Die Klimajungend zeigt die Entwicklung, dass die politische Haltung in immer jüngerem Alter erworben wird, eindrücklich. Noch nie waren so viele Schülerinnen und Schüler für ein politisches Anliegen weltweit auf die Strasse gegangen. (Foto: Shutterstock)

In der Schweizer Politik ist etwas im Gange, was lange Jahre kaum erwartbar war: Jungpolitikerinnen und Jungpolitikern gelingt es immer besser und immer früher, sich auf der nationalen Ebene zu etablieren. Toni Brunner, der im Alter von 21 Jahren für die SVP im Kanton St. Gallen Nationalrat wurde, war 1995 im Bundeshaus aufgrund seines Alters noch ein Exot. Im aktuellen Parlament müssen sich die U-30-Mitglieder nicht mehr allein vorkommen. Es gab in dieser Altersgruppe noch nie so viele Vertreterinnen und Vertreter.

Altersdurchschnitt im Bundeshaus sinkt

Nach den Wahlen 2019 sank erstens der Altersdurchschnitt von 50,3 auf 49 Jahre. Der Anteil der Parlamentsmitglieder unter 30 Jahren verdoppelte sich zweitens gegenüber 2015. Und drittens tragen auch die überaus aktiven Jungparteien, nicht nur bei SVP und SP, sondern auch in der Mitte und bei den beiden grünen Parteien, dazu bei, dass die Jugendlichen in den politischen Diskussionen viel präsenter sind. Und schliesslich hatte sich just vor den letzten Wahlen auch die Klimajugend mit ihren Streiks und Demonstrationen ziemliches Gehör verschafft. Insgesamt entstand der Eindruck, dass die Jugendlichen viel stärker politisiert und polarisiert seien als auch schon.

Ein globaler Trend

Offenbar ist die Schweiz dabei kein Einzelfall, wie eine neue Studie der beiden Politologen der University of Standford, Shanto Iyengar und Matthew Tyler, zeigt. Beide sind Spezialisten in der Messung und Darstellung von gesellschaftlicher Polarisation.

Früher hatten sich Jugendliche zwar auch schon mit einer Partei identifiziert, aber eine politische Polarisierung vor dem Erwachsenwerden wurde durch allgemeinen Respekt vor Autoritätspersonen stark verzögert. Nun konnten die beiden Autoren erstmals zeigen, dass die Autoritätspersonen und der Respekt heute in dieser Altersgruppe verschwunden sind. Was wiederum dazu führt, dass Jugendliche genauso polarisiert sind wie Erwachsene. Kein Wunder, erwarten Iyengar und Tyler Auswirkungen auf die zukünftige Polarisierung und das allgemeine Misstrauen in der Gesamtbevölkerung.

Lernkurve für Polarisierung heute schon im Alter von elf Jahren

Gemäss den Forschungsergebnissen muss man davon ausgehen, dass der Beginn der parteipolitischen Polarisierung heute viel früher im Lebenszyklus auftritt und sich danach nur wenig ändert. Inzwischen sind hohe Niveaus bei der Identifikation mit der eigenen und des Misstrauens gegenüber anderen Gruppen bereits vor dem frühen Erwachsenenalter vorhanden. Offenbar, so die Forschung, erreicht die Lernkurve für die Polarisierung inzwischen schon im Alter von 11 Jahren ihren Höhepunkt. Dies steht im Gegensatz zum bisherigen Verständnis der Entwicklungsmuster aus den 1970er- und 1980er-Jahren, als die frühe Kindheit von der erwähnten pauschalen, positiven Einstellung gegenüber Autoritätspersonen und dem Respekt ihnen gegenüber geprägt war. Wodurch die Parteinahme allmählich in die politischen Einstellungen der Jugendlichen eindrang, bevor sie dann im Erwachsenenalter ihren Höhepunkt erreichte.

Was die neuen Ergebnisse aber am bisherigen Verständnis bestätigen, ist die Vorrangstellung der Familie als Sozialisationsfaktor. Polarisierte Eltern scheinen nicht nur ihre Parteizugehörigkeit weiterzugeben, sondern auch ihre negative Einstellung gegenüber ihren politischen Gegnern.

Indirekt negative Auswirkungen auf demokratische Institutionen

Die beiden Stanford-Forscher sind skeptisch, ob die dokumentierten Entwicklungen nicht eine Problematik darstellen: Vor fünfzig Jahren sei man davon ausgegangen, dass die politische Sozialisation eine stabilisierende Rolle spiele, die für die Aufrechterhaltung demokratischer Normen und Institutionen wichtig sei. Insbesondere die Übernahme einer unkritischen Haltung gegenüber Autoritätspersonen durch Kinder habe eindeutig zur Legitimierung des gesamten demokratischen Systems beigetragen: «In der heutigen Zeit scheint es fraglich, ob die frühe Aneignung parteiübergreifender Animosität demokratische Normen und staatsbürgerliche Einstellungen begünstigt.» Extreme Polarisierung werde heute mit grassierender Fehlinformation in Verbindung gebracht und, wie die Ereignisse nach der US-Präsidenten-Wahl 2020 zeigen, mit der Bereitschaft, das Ergebnis freier und fairer Wahlverfahren abzulehnen. Für die beiden Politologen ist klar: «Die Frage für die künftige Forschung ist, wie Parteibindungen wie in der Zeit vor der Polarisierung vermittelt werden können, ohne dass dies mit Misstrauen und Verachtung für den politischen Gegner einhergeht.»

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