«Wir pflegen eine Wir-Kultur»

Christoph Spycher ist das Gesicht des neuen YB. Der smarte Sportchef des BSC Young Boys spricht im ersten Teil des Gesprächs über eine schmerzliche Niederlage, die für YB den Wendepunkt darstellen sollte, die unfassbare 7:1-Gala gegen den FC Basel und seine Sorgen.

Im feinen Zwirn: YB-Sportchef Christoph Spycher. (Bild: ZVG)

Müssen Sie sich manchmal kneifen, um zu begreifen, was Ihnen seit Ihrem Amtsantritt vor gut zwei Jahren bei YB alles gelungen ist?
Christoph Spycher: Nein. Vielen Menschen mag YBs erfolgreiche Zeit rückblickend märchenhaft vorkommen. Das Führungsteam hat diese Phase etwas anders wahrgenommen. Für uns zählten nicht nur die Resultate, sondern auch die Entwicklung des Vereins. Wir investieren unsere ganze Kraft und Energie, um den Klub vorwärts zu bringen. Auf unserem Weg mussten wir viele Herausforderungen bewältigen. Wir erlebten Hochs und Tiefs. Nun sind wir einfach glücklich, jenen Leuten etwas zurückzugeben, die sich für YB engagieren. 

Was ist Ihnen so viel besser gelungen als Ihren Vorgängern?
Ich möchte mich nicht mit anderen vergleichen. Wir haben einen guten Mix gefunden und Mut bewiesen. Wir wollten das Kader verjüngen. Deshalb verpflichteten wir talentierte Spieler, die positive Energie auf die Mitspieler ausstrahlen und die richtige Einstellung haben – auf und neben dem Platz. Der grosse Teamgeist war ein wichtiger Faktor unterwegs zum Meistertitel. Auch im Führungsteam, das aus verschiedenen Charakteren besteht und sehr effektiv arbeitet, sind wir gut aufgestellt. Die Kompetenzen sind klar geregelt. Wir pflegen eine Wir-Kultur. Das bedeutet: Der Einzelne zählt niemals so viel wie das Ganze. Wir ordnen alles dem Wohl des BSC Young Boys unter.

Wenn es ein Erfolgsgeheimnis à la Christoph Spycher geben würde: Was waren die drei entscheidenden Puzzlesteine in der vergangenen Saison, die den Unterschied ausmachten?
Im Nachhinein stelle ich fest: Nach der Cup-Niederlage im Heimspiel gegen Winterthur Anfang März 2017 (2:2 nach Verlängerung, Winterthur gewann das Penaltyschiessen 5:3, die Red.) ging ein Ruck durch den ganzen Verein. Die Niederlage stellte den Wendepunkt dar. Wir mussten damals etwas ändern. Uns war klar: Es muss ein neuer Teamgeist entstehen. Dafür brauchte es eine andere Mentalität und neue Energie. Parallel dazu wuchs das Führungsteam zu einer Einheit zusammen. Hinzu kam der sportliche Erfolg. Wir überwinterten als Leader – zwei Punkte vor dem FC Basel. Das hat uns zusammengeschweisst. Wir wollten gemeinsam Geschichte schreiben und in Bern etwas Bleibendes hinterlassen.

Wie messen Sie Erfolg?
Das sollte man differenziert betrachten. Kurzfristig wird der Erfolg am Resultat gemessen. Die Leistung muss jedoch nicht zwingend mit dem Resultat einhergehen. Mittelfristig sind ganz andere Messfaktoren wichtig. Es stellen sich Fragen: Wie entwickelt sich ein Spieler? Wer kann eine tragende Rolle im Team spielen? Welche Talente schaffen den Sprung in die erste Mannschaft? Wie kann das Führungsteam die Prozesse verbessern? 

Kann Erfolg den Charakter eines Spielers verändern?
Erfolg sollte den Charakter eines Spielers nicht verändern – er kann es aber. Jeder Spieler braucht Leitplanken. Den einen müssen wir ab und zu wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen, der andere braucht kaum einen Fingerzeig. Wir haben ein gutes Gespür für unsere Spieler entwickelt.

