worin besteht dieser?
Feller: Wenn sich aus einer Art zwei unterschiedliche Arten entwickeln, muss eine Barriere entstehen, die verhindert, dass sich die beiden Arten weiterhin miteinander fortpflanzen können. Um das zu erforschen, gibt es grundsätzlich zwei Methoden. Eine besteht in der Untersuchung möglichst vieler dieser Barrieren. Man schaut etwa, ob sich die Blütezeiten und Lebensräume der Arten unterscheiden oder ob sie von unterschiedlichen Insekten bestäubt werden. Man kann aber auch auf der DNA-Ebene untersuchen, wie viele Unterschiede sich entwickelt haben, das ist die zweite Methode. Ich habe diese beiden Ansätze kombiniert und auf mehrere Artenpaare angewendet – was bisher kaum gemacht wurde, weil es sehr aufwändig ist.
Mit welchem Ergebnis?
Feller: Ich habe gesehen, dass die beiden Ansätze grösstenteils tatsächlich relativ gut übereinstimmen. Davon ging man bisher aus, ohne es wirklich getestet zu haben. Das heisst, dass man, wenn man eine der beiden Methoden anwendet, relativ viele Informationen darüber bekommt, wie ausgeprägt solche Barrieren sind. Allerdings gibt es Ausnahmen: Wenn man es wirklich sehr genau wissen will, dann braucht es beide Untersuchungen.
Warum haben Sie Phlox-Blumen in der nordamerikanischen Prärie als Forschungsgegenstand gewählt – und nicht zum Beispiel einheimische Gräser?
Feller: Für mein Postdoc.Mobility-Stipendium des Schweizerischen Nationalfonds hielt ich mich zwei Jahre lang in den USA auf. Die Professorin, in deren Forschungsgruppe ich arbeitete, hatte schon länger das System der Phlox-Pflanzen erforscht. Es gab also schon Vorwissen, auf dem ich aufbauen konnte.
Was bedeuten Ihre Erkenntnisse in Zeiten des Klimawandels?
Feller: Stellen wir uns etwa vor, dass Arten, die durch verschiedene Blütezeiten oder Lebensräume getrennt waren, durch Klimaveränderungen nun an den gleichen Stellen vorkommen oder die Blütezeiten sich immer mehr überlappen. Plötzlich treffen sie sich also wieder und vermischen sich. Dann könnte es sein, dass es mit der Zeit nicht mehr zwei Arten gibt, sondern sie wieder zu einer einzigen verschmelzen. Deshalb ist es wichtig, dass man überhaupt weiss, welche Mechanismen dahinterstecken.
Was bringt Evolutionsbiologie ganz generell?
Feller: Zum Beispiel das Verständnis, welche Prozesse im Spiel sind, wenn sich Arten an ihre Umwelt anpassen. Wie anpassungsfähig sind die Pflanzen und Tierarten, wenn sich das Klima verändert? Daraus kann man im besten Fall Vorhersagen ableiten. Ich selber mache Grundlagenforschung, bei der die Neugier stark im Fokus steht: Verstehen zu wollen, wie die Welt funktioniert.
Diese Erkenntnisse bilden dann die Grundlage, damit man etwas daraus machen kann?
Feller: Genau. Und im besten Fall kann man es verlinken und gewinnt dadurch Einsichten, aus denen dann konkrete Handlungen abgeleitet werden können.
Forschung steht immer stärker unter Legitimationsdruck. Wie gehen Sie damit um, dass Sie den Nutzen Ihrer Forschung vermitteln müssen, um zu Forschungsgeldern zu kommen?
Feller: Es ist extrem, wie es von Jahr zu Jahr kompetitiver wird. Forschungsgelder zu bekommen, und Stellen erst recht, ist ausserordentlich schwierig geworden – in der Schweiz ebenso wie in Europa. Mir bereitet es zunehmend Mühe.
Können Sie erklären, warum sich Investitionen in Grundlagenforschung lohnen?
Feller: Viele heutige Erkenntnisse sind nicht entstanden, weil man konkret danach gesucht hat. Das Schöne an der Grundlagenforschung ist, dass man der Neugier folgt und forscht. Dadurch werden grundlegende Einsichten gewonnen, von denen neue Anwendungen und Therapien abgeleitet werden können. Manchmal ist es Zufall, wie die Entdeckung von Antibiotika. Alexander Fleming hat Penicillin entdeckt, weil er eine Kulturplatte mit Staphylokokken vergessen hatte und sich darauf Schimmel bildete. Deshalb halte ich es für sehr wichtig, dass Grundlagenforschung weitergeführt werden kann. Denn man weiss nie, was dabei entdeckt wird, das später zu wichtigen Anwendungen führt.
Sehen Sie die Wissenschafts- respektive Forschungsfreiheit in Gefahr?
