«Wir müssen raus in die Kälte»

Divisionär Raynald Droz, der die Schweizer Armee durch die Pandemie und den Einsatz in Blatten geführt hat, erklärt, warum wir die Komfortzone verlassen sollten, um in künftigen Krisen zu bestehen.

Raynald Droz (60) ist in Estavayer-le-Lac geboren und teilweise in Italien aufgewachsen, wo er sich zum zivilen nautischen Offizier ausbilden liess. Im Alter von 30 Jahren wurde er Berufsoffizier. Seit Anfang 2025 führt Droz im Rang eines Divisionärs die Territorialdivision 1. Der Vater von zwei erwachsenen Kindern lebt mit seiner Frau in Estavayer-le-Lac. (Bild: zVg)

Sie haben die beiden grossen Armeeeinsätze der letzten Jahre in der Schweiz geleitet. Wie ist Ihr Fazit: Wie gut ist die Schweiz für Krisen aufgestellt? 
Raynald Droz: Was gut funktioniert, ist das nötige Vertrauen. Die Schweiz ist klein genug, dass wir uns alle kennen, gegenseitig anerkennen und einander vertrauen. Das halte ich für eine sehr gute Sache.

Und was funktioniert weniger gut?   
Droz: Es gibt überall materielle Fähigkeitslücken. Und es geht nicht nur um das Material, sondern um die ganze Kette – von der Mobilisierung über die Führung bis zur Durchhaltefähigkeit. Gerade die Mobilisierung und die Durchhaltefähigkeit sind eine erhebliche Herausforderung für unser Milizsystem. Moderne Kriege wie jener in der Ukraine, der seit Jahren dauert, zeigen uns: Wir müssen resilienter werden. Das gilt nicht nur für die Schweizer Armee, sondern für das ganze Land und die gesamte Bevölkerung.

Wo orten Sie bei der Krisenbewältigung im Innern die grösste Lücke? 
Droz: Der Wille, gemeinsam zu trainieren und uns unter Druck zu setzen, ist noch gering. In unserem Land mit den verschiedenen Organisationen auf mehreren Ebenen reicht das nicht. Wir müssen trainieren und unsere Fehler und Grenzen, aber auch unsere Stärken anerkennen. Unser System mit den Gemeinden, Kantonen und dem Bund ist recht komplex. Da müssen wir uns viel stärker unter Druck setzen – wie ein Sportler, der vor einem Wettkampf trainiert.

Sollten Armee, Polizei, Feuerwehr, Zivilschutz und all die weiteren für die Sicherheit zuständigen Stellen öfter gemeinsam trainieren? 
Droz: Ja. Für zivile Katastrophen sind wir nicht schlecht aufgestellt. Aber für Szenarien, die darüber hinausreichen – ich spreche vom hybriden Krieg –, machen wir zu wenig. Zuerst müssen wir uns auf das Szenario verständigen, dann die unterschiedlichen Rollen klären und schliesslich die Verantwortlichkeiten festlegen. Allein diese Abstimmung gibt schon eine Übung, die mehrere Wochen dauern kann – und das ist erst der Anfang.

Blicken wir kurz zurück: Was hat Sie persönlich mehr gefordert? Die Corona-Pandemie oder der Bergsturz von Blatten?   
Droz: Beide waren ganz unterschiedlich. Die Pandemie dauerte lange, war diffus und von grosser Unsicherheit geprägt. Für mich stellte sich die Frage, wie mit der Unsicherheit und dem nationalen Druck umzugehen ist. Blatten war viel konkreter, da waren auch die Emotionen anders. In meinen Verbänden gibt es fast immer jemanden, der direkt betroffen ist.

Diesmal auch? 
Droz: Einer meiner Offiziere hat mir ein Foto seines Hauses gezeigt und gesagt: Da bin ich aufgewachsen, da habe ich all meine Sommer- und Winterferien verbracht. Jetzt liegt es mitten im See von Blatten. Das ist das Besondere an der Schweizer Milizarmee: Unsere Einsätze sind nie abstrakt.

Was hat die Armee in Blatten gut gemacht, was lief weniger gut? 
Droz: Wir waren schnell vor Ort, konnten aber unsere Mittel zu wenig einsetzen. Wir hatten Pumpen dabei und glaubten, wir würden diese Herausforderung wie üblich meistern. Und dann mussten wir wie die zivilen Einsatzkräfte feststellen, dass die Dimension des Ereignisses unsere verfügbaren Mittel bei weitem überstieg: die neun Millionen Kubikmetern Masse und die Geschwindigkeit, mit der der See stieg. Was wollten wir pumpen? Es war wie ein kleiner Löffel, um einen riesigen See auszulöffeln.

Beschäftigen Sie die weinenden Augen der Betroffenen von Blatten bis heute? 
Droz: Ja, das tun sie. Ich denke an ein Ehepaar und eine pensionierte Frau, die mir mit Tränen in den Augen sagten: «Das ist alles, was uns bleibt.» Es waren ein T-Shirt und eine kurze Hose. Und ich denke an ein Plüschtier, das einer meiner Männer aus dem See gefischt hat. Er sagte, ihn berühre das fast mehr, als irgendwo auf der Welt in einem Katastropheneinsatz jemanden aus einer Ruine herauszuholen.

Die Gletscher schmelzen weiter, der Permafrost geht zurück. Ist der nächste Armeeinsatz in den Bergen nur eine Frage der Zeit?  
Droz: Es ist eine Realität für den gesamten Alpenraum und darüber hinaus. Der Alpenraum gerät zunehmend unter Druck. In den nächsten Jahrzehnten werden wir mit grundsätzlichen Fragen konfrontiert werden: zu den Brücken, die wir erneuern müssen, zur Zukunft der Menschen, die dort leben. Das müssen wir antizipieren, in einem sehr schwierigen Gelände und in einer Zeit, in der andere sicherheitspolitische Prioritäten Ressourcen beanspruchen.

Wie bereiten Sie sich vor: Indem Sie grössere Pumpen anschaffen? 
Droz: Nein, das tun wir nicht, denn es gibt keine hundertprozentige Sicherheit und keine Gesellschaft ohne Risiko. Resilienz heisst nicht, dass keine Katastrophen passieren. Resilienz heisst, sicherzustellen, dass wir nach einer Katastrophe möglichst rasch wieder handlungs- und funktionsfähig werden.

Tun Sie das? 
Droz: Selbstverständlich. Wir haben wieder eine Anfrage aus Blatten, dass wir Truppen entsenden, um beim Wiederaufbau zu helfen. Blatten wird wieder aufgebaut, es gibt dort eine unglaubliche Energie. Aber solche Katastrophen zu verhindern und mit grösseren Pumpen zu kommen, damit der See nicht so schnell ansteigt und wir die Häuser schützen – das wird nicht möglich sein. Die Armee und die ganze Gesellschaft können nicht die gesamte kritische Infrastruktur der Schweiz im gleichen Mass schützen. Wir haben nicht genug Truppen, nicht genug Polizei, nicht genug Leute. Es ist immer eine Frage der Priorisierung und der Risiken, die wir angehen müssen.

Während der Pandemie waren Sie das Gesicht der Schweizer Armee. Verfolgt Sie das bis heute? 
Droz: In der Deutschschweiz stärker als bei mir zuhause in der Romandie. Wenn ich in eine Umgebung komme, in der man mich nicht kennt, werde ich als das Gesicht der Schweizer Armee während Corona präsentiert. Das bleibt an mir hängen – in der Öffentlichkeit, nicht in der Armee. Für mich ist das aber okay.

Warum? 
Droz: Es ist ja nicht so, dass wir als Militärpersonen die «Siebesieche» wären, wie es in der Deutschschweiz heisst. Es war aber ein positives Momentum für die Wahrnehmung des Armeeeinsatzes. Das brauchen wir, weil die Armee in den Medien und in der Öffentlichkeit nicht immer positiv dargestellt wird.