War es für Sie eine Frage der Zeit, dass der konstante und konsequente Weg, den YB unter Ihrer Führung eingeschlagen hatte, in eine so erfolgreiche Saison 2017/2018 münden würde?
Wir haben davon geträumt, Schweizer Meister zu werden, das schon. Aber wann sich dieser Traum erfüllen würde, konnten wir nicht abschätzen. Um sportlichen Erfolg zu haben, benötigten wir in erster Linie Konstanz – in jedem Match und in jeder Trainingseinheit. Den Punkterückstand auf den FC Basel handelten wir uns nicht in den Direktbegegnungen ein, sondern in den Spielen gegen die anderen Super-League-Klubs. 

Als Sportchef müssen Sie jeweils auch mit den Spielerberatern verhandeln. Welchen Einfluss haben diese Geschäftsleute?
Spielerberater sind unsere Vertragspartner und haben wegen ihres Netzwerks einen nicht zu unterschätzenden Einfluss. Es gibt zwei Arten von Spielerberatern: Jene, die ihre Eigeninteressen ins Zentrum rücken, und jene, die die Karriere und das Wohl des Spielers priorisieren. Natürlich kommt es auch auf den Charakter eines Spielers an. Es gibt eigenständige Fussballer, die selbständig entscheiden. Andererseits gibt es Spieler, die leicht zu beeinflussen sind und nur über ihren Berater verhandeln. Wir können den Spielerberatern nicht die gleich hohe Kommission bezahlen wie das ausländische Topklubs tun. Für uns ist es erstrebenswert, dass ein Berater beteiligt ist, wenn wir einen Spieler zu einem finanzkräftigen Grossklub transferieren können. So schaffen wir auch einen zusätzlichen Anreiz für den Berater. 

Zuletzt hat YB den FC Basel gedemütigt und 7:1 gewonnen. Wie haben Sie dieses Spiel erlebt – hat Ihnen der FC Basel leidgetan?
Man darf nicht vergessen, dass das Spiel extrem für uns gelaufen ist. Goalie David von Ballmoos hat uns mehrmals vor Gegentreffern bewahrt, als das Spiel noch nicht entschieden war. Dann kassierte Basel auch noch eine Rote Karte. Wir haben den klaren Sieg genossen, aber nur kurz, es geht schliesslich Schlag auf Schlag; am Mittwoch stand bereits das Heimspiel gegen St. Gallen auf dem Programm (YB gewann 2:0, die Red.).

YB dominiert die Liga und weist nach acht Runden das Punktemaximum auf. Der Vorsprung auf den lange Zeit übermächtigen Serienmeister FC Basel beträgt bereits zwölf Punkte. Hat im Schweizer Fussball eine Wachablösung stattgefunden?
Nein. Der FC Basel bleibt – wie der FC Bayern München in Deutschland – L’équipe à battre. Wenn Borussia Dortmund Deutscher Meister wird, ist Bayern in der nächsten Saison erneut Favorit. Wir wollen die Ambition haben, den Schweizer-Meister-Titel zu verteidigen, auch wenn wir weniger finanzkräftig sind als der FC Basel. Wir sind nicht satt, sondern hungriger denn je. Wir orientieren uns an grossen Champions wie Roger Federer. Auch er muss hart trainieren, um seine Erfolge wiederholen zu können.

Wo sehen Sie YB in fünf Jahren – sportlich und wirtschaftlich?
Das ist schwierig abzuschätzen. Ich hoffe, dass YB eigenständig bleibt und das Unternehmen profitabel arbeitet. Ich wünsche mir auch dannzumal eine Mannschaft, die für Bern steht, die bewegt und begeistert, mit der sich die Menschen identifizieren. 

Wo hat YB sportlich, organisatorisch und wirtschaftlich gesehen Steigerungspotenzial?
Wir haben uns etwas erarbeitet. Aber Stillstand ist bekanntlich Rückschritt. Wir sind ständig daran, uns weiter zu entwickeln. Nehmen wir die individuelle Förderung der Spieler als Beispiel: Da haben wir zuletzt noch einmal einen Schritt vorwärts gemacht. Ein Verteidiger muss nicht immer so trainieren wie ein Stürmer.

Was sind Ihre grössten Sorgen mit Bezug auf YB?
Ich wünschte mir bessere Trainingsbedingungen für unseren Nachwuchs. Die Infrastruktur ist eines Schweizer Meisters unwürdig. Wir haben mehrere hundert junge Spieler im Verein, die wir ausbilden und denen wir Werte mitgeben, die auch für ihre berufliche Entwicklung wichtig sein können. Unter den heutigen Bedingungen diese Verantwortung wahrzunehmen, ist nicht leicht. 

