«Die Schweiz findet weltweit Anerkennung und Sympathie»

Weshalb die Schweiz inspiriert und in Europa nicht Trittbrettfahrerin sein darf – Avenir-Suisse-Direktor Gerhard Schwarz über die Sicht des Auslands auf die Schweiz.

Gerhard Schwarz, bis Ende März 2016 Direktor des Think-Tank Avenir Suisse.

In Ihrer Publikation «Watch the Swiss» äussern sich 25 ausländische Autoren zur Schweiz. Gibt es so etwas wie einen Konsens?
Gerhard Schwarz: Wir haben Autoren eingeladen, die die Schweiz kennen und mögen. Dementsprechend findet sich da viel Bewunderung für das politische System, den ungewöhnlichen wirtschaftlichen Erfolg und den gesellschaftlichen Zusammenhalt über Sprachen, Religionen und politische Lager hinweg. Aber wesentlich ist: die Schweiz findet weltweit, von Australien bis in die USA, von Singapur bis Südafrika und in vielen europäischen Ländern Anerkennung und Sympathie. Und manche Reformer auf der ganzen Welt holten sich in der Schweiz ihre Inspirationen, nahmen sie als Beispiel.

Wo klaffen die grössten Unterschiede in der Selbstwahrnehmung der Schweizer und der Fremdwahrnehmung auseinander?
Das lässt sich anhand des Buches kaum sagen. Es ist natürlich, dass man von aussen entweder die negativen oder die positiven Klischees überzeichnet, während man in der Innensicht eher Licht und Schatten sieht. Aber mir scheint, dass in der Schweiz zumal unter Intellektuellen das Leiden an den tatsächlichen und vor allem den vermeintlichen Schwächen mehr dominiert als anderswo. In den Ländern, in denen ich gelebt habe, USA, Kolumbien, Frankreich, selbst Österreich, ist das jedenfalls nicht so ausgeprägt der Fall. Und wenn man die Menschen weltweit fragt, wo sie geboren werden möchten (wenn sie wählen könnten und wenn sie noch einmal geboren würden), steht die Schweiz ganz weit oben.

Was ist das Besondere am Land? Sie haben sich als Publizist, NZZ-Wirtschaftschef und Avenir-Suisse-Direktor intensiv mit der Schweiz auseinandergesetzt.
Das sind die politischen Institutionen und die politische Kultur. Die direkte Demokratie bindet alle Bürgerinnen und Bürger – leider noch nicht die schon länger hier lebenden Ausländerinnen und Ausländer – in die politischen Sachentscheide ein, sie verleiht der Politik hohe Legitimität und sie fördert die soziale Kohäsion. Und sie ist nicht Populismus-anfälliger als parlamentarische Demokratien – im Gegenteil. Der Föderalismus und die Gemeindeautonomie erlauben Diversität, schaffen Bürgernähe und sind ein wunderbares System des Lernens durch Wettbewerb und Nachahmung. Getragen wird dies von einer Kultur des Pragmatismus, des Kompromisses und einer immer noch überdurchschnittlichen Freiheitsliebe.

Welches sind die Schwächen und Stärken?
Stärken sind immer auch Schwächen. Ich halte die Kleinheit des Landes für einen der grössten Trümpfe. Sie zwang die Leute früh dazu, sich in der Welt umzusehen und schuf eine grosse Offenheit. Sie bringt kurze Wege und weniger Bürokratie. Sie begünstigt Flexibilität und Anpassung. Sie wirkt der Selbstüberschätzung entgegen und animiert zur Leistung.

Wo liegen dann die Schwächen?
Natürlich haben die Kleinheit und die Offenheit auch Nachteile: die Schweiz ist leicht erpressbar, kann kaum über ihr Land hinaus den Takt angeben und ist in vielerlei Hinsicht – wirtschaftlich, kulturell, politisch – abhängig von ihren Nachbarn. Eine andere Schwäche ist die Selbstzufriedenheit, das fast natürliche Pendant zum Erfolg. Aber die Schweiz lebt schon heute von der Substanz, nicht nur von der materiellen, sondern auch von der grossartigen immateriellen Substanz.

Ist die permanente Anpassungsfähigkeit der Schweiz an die globalen Veränderungen das Erfolgsrezept?
Ja, als kleines Land kann man nicht anders, als sich anzupassen. Aber man darf sich dabei nicht aufgeben, muss sich selbst bleiben und gewisse Werte wie die feine Balance zwischen dem genossenschaftlichen Staatsverständnis und dem hohen Stellenwert der Selbstverantwortung bewahren.

Welchen Stellenwert geniesst dann die Souveränität?
Die staatliche Souveränität ist kein Selbstzweck. Etwas plakativ formuliert: Ich würde lieber im kaum souveränen Monaco als im souveränen Nordkorea leben. Die zentrale Aufgabe eines Staates ist es, den Bürgerinnen und Bürgern ihre Freiheits- und Mitbestimmungsrechte zu sichern, ihre individuelle Souveränität zu stützen und sie in ihrem Streben nach Wohlstand wenig zu behindern. Wenn das durch Integration in ein grösseres Gebilde besser gelänge als durch eine wenigstens teilweise und begrenzte staatliche Autonomie, wäre ich für die Integration. Aber ich sehe keine Indizien dafür, dass dies der Fall sein könnte.

Das Verhältnis der Schweiz zu Europa wird zusehends zur Schicksalsfrage. Wie sähe in Augen das ideale Verhältnis aus?
Sie meinen vermutlich das Verhältnis zur EU. Die Schweiz ist Teil Europas. Sie darf nicht Trittbrettfahrerin sein. Sie liegt im Herzen des Kontinents und hat den anderen europäischen Staaten viel zu verdanken. Sie sollte daher alles tun, um den Vorwurf des Rosinenpickens gar nicht erst aufkommen zu lassen. Ihr Beitrag zum Wohlergehen des Kontinents kann nicht nur darin bestehen, das eigene Haus in Ordnung zu halten. Zugleich sollte die Schweiz so viel Eigenständigkeit bewahren wie möglich. Ich bin ein Anhänger offener Grenzen für Waren, Dienstleistungen und Kapital. Und ich halte Kooperation für überlebensnotwendig. Von einer Integration in die EU hätte die Schweiz aber mehr zu verlieren als zu gewinnen. Daher sollte sie ein möglichst partnerschaftliches Verhältnis zu Europa suchen trotz der Grössenunterschiede auf Augenhöhe und doch die Selbstständigkeit wahren.

Wo und wie sehen Sie die Schweiz in 20 Jahren?
Ich bin kein Prophet. Ich hoffe, dass die Schweiz sich ihre Eigenart und ihren Wohlstand bewahrt. Das verlangt Anstrengung, Zusammenhalt, auch Schläue sowie das Wohlwollen anderer Staaten – vor allem aber viel Glück. Das hatte die Schweiz immer wieder. Hoffen wir, es bleibe so.

Autor: Pascal Ihle

Gerhard Schwarz und Karen Horn: «Watch the Swiss», NZZ Libro, Zürich 2015.

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