Worin bestand während Corona aus Sicht der Armee die grösste Herausforderung?  
Droz: Unglaublich schwierig war die Koordination von sechsundzwanzig Kantonen, wobei wir in jedem Kanton mehrere Partner wie Spitäler oder Heime hatten. Innerhalb von achtundvierzig Stunden landeten Hunderte von Begehren auf unserem Tisch. Wir haben Wochen gebraucht, bis wir eine Systematik gefunden hatten, wie wir die Übersicht behalten und die Anfragen am besten priorisieren konnten.
Es war aber auch eine einmalige Situation. Von einer Katastrophe sind jeweils ein, zwei Kantone betroffen, das bewältigen wir. Aber die Unterstützung in der ganzen Schweiz aus einer zentralen Führungsorganisation heraus zu koordinieren, war unglaublich anspruchsvoll.

Werden Sie bei einer nächsten Pandemie rascher sehen, wer zuerst unterstützt werden muss? 
Droz: Ja, es gibt diese Hoffnung. Bis Ende 2029 soll das nationale Datenverbundsystem stehen, das den militärischen und zivilen Stellen einen raschen, krisenresistenten Datenaustausch erlaubt. Ein sicherer Datenverbund und digitale Hilfsmittel, künftig möglicherweise auch künstliche Intelligenz, werden uns helfen, rascher ein gemeinsames Lagebild zu erstellen und Begehren systematischer zu erfassen und zu priorisieren.

Seit dem Ukrainekrieg sind mögliche militärische Eskalationen ein grosses Thema. Ist die Schweiz gut vorbereitet?  
Droz: Das kann ich nicht mit Ja oder Nein beantworten, weil es von sehr vielen Faktoren abhängt. Eins davon ist unser Milizsystem, welches das zivile und militärische Potenzial miteinander verbindet. Das ist ein wesentlicher Vorteil. Dazu kommen die Entscheide der letzten Jahre, die Armee auf Verteidigungsfähigkeit auszurichten. Der Wiederaufbau einer glaubwürdigen Verteidigungsfähigkeit braucht jedoch Zeit. Zeit, die wir konsequent nutzen müssen.

Polen schult die Zivilbevölkerung und hält sie an, einen familiären Krisenplan auszuarbeiten, Schweden und Norwegen haben eine Broschüre mit Verhaltensanweisungen an alle Haushalte verschickt. Macht eine Neuauflage des «Zivilverteidigungsbuchs» aus dem Kalten Krieg Sinn?  
Droz: Das wäre sehr sinnvoll. Ich bin überzeugt, dass wir uns in diese Richtung bewegen müssen. Es wäre aber nicht primär eine Aufgabe der Armee. Resilienz ist keine ausschliesslich militärische Aufgabe. Sie beginnt beim Individuum und reicht über Gemeinden und Kantone bis zum Bund. Jede Ebene, die wir widerstandsfähiger machen – vom Individuum über die Gemeinde und den Kanton bis zum Bund –, stärkt die Schweiz als Ganzes.

Sind Sie froh, dass Ihr Territorium im Westen liegt? 
Droz: Nein. Das wäre nur dann ein Vorteil, wenn wir uns einen klassischen militärischen Angriff vorstellen würden, bei dem Panzerverbände von Osten her in die Schweiz einmarschierten. Das heutige Bedrohungsbild ist aber wesentlich breiter. Hybride Konfliktführung, Cyberangriffe, Desinformation, Sabotage oder Langstreckenraketen kennen keine einfache Ost-West-Logik. Vieles davon erleben wir in Europa bereits heute, teilweise auch in der Schweiz. Unser Land liegt mitten in Europa, ist wirtschaftlich und infrastrukturell eng mit diesem Raum verbunden und kann sich den Auswirkungen einer Destabilisierung Europas nicht entziehen. Neutralität schützt uns nicht vor hybriden Bedrohungen und entbindet uns nicht davon, vorbereitet und verteidigungsfähig zu sein.

Sie haben zuerst als nautischer Offizier gearbeitet. Können Sie als Chef der Bodentruppen in der westlichen Hälfte des Binnenlandes Schweiz von Ihrer Erfahrung auf hoher See profitieren?  
Droz: Ja, weil es auf hoher See keinen Bezugspunkt gibt. Es gibt nur Unsicherheit, Wind und Wetter. Das Wetter kann man teilweise vorhersagen, was aber genau passieren wird, weiss man nicht. Das ist es, was mich motiviert und was ich geradezu in meinem Leben suche: in dieser Unsicherheit fähig zu sein, zu navigieren. Ich habe gelernt, mich in der Unsicherheit wohlzufühlen und darin handlungsfähig zu bleiben. Ich brauche keinen perfekt getakteten Tagesplan. Entscheidend ist für mich, auch unter Unsicherheit handlungsfähig zu bleiben.

Sie trainieren Triathlon? 
Droz: Ich stehe sehr früh auf und treibe Sport, um Körper und Geist widerstandsfähig und ausdauernd zu halten. Ich will auch als Vorgesetzter ein Vorbild sein. Wir müssen heute beginnen, uns stärker zu machen, denn die Komfortzone hilft in der Krise definitiv nicht. Damit müssen wir aufhören, wir müssen raus in die Kälte. Langsam beginnen wir, das zu verstehen.

Ende nächsten Jahres hören Sie auf und geben Ihr Tenue ab. Werden Sie dann weniger trainieren und ein Hobby pflegen, für das Sie jetzt keine Zeit haben? 
Droz: Meine Frau und ich wollen die kommenden zehn bis fünfzehn Jahre, in denen wir hoffentlich fit bleiben, nutzen, um die Welt zu erkunden. Ich werde auch mehr Zeit haben für unser Haus, unsere Kinder und Grosskinder. Aber ich werde weiter trainieren. Ich möchte wieder lange Distanzen laufen und habe zuhause einen gut ausgestatteten Fitnessraum eingerichtet. Meine Frau und ich wollen jeden Tag Sport treiben. Es ist Teil meiner Realität und soll es auch bleiben, damit es nicht eines Tages heisst: Ah, der Droz hat jetzt zwanzig Kilo zugenommen.

Raynald Droz (60) ist in Estavayer-le-Lac geboren und teilweise in Italien aufgewachsen, wo er sich zum zivilen nautischen Offizier ausbilden liess und auf Hochseeschiffen arbeitete. Im Alter von 30 Jahren wurde er Berufsoffizier. Zuerst Hauptmann und Kommandant einer Artilleriebatterie, später unter anderem Stabschef des Kommandos Operationen und Kommandant der Militärpolizei. Seit Anfang 2025 führt Droz im Rang eines Divisionärs die Territorialdivision 1. Der Vater von zwei erwachsenen Kindern lebt mit seiner Frau in Estavayer-le-Lac.   

Weshalb Anliegen von Frauen meist zu kurz kommen

Nur wenn Frauen gut in Politik und Arbeitswelt vertreten sind, haben ihre Anliegen eine echte Chance in der Politik.

«Das Virus zirkuliert weiterhin»

Sarah Tschudin Sutter erforscht die raffinierten Wege, die Bakterien suchen und finden, um sich gegen Antibiotika zu wappnen.

Es braucht Vertrauen

Eine tiefere Spaltung der polarisierten Gesellschaft in Sachen KI muss verhindert werden.

«Die nächste Krise könnte völlig anders sein»

Die sicherheitspolitische Chefstrategin des Bundes Pälvi Pulli erklärt, warum Corona die bestehenden Risiken verschärft – und was sie von bürokratischen Pirouetten hält.

Wirkliche und vermeintliche Trümpfe

Nach dem Brexit steht das Vereinigte Königreich wie die Schweiz vor der Neugestaltung der Beziehungen zur EU.

«Wie kreativ ist ein System, das unter höchstem Druck steht?»

Zukunftsforscherin Karin Frick erwartet einen beschleunigten Strukturwandel, im Guten wie im Schlechten.

«Es ist extrem, wie es kompetitiver wird»

Evolutionsbiologin Anna Feller wurde für ihre Forschung über Artenvielfalt vom Schweizerischen Nationalfonds ausgezeichnet. Es werde immer schwieriger, Forschungsgelder zu bekommen.

Vertrauen als Währung neuer Kommunikation

Warum in den Unternehmen die Zusammenarbeit mit den Informationsabteilungen wichtiger wird

Ein Nebel liegt über der Zukunft

Wie «AI Fog» unsere Lebensplanung verändert