Alle suchen nach dem richtigen Verhältnis zwischen Arbeit und Privatleben: Gerade der Umstand, dass man vieles per Handy erledigen kann, hilft bei der Vereinbarkeit nicht wirklich. (Foto: Shutterstock)

Das richtige Gleichgewicht zwischen Arbeit und Leben zu finden, ist in unserer Gesellschaft keineswegs ein neues Thema. Aber das Spannungsverhältnis zwischen beiden hat sich durch die Pandemie noch verschärft. Denn die Arbeitnehmenden denken zunehmend über Sinn und Zweck ihrer Arbeit und deren Auswirkungen auf ihre Lebensqualität nach. Studien zeigen, dass im Jahr 2021 eine Rekordzahl von Menschen ihren Arbeitgeber verlässt oder zu verlassen gedenkt. Die Forschung spricht von einer «grossen Resignation». Was heisst dies nun für die Arbeitswelt? Für uns?

Arbeit steht im positiven Zusammenhang mit unserem Wohlbefinden

Um die perfekte Work-Life-Balance zu finden, wenn es so etwas überhaupt gibt, müssen wir nicht daran herumdoktern, wann, wo und wie wir arbeiten. Es geht vielmehr darum, warum wir arbeiten. Und das bedeutet, dass wir Quellen des Glücks verstehen müssen, die für uns vielleicht nicht so offensichtlich sind, die aber im Laufe der Pandemie ins Blickfeld gerückt sind.

Die Bemühungen um eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben sind wichtig. Die Arbeit steht in einem positiven Zusammenhang mit unserem Wohlbefinden und macht einen grossen Teil unserer Identität aus. Wenn Sie sich fragen, wer Sie sind, werden Sie sehr bald auf ihre berufliche Tätigkeit kommen.

Unsere Arbeit kann uns ein Gefühl von Kompetenz vermitteln, was zum Wohlbefinden beiträgt. Forschende haben nicht nur nachgewiesen, dass Arbeit zur Bestätigung führt, sondern auch, dass wir uns, wenn diese Gefühle bedroht sind, besonders zu Aktivitäten hingezogen fühlen, die Anstrengungen erfordern. Das bestätigt unsere Identität als kompetente Personen.

Experiment: 15 Minuten warten oder 15 Minuten beschäftigt sein

Arbeit scheint uns sogar in Situationen glücklicher zu machen, in denen wir uns lieber für die Freizeit entscheiden würden. Dies wurde in einer Reihe von Experimenten nachgewiesen, in denen die Teilnehmenden die Wahl hatten, untätig zu sein (15 Minuten in einem Raum auf den Beginn eines Experiments zu warten) oder beschäftigt zu sein (15 Minuten zu einem anderen Ort zu gehen, um an einem Experiment teilzunehmen). Nur sehr wenige Teilnehmer entschieden sich dafür, beschäftigt zu sein, es sei denn, sie wurden gezwungen, den Weg zu gehen, oder es wurde ihnen ein Anreiz dafür gegeben (es gab Schokolade).

Die Forschenden fanden heraus, dass diejenigen Personen, die 15 Minuten zu Fuss unterwegs waren, am Ende deutlich glücklicher waren als diejenigen, die 15 Minuten gewartet hatten – unabhängig davon, ob sie die Wahl hatten oder eine Schokolade oder keines von beiden. Mit anderen Worten: Geschäftigkeit trägt zum Glücklichsein bei, selbst wenn man denkt, dass man lieber faulenzen würde. Tiere scheinen dies instinktiv zu begreifen: In Experimenten würden die meisten lieber für Futter arbeiten, als es umsonst zu bekommen.

Produktive oder unproduktive Freizeit

Die Vorstellung, dass Arbeit respektive das Ausführen von Aufgaben zu unserem allgemeinen Wohlbefinden beiträgt, ist eng mit dem psychologischen Konzept des eudämonischen Glücks verbunden. Dies ist die Art von Glück, die wir aus einem optimalen Funktionieren und der Verwirklichung unseres Potenzials ziehen. Die Forschung hat gezeigt, dass Arbeit und Anstrengung für das eudämonische Glück von zentraler Bedeutung sind, was die Befriedigung und den Stolz erklärt, die man empfindet, wenn man eine anstrengende Aufgabe gut erledigt hat.

Auf der anderen Seite der Work-Life-Balance steht das hedonische Glück, das durch das Vorhandensein positiver Gefühle wie Heiterkeit und das relative Fehlen negativer Gefühle wie Traurigkeit oder Wut definiert ist. Wir wissen, dass hedonisches Glück erfahrungsgemäss positive Auswirkungen auf die geistige und körperliche Gesundheit hat und dass Freizeit eine gute Möglichkeit ist, hedonisches Glück zu erreichen.

Zu viel Freizeit macht weniger glücklich

Aber selbst im Bereich der Freizeit lauert im Hintergrund unsere unbewusste Ausrichtung auf Geschäftigkeit. Eine kürzlich durchgeführte Studie hat gezeigt, dass es tatsächlich so etwas wie zu viel Freizeit gibt. Unser subjektives Wohlbefinden nimmt tatsächlich ab, wenn wir mehr als fünf Stunden Freizeit am Tag haben. Sich mühelos am Strand zu vergnügen, scheint also nicht der Schlüssel zu langfristigem Glück zu sein.

Dies könnte erklären, warum manche Menschen es vorziehen, in ihrer Freizeit erhebliche Anstrengungen auf sich zu nehmen. Menschen, die eine produktive Freizeit verbringen, sprechen in der Regel von der Erfüllung persönlicher Ziele, von Fortschritten und dem Sammeln von Errungenschaften – alles Merkmale des eudämonischen Glücks, nicht des Hedonismus, den wir mit Freizeit verbinden.

Das wahre Gleichgewicht

Forschende fanden in einer Untersuchung in neun Ländern und mit Zehntausenden von Teilnehmenden kürzlich heraus, dass die meisten Menschen (über 50 % in jedem Land) immer noch ein glückliches Leben bevorzugen, das durch hedonisches Glück gekennzeichnet ist. Etwa ein Viertel strebt jedoch ein sinnerfülltes Leben an, das durch eudämonisches Glück verkörpert wird. Eine kleine, aber nicht unbedeutende Anzahl von Menschen (etwa 10 bis 15 % in jedem Land) entscheidet sich für ein reiches und vielfältiges Leben mit vielen Erfahrungen.

Angesichts dieser unterschiedlichen Lebensansätze liegt der Schlüssel zu dauerhaftem Wohlbefinden vielleicht darin, sich zu überlegen, welcher Lebensstil am besten zu einem passt: hedonisch, eudämonisch oder erlebnisorientiert. Anstatt die Arbeit gegen das Leben auszuspielen, sollte man nach der Pandemie ein Gleichgewicht zwischen diesen drei Quellen des Glücks finden.

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