«Wir müssen einen effizienteren Zugang zum Wissen finden»

KI-Experte Marc Pouly erklärt, wie künstliche Intelligenz im Alltag ankommt, wie selbst Kinder sie nutzen können – und warum das eine Chance sein kann.

Marc Pouly (43) lehrt an der Hochschule Luzern zu Künstlicher Intelligenz (KI). Als Co-Leiter des Algorithmic Business Research Lab forscht er insbesondere zu konkreten Anwendungen von KI. (Foto: zvg)

Künstliche Intelligenz sei bald so gut, dass sie einen Uniabschluss erhalten werde, haben Sie kürzlich prophezeit. Wann ist es soweit?

Marc Pouly: Bei uns in der Schweiz mag dies noch etwas dauern. Das liegt daran, dass in unserem Bildungssystem mündlichen Prüfungen und Gruppenarbeiten eine zentrale Rolle zukommt. Schriftliche, standardisierte Prüfungen aber, wie sie an vielen Universitäten dieser Welt aufgrund der viel höheren Studierendenzahlen fast ausschliesslich praktiziert werden, meistert die künstliche Intelligenz bereits heute mit Bravour.

Hierzulande nicht?

Pouly: Ich unterrichte maschinelles Lernen, ein Teilgebiet der künstlichen Intelligenz, an mehreren Schweizer Hochschulen und Universitäten. Die KI besteht meine Modulendprüfungen auf Bachelor- und Masterstufe problemlos.

Ganze Doktorarbeiten oder Habilitationsschriften lassen sich damit schreiben. Ist das nun Fluch oder Segen?

Pouly: Zunächst einmal ist es ein Werkzeug für unterschiedliche Zwecke. Manche davon bezeichnen wir als gut, andere als schlecht. Eine Master- oder Doktorarbeit so zu schaffen, mögen wir als verwerflich empfinden. Anderseits muss uns bewusst sein: Das Wissen, das die Menschheit generiert, verdoppelt sich alle paar Monate. Also müssen wir einen anderen Umgang mit Wissen entwickeln, als es einfach in ein Haus einzusperren und dieses als Bibliothek anzuschreiben. Wenn wir uns weiterentwickeln wollen, müssen wir einen effizienteren Zugang zum Wissen finden, als einfach Bücher zu lesen.

Indem wir künstliche Intelligenz einsetzen?

Pouly: Das wird sich in den nächsten Monaten nochmals intensivieren. Als ChatGPT am 30. November 2022 auf die Menschheit losgelassen wurde, hat das die meisten von uns ziemlich beeindruckt und erschreckt. Wir dürfen aber nicht vergessen: ChatGPT wurde von OpenAI entwickelt, einem Unternehmen, an dem sich Microsoft für viele Milliarden beteiligt hat. Solch eine Investition wird erst rentabel, wenn man damit den Lebenszyklus der Produkte erneuert, mit welchen man in den letzten 30 Jahren gut verdient hat. Deshalb werden Tools wie ChatGPT zunehmend alle Office-Anwendungen durchdringen.

Wo ist bereits heute künstliche Intelligenz drin, ohne dass wir es merken?

Pouly: Moderne Autos zum Beispiel beinhalten Dutzende von KI-Modulen. Denken Sie an den Spurhalter, den automatischen Abstandhalter oder die Einparkautomatik.

Haben Sie weitere Beispiele?

Pouly: Content Marketing wie das Verfassen von Beiträgen auf LinkedIn wird zunehmend zu einer Bastion der künstlichen Intelligenz. Nicht nur in Textform, sondern auch in Video- und in Audioform.

Die wirklich grossen Probleme wie Welthunger oder Klimakrise liessen sich nur mit Hilfe von KI lösen, schreiben Sie auf Ihrer Webseite. Wie kommen Sie zu dieser Aussage?

Pouly: Jedes globale Problem scheitert an der Skalierbarkeit der Technologie – an deren Fähigkeit, die Leistung je nach Bedarf beliebig zu erhöhen. Künstliche Intelligenz, wie wir sie heute kennen, ist Software, und diese lässt sich fast unbegrenzt replizieren. Eingeschränkt wird das nur durch die Energie, welche benötigt wird, um sie zu betreiben. Es ist die einzige Technologie, die der Menschheit zur Verfügung steht, welche diese Eigenschaft aufweist.

Was hat die Menschheit davon?

Pouly: Um zum Beispiel den Plastikmüll in den Meeren zu reduzieren, liegt es nahe, ihn mit solarbetriebenen Schiffen einzusammeln. Dazu müssten Abertausende von Schiffen permanent im Einsatz stehen. Woher nehmen wir die Crew und wie bezahlen wir sie? Was für den kleinen See klappt, scheitert bei den Weltmeeren an der Skalierbarkeit. Das schafft nur die künstliche Intelligenz.

Welche Chancen eröffnet die KI im Gesundheitswesen?

Pouly: Nehmen wir zum Beispiel Telemedizin, ein in vielerlei Hinsicht geeignetes Mittel, um die Gesundheitssysteme in den Ländern des globalen Südens zu unterstützen. Diese Menschen benützen bereits Smartphones für den Zahlungsverkehr oder für die Kontaktpflege. Also könnte man ihnen Apps zur Verfügung stellen, mit denen sie zum Beispiel ein Foto einer Hautkrankheit einschicken können, um zu erfahren, ob sie wirklich viele Hundert Kilometer weit bis ins nächste Spital reisen müssen. Weil dies aber Hunderttausende von Anfragen pro Minute generieren würde, könnten nicht Ärztinnen und Ärzte die Diagnosen erstellen. So gut die Idee der Telemedizin ist: Ohne künstliche Intelligenz funktioniert sie nicht.

Muss nicht der Mensch das letzte Wort haben?

Pouly: Gerade im Gesundheitswesen gibt es gute Gründe, warum das so sein soll. Aber diejenigen, die das fordern, müssen sich auch bewusst werden, dass mit dieser Forderung eine Verbesserung des Gesundheitssystems im globalen Süden wieder in weite Ferne rückt. Mit diesem ethischen Spannungsbogen sind wir als Gesellschaft momentan konfrontiert.

Wie kann KI im Schweizer Gesundheitswesen genutzt werden?

Pouly: Sie kann Prozesse in den Spitälern beschleunigen und effizienter gestalten. Aus regulatorischen Gründen ist es zwar noch schwierig, künstliche Intelligenz für die eigentliche Diagnostik zu etablieren. Es gibt aber andere Anwendungsmöglichkeiten im Spital. KI kann zum Beispiel das Verfassen medizinischer Berichte vereinfachen oder überprüfen, ob der Chirurg oder die Chirurgin wirklich am richtigen Ort operiert. Man kann Krankheiten auf Bildern vermessen, deren Verlauf verfolgen oder den Schweregrad objektivieren, was Krankenversicherer beispielsweise für die Kostengutsprache verlangen.

Kann sie das Gesundheitssystem effizienter, günstiger und letztlich für alle Beteiligten besser machen?

Pouly: Das Potenzial dazu hätte sie. Aber man hat schon oft Massnahmen getroffen, von denen alle überzeugt waren, dass sie eine Kostenreduktion bringen würden – und passiert ist dann das Gegenteil. Wir können kaum abschätzen, wie die Patