«Corona hat uns ins Auge des Hurrikans gespült»

Für Matthias Schnyder, Generalsekretär der Volkswirtschaftsdirektorenkonferenz, hat die enge Abstimmung zwischen Bund und Kantonen in der Corona-Krise die Vollzugstauglichkeit der Instrumente verstärkt.

Matthias Schnyder ist seit August 2018 Generalsekretär der Konferenz Kantonaler Volkswirtschaftsdirektoren (VDK).
(Foto: zvg)

Matthias Schnyder, was ist für Sie Macht*?

Matthias Schnyder: Die Möglichkeit, Einfluss zu nehmen und die eigenen Ziele durchzusetzen. Wobei Macht in der Schweiz immer auch mit Skepsis verbunden ist. Unser politisches System kennt keine mächtige Zentrale, sondern beruht auf der Teilung der Macht – sei es zwischen Bund, Kantonen und Gemeinden, zwischen Regierung, Parlament, Justiz und Volk oder innerhalb der Regierung mit der Konkordanz. Die Fachdirektorenkonferenzen sind ein Rädchen in der ausgefeilten Machtverteilungsstruktur des schweizerischen politischen Systems.

Wie mächtig ist das Rädchen namens VDK?

Schnyder: Zuerst stellt sich die Frage, wie mächtig die Kantone sind. Sie sind keine Lobbying-Organisation, sondern eine Ebene des Staatswesens. Die Kantone und das Schweizervolk bilden gemäss Verfassung die Eidgenossenschaft. Sie haben klar definierte Aufgaben, die sie wahrnehmen. Und zu den Aufgaben von Konferenzen wie der unsrigen gehört, kantonale Mehrheitsanliegen bei der Willensbildung des Bundes einzubringen. Wenn das gelingt, können die Kantone ihre verfassungsmässig zugeordnete Macht ausüben.

Wie gut ist es Ihnen in der Pandemie gelungen?

Schnyder: Die VDK hatte da eine Sonderrolle, da es sich bei der Corona-Pandemie auch um eine wirtschaftliche Krise handelt. Corona hat die VDK sozusagen ins Auge des Hurrikans gespült. Im Vordergrund standen Koordinations- und Interessenvertretungsaktivitäten im Zusammenhang mit den Stützungsmassnahmen für die Wirtschaft. Es ist insgesamt relativ gut gelungen, Gefässe zu etablieren, in welche die Kantone ihre Anliegen frühzeitig einbringen konnten. Entscheidend für den Erfolg war jedoch der Vollzug in den Kantonen.

Die Umsetzung der Massnahmen in den Kantonen wurde aber immer wieder kritisiert.

Schnyder: Natürlich ist nicht alles optimal gelaufen, es gibt immer Verbesserungsbedarf. Aber ich würde sagen: Die enge Abstimmung zwischen Bund und Kantonen hat die Vollzugstauglichkeit der Instrumente insgesamt verstärkt. Sie waren so aufgegleist, dass sie den Unternehmen und den Arbeitnehmenden zugutegekommen sind. Daneben setzte sich die VDK dafür ein, dass bei den gesundheitspolitischen Massnahmen die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aspekte nicht vergessen gingen.

Bei der Umsetzung der Stützungsmassnahmen gab es grosse Unterschiede. In einem Kanton bekam ein Unternehmen rasch Hilfe, im anderen erst viel später oder gar nicht. Haben Sie versagt?

Schnyder: Die ganz grosse Mehrheit der betroffenen Betriebe und Arbeitnehmenden hat rechtzeitig Hilfe erhalten. Bei der Ausgestaltung ging es darum, einen Mittelweg zwischen Bundesvorgaben und kantonalem Freiraum zu finden. Die Voraussetzungen im Kanton Uri sind nicht die gleichen wie in Zug oder in Genf.

Das wurde aber zumindest zu Beginn stark kritisiert.

Schnyder: Es wurden Einzelfälle negativer Beispiele präsentiert. Von den vielen positiven Beispielen hörte man leider sehr wenig. Auch zu normalen Zeiten kommt es immer wieder vor, dass der eine oder andere zwischen Stuhl und Bank fällt. Das ist natürlich tragisch. Die Aufgabe der Stützungsinstrumente war es, Hilfe für die grosse Masse der betroffenen Betriebe und Arbeitnehmenden zu finden.

Die VDK nannte die Krise kürzlich eine Chance. Wofür?

Schnyder: Die Schweiz kam wirtschaftlich gut durch die Krise, auch weil wir eine starke Wirtschaft haben. Es zeigte sich aber auch, dass wir zu unserem Erfolgsmodell Sorge tragen müssen. Die VDK-Mitglieder stellen eine gewisse Erosion des Erfolgsmodells fest. Es findet teilweise eine Entfremdung zwischen Wirtschaft und Bevölkerung statt.

Woran machen Sie das fest?

Schnyder: Das zeigen verschiedene politische Entscheide, etwa die Abstimmung über die E-ID. Vor 20 Jahren wurden von der Wirtschaft getragene Vorlagen meist angenommen. Heute besteht eine gewisse Skepsis gegenüber wirtschaftlichen Anliegen.

Wie kann man den Moment nutzen, um den Graben zwischen Wirtschaft und Bevölkerung zu überwinden?

Schnyder: Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie wichtig eine starke Wirtschaft ist, um eine solche Krise zu überwinden. Wirtschaft sind wir alle. Alle haben ein Interesse, dass es dem Wirtschaftsstandort gut geht. Da sind alle politischen und wirtschaftlichen Akteure gefordert. Es gilt zu überlegen, wie hierfür Frau und Herr Schweizer sensibilisiert werden können.

Ist mit der Erfahrung ein erster Schritt gemacht?

Schnyder: Ja, das ist eine Chance. Diesen Faden müsste man jetzt aufnehmen.

Welche volkswirtschaftlichen Schwächen hat die Krise offenbart? 

Schnyder: Sicher die mangelnde Digitalisierung. Wir haben aber auch ein bisschen gestaunt, wie schnell gewisse Unternehmen nicht mehr liquid waren und nach dem Staat riefen.

Sehen Sie konkretes Verbesserungspotenzial?  

Schnyder: Allenfalls könnte die frühzeitige regionale Koordination noch intensiviert werden. Wenn Kritik kam, etwa an den Härtefallhilfen, dann war es selten so, dass beispielsweise die Genfer bemängelt hätten, was in Graubünden passiert. Sie haben vielmehr über die Grenze geschaut, zu den Waadtländern. Und die Waadtländer zu den Jurassiern.

Was ist Ihre wichtigste Lehre aus der noch nicht ausgestandenen Krise?

Schnyder: Man muss früher auf allen Ebenen koordinieren und die Erfolge besser kommunizieren.

Wie anstrengend waren für Sie die letzten anderthalb Jahre?

Schnyder: Anstrengend. Im Generalsekretariat der VDK arbeiten wir zu zweit zu je 80 Prozent. Es war eine Herausforderung, die Zusatzaufgaben mit diesen Ressourcen zu meistern. Ich habe kleine Kinder, meine Frau arbeitet ebenfalls, und mein Kollege ist in der gleichen Situation. Da kam ich schon an meine Grenzen.

Was, wenn neue Stützungsmassnahmen aufgegleist werden müssen?

Schnyder: Falls über neue Massnahmen entschieden wird, würden wir auch wieder unsere Koordinationsrolle einnehmen. Wir haben jetzt über ein Jahr lang im Krisenmodus gearbeitet. Sehr vieles war völlig neu. Die Härtefallhilfe zum Beispiel ist auf dem Reissbrett entstanden als ein Instrument, das es vorher nicht gab. Nebst den beschränkten Ressourcen war die grösste Herausforderung, ohne jegliche Erfahrung etwas völlig Neues aus dem Boden stampfen zu müssen. Wenn jetzt wieder etwas käme, könnte man wenigstens auf den bestehenden Erfahrungen aufbauen.

Ist die VDK unterwegs in Richtung Normalität?

Schnyder: Das sind wir. Wie die meisten vergleichbaren Organisationen haben wir zum Glück wieder sehr viele ordentliche Dossiers, die uns beschäftigen. Zusätzlich läuft Corona weiter mit.

Was sind das für Dossiers?

Schnyder: Die VDK bringt sich aktuell bei der Willensbildung auf Bundesebene etwa in den Bereichen Arbeitsmarkt, Standortförderung und Service Public ein. So zum Beispiel bei der künftigen Grundversorgung durch die Post, der Lage der älteren Arbeitnehmenden oder der Überprüfung des Drittstaatensystems.

Welches ist zurzeit Ihre grösste Sorge?

Schnyder: Für unsere Mitglieder ist sicher die Europafrage eine der grössten Sorgen. Es ist entscheidend, einen funktionierenden Marktzugang zu unserem wichtigsten Wirtschaftspartner zu haben. Das ist wichtig für unsere Betriebe, aber auch für die Arbeitnehmenden.

Wie sieht Ihr typischer Arbeitstag aus?

Schnyder: Die Koordination und Abstimmung erfordern viel Netzwerkarbeit. Ich nehme an Sitzungen teil, führe viele Telefonate und betreibe Networking mit den Partnern. Unsere Aufgabe ist, sich frühzeitig einzubringen und gemeinsame Lösungen zu finden – das läuft oft über Kontakte. Aus diesen Kontakten entstehen die Entscheidungsgrundlagen, die unseren Mitgliedern vorgelegt werden.

Was macht den Job besonders spannend?

Schnyder: Der Kontakt mit einem extrem breiten Netzwerk und die persönlichen Kontakte neben den inhaltlichen Diskussionen. Die sehr breite Themenpalette, bei der man mitgestalten kann. Politische Geschäfte weiterentwickeln zu können, Grundlagen zu erarbeiten für die Politik, die dann Entscheide fällt: Das ist sehr spannend. Und mir bereitet Freude, dass es Geschäfte sind, die am Ende in einer Vorlage münden, die der Allgemeinheit dienen.

Wer darf Ihnen privat widersprechen?

Schnyder: Mein ganzes privates Umfeld: meine Frau, meine Kinder, der Rest der Familie und die Freunde. Ich schätze den Dialog – und mache das Gleiche: Ich widerspreche auch.

Was machen Sie in der Freizeit?

Schnyder: Momentan verbringe ich den grössten Teil meiner Zeit mit der Familie. Die Kinder sind 4 und 7 Jahre alt, für sie sind ein «Papitag» pro Woche, die Randzeiten plus die Wochenenden reserviert. Freundschaften sind mir wichtig. Die wenige Zeit, die bleibt, gehe ich joggen oder in die Berge wandern oder Ski fahren. Und da wäre noch ein Projekt: Ich singe sehr gern und suche eine Gesangsformation im Raum Bern. Wenn es zeitlich wieder mal drin liegt, wäre das ein wichtiger Ausgleich für mich.

Matthias Schnyder (46) ist als Walliser in Freiburg aufgewachsen. An der dortigen Uni studierte er Zeitgeschichte und Staatswissenschaften und machte den Master in Verwaltungsmanagement. Ins Berufsleben stieg er an der DEZA ein. Danach war er für das Institut für Föderalismus in Freiburg und die Staatskanzlei des Kantons Aargau tätig. Seit drei Jahren führt er das Generalsekretariat der Konferenz Kantonaler Volkswirtschaftsdirektorinnen und Volkswirtschaftsdirektoren VDK. Schnyder wohnt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zollikofen bei Bern.

*In der Schaltzentrale der Macht
Sie sitzen auf entscheidenden Positionen, aber selten im Rampenlicht: Generalsekretäre von Parteien oder eidgenössischen Departementen, Geschäftsführerinnen von Verbänden oder Direktoren von Nichtregierungsorganisationen. Braucht die Schweiz politische Lösungen, helfen sie diese zu entwickeln. In regelmässigen Abständen wollen wir im Gespräch die Schaltzentralen der Macht ausleuchten.

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