Was für ein Verhältnis haben Sie zu Trainer Gerardo Seoane?
Wir haben ein professionelles Verhältnis. In der Saison 2004/2005 waren wir bei GC Teamkollegen. Ich habe Gerardo Seoane als Trainer verpflichtet, weil ich von Anfang an von seinen Qualitäten überzeugt war – deshalb haben wir mit ihm einen Dreijahresvertrag abgeschlossen. Gerry und ich arbeiten als Tandem zum Wohl von YB – jeder von uns ist mit den notwendigen Kompetenzen ausgestattet. Ich freue mich sehr, dass Gerardo Seoane mit der Qualifikation für die Champions League und dem makellosen Saisonstart erste beachtliche Visitenkarten abgeben konnte. Für ihn war es nicht leicht, die Nachfolge von Adi Hütter anzutreten, der YB zum ersten Schweizer-Meister-Titel nach 32 Jahren geführt hatte.

Wie sehr frisst der Job Sie auf beziehungsweise bleibt genügend Zeit für Sie selbst und Ihre Liebsten?
Meine Arbeit empfinde ich als sehr intensiv. Ohne die Unterstützung und das Verständnis meiner Familie würde ich diesen Job nicht machen. Ich versuche, mit meinen Liebsten so viel Zeit wie möglich zu verbringen. Fürs neue Jahr habe ich mir vorgenommen, im Selbstmanagement einen Schritt nach vorne zu machen. Geht es darum, nach Hause zu gehen, damit noch Zeit für meine Kinder bleibt, mache ich das. Wenn es aber darum geht, um 17.30 Uhr eine Joggingrunde zu absolvieren oder aufs Bike zu steigen, erledige ich tendenziell eine Arbeit im Büro, die man auch hätte verschieben können (schmunzelt).

Würde es Sie reizen, das gleiche Amt dereinst bei einem Bundesligisten zu übernehmen?
Ich habe aufgehört, Pläne für die Zukunft zu schmieden. In einem so dynamischen Umfeld lässt sich eine Berufskarriere nicht mehr allein auf dem Reissbrett entwerfen. Ich fühle mich glücklich, dass ich Sportchef bei YB sein kann. Was in zwei, fünf oder zehn Jahren sein wird, weiss ich nicht. Ich nehme mir das Privileg heraus, das zu machen, wozu ich Lust habe. 

Gespräch: Thomas Wälti

Im zweiten Teil des Gesprächs geht es um die magische Champions League: «Druck setzt die schönsten Emotionen frei»


Kapitän in der Bundesliga, Sportchef beim Schweizer Meister

Nach dem Matura-Abschluss trieb Christoph Spycher seine Profikarriere als Fussballer zielstrebig voran. «Wuschu», wie er von seinen Freunden gerufen wird, bestritt für den FC Luzern (1999-2001), GC (2001-2005) und YB (2010-2014) insgesamt 236 Spiele in der NLA/Super League. Dabei schoss er zwölf Tore. Zwischen 2005 und 2010 stand Spycher beim Bundesligisten Eintracht Frankfurt unter Vertrag. Er brachte es auf 129 Bundesliga-Einsätze. In der Saison 2009/2010 fungierte der in Oberscherli aufgewachsene Berner als Kapitän der Mannschaft. Bei den Frankfurtern galt er als verlängerter Arm des Trainers auf dem Feld.

Spycher absolvierte 47 Länderspiele. Der gelernte Defensivspieler nahm mit dem Schweizer Nationalteam an den Europameisterschaften 2004 und 2008 sowie an der Weltmeisterschaft 2006 teil. Auf nationaler Ebene feierte der heute 40-Jährige den grössten Erfolg 2003, als er mit GC Schweizer Meister wurde. 2006 stand er mit Eintracht Frankfurt gegen Bayern München im Final des DFB-Pokals (0:1).

Nach seinem Rücktritt im Mai 2014 unterschrieb Spycher bei YB einen Vertrag als Talentmanager. Gleichzeitig absolvierte er die Sportmanagement-Weiterbildung an der Universität St. Gallen. Er erlangte das CAS-Diplom. Seit September 2016 ist Spycher Sportchef bei den Young Boys. Mit seiner Frau Barbara und den Söhnen Dominic (10) und Claudio (8) wohnt er in Muri bei Bern. Als Hobbys gibt Spycher die Familie, Freunde und Sport allgemein an.