Warum sind Influencer so erfolgreich? Die Antwort liegt in der Beziehung zum Publikum. Ein Podcaster repräsentiert sich selbst. Dadurch entsteht Nähe. Vertrauen verlagert sich so von Organisationen zu Individuen. (Bild: Shutterstock)

Wer politische Debatten verstehen will, schaut oft noch auf Parlamente, Parteien und Medienhäuser. Dabei findet ein wachsender Teil der öffentlichen Meinungsbildung längst an einem anderen Ort statt: auf Plattformen, in Podcasts und in den Kanälen einzelner Persönlichkeiten. Die Öffentlichkeit wird persönlicher. Und genau das verändert die politische Kommunikation grundlegend.

Die neue Macht der Einzelnen 
Lange waren Medienhäuser die zentralen Vermittler politischer Informationen. Sie entschieden, welche Themen Aufmerksamkeit erhielten und welche Debatten geführt wurden. Heute konkurrieren sie mit Einzelpersonen, die Millionen Menschen direkt erreichen. Der Reuters Institute Trends Report beschreibt den wachsenden Einfluss von Persönlichkeiten, Influencern und sogenannten «News Creators». Gleichzeitig zeigen Untersuchungen aus den USA, dass insbesondere jüngere Menschen politische Informationen zunehmend über soziale Plattformen und Podcasts beziehen. Die Folge: Die klassische Gatekeeper-Funktion der Medien verliert an Bedeutung.

Nähe schlägt Institution 
Warum sind Influencer so erfolgreich? Die Antwort liegt nicht primär im Inhalt, sondern in der Beziehung zum Publikum. Menschen folgen nicht einfach Informationen. Sie folgen Personen. Eine Nachrichtensprecherin repräsentiert eine Institution. Ein Podcaster repräsentiert sich selbst. Dadurch entsteht Nähe. Das Publikum hat das Gefühl, die Person zu kennen. Vertrauen verlagert sich damit von Organisationen zu Individuen.

Diese Entwicklung bringt Chancen und Risiken mit sich. Einerseits entstehen neue Stimmen und Perspektiven. Menschen können sich direkt einbringen und grosse Reichweiten erzielen. Andererseits verschwimmen journalistische Standards zunehmend mit persönlicher Meinungsäusserung. Transparenz, Quellenkritik und Einordnung spielen nicht überall dieselbe Rolle. Der politische Diskurs wird dadurch emotionaler, direkter und oft polarisierter.

Was bedeutet das für die Schweiz? 
Die Schweizer Politik war traditionell stark von Institutionen geprägt. Parteien, Verbände, Medien und Behörden spielten eine zentrale Rolle bei der Meinungsbildung. Doch auch hierzulande verändern die jüngeren Generationen ihre Mediennutzung. Internationale Podcasts, Videoformate und Social-Media-Kanäle gewinnen an Einfluss. Die politische Öffentlichkeit wird dadurch globaler. Eine Influencerin in New York oder Berlin kann heute einen grösseren Einfluss auf die politische Wahrnehmung junger Schweizerinnen und Schweizer haben als manche nationale Zeitung der Schweiz.

Für Unternehmen und politische Akteurinnen und Akteure bedeutet dies eine grundlegende Veränderung. Früher genügte es meist, Medien zu überzeugen. Heute müssen Organisationen in einer fragmentierten Öffentlichkeit bestehen, in der unzählige Akteurinnen und Akteure um Aufmerksamkeit konkurrieren. Deutungshoheit lässt sich nicht mehr beanspruchen. Sie muss immer wieder neu erarbeitet werden.

Die Öffentlichkeit verschwindet nicht. Sie verändert lediglich ihre Form. Statt weniger grosser Stimmen prägen immer mehr einzelne Persönlichkeiten den gesellschaftlichen Diskurs. Die politische Kommunikation wird persönlicher, emotionaler und direkter.

Wer verstehen will, wie Meinungen entstehen, sollte deshalb weniger auf Institutionen und stärker auf Menschen schauen. Dort wird die politische Realität von morgen bereits verhandelt.

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