Feller: Ich hoffe es nicht! In den USA erscheint dies momentan tatsächlich fraglich. Ob aber vier Jahre reichen, um die Forschungsfreiheit ganz auszulöschen, bezweifle ich. In der Schweiz sehe ich auch keine akute Gefahr. Aber die Gelder drohen schon gestrichen zu werden, was ich natürlich sehr schlimm finde.
Sie haben in Harvard geforscht – der einzigen Universität, die den wissenschaftsfeindlichen Tendenzen der aktuellen US-Regierung die Stirn bietet. Sind Sie stolz darauf?
Feller: Ja, absolut. Ich finde es super, dass sie dagegenhalten.
Sie haben Phlox-Blumen Nordamerikas erforscht und Buntbarsche aus dem Viktoriasee in Afrika. Wie sieht es mit der einheimischen Flora und Fauna aus?
Feller: Ich wollte als nächstes die Alpenflora untersuchen und schauen, wie sich die Pflanzen an die Lebensräume anpassen. Doch für dieses Forschungsprojekt habe ich das Geld leider nicht bekommen.
Vor Ihrem Biologiestudium haben Sie als Primarlehrerin gearbeitet. Warum der Wechsel?
Feller: Ich wollte mir einen Traum verwirklichen. Schon im Kindergarten hatte ich gesagt, dass ich «Tierforscherin» werden möchte. Mich interessierte Verhaltensbiologie und damals schon die Artenvielfalt. Ich hatte mir das Biologiestudium aber lange nicht so recht zugetraut, weil ich skeptisch war, ob ich die Mathematik, Physik und Chemie im ersten Studienjahr schaffen würde. Das ging dann aber gut. An eine akademische Laufbahn oder eine Karriere in der Grundlagenforschung hatte ich als Kind nicht gedacht. Dass es das überhaupt gibt, habe ich erst während des Studiums entdeckt.
Bringt ein Berufswechsel nach vier Jahren als Primarlehrerin eher Vorteile oder Nachteile?
Feller: Wohl beides. Ich habe es hauptsächlich als Vorteil gesehen, weil ich schon etwas älter war und gewisse Vorstellungen davon hatte, was ich wollte – und was nicht. Ich habe das Studium sehr bewusst absolviert, weil ich es unbedingt wollte. Deshalb ging ich mit einer anderen Motivation und wohl auch einer anderen Reife daran.
Haben Sie viele Kolleginnen mit ähnlichen Erfahrungen?
Feller: Nur sehr wenige. Die meisten, mit denen ich studiert habe, waren sechs bis acht Jahre jünger als ich. Bis auf einen Kollegen, der sogar etwas älter war. Dieser hatte zuerst eine Lehre als Gärtner gemacht. Auch er wechselte aus Interesse.
In der Wissenschaft scheint der Trend umgekehrt zu verlaufen: Man sollte sich immer früher immer stärker spezialisieren, wenn man es zu etwas bringen will.
Feller: Das finde ich sehr schade. Natürlich braucht es einen gewissen Grad an Spezialisierung für bestimmte Bereiche – aber eine vielfältige (Lebens-)Erfahrung ist meiner Meinung nach ebenso wichtig. Daher sehe ich diese Entwicklung eher kritisch.
Feiern Sie als Evolutionsbiologin Weihnachten anders, als Sie das als Primarlehrerin getan haben?
Feller: Nein, da hat sich, glaube ich, nicht viel daran verändert. Oder zumindest nicht wegen der Evolutionsbiologie. Wenn schon, dann ganz grundsätzlich aufgrund meiner Lebenseinstellung und unabhängig von Feiertagen. Zum Beispiel möchte ich, wenn Fleisch, dann möglichst lokal und bio kaufen, und ich achte darauf, möglichst saisonal einzukaufen.
Wie verbringen Sie ihre Freizeit – in der Natur?
Feller: Ja, zumindest teilweise. Ich wandere und jogge sehr gerne, mache aber auch viel Musik. Ich spiele Fagott im Stadtorchester Luzern und zuhause auch regelmässig Klavier.
Anna Feller (41) ist im Emmental aufgewachsen und hat das Gymnasium Hofwil in Münchenbuchsee besucht, mit dem Schwerpunkt Musik. Nach dem Studium an der Pädagogischen Hochschule Bern arbeitete sie als Primarlehrerin im Kanton Bern, bevor sie 2012 das Biologiestudium an der Universität Bern in Angriff nahm. Nach ihrem Doktorat forschte sie im Rahmen eines SNF-Stipendiums an der Harvard University und kehrte dann in die Schweiz zurück, wo sie bis Anfang 2026 an der ETH Zürich in der Gruppe Ökologische Pflanzengenetik tätig ist. Anna Feller lebt mit ihrer Partnerin in Luzern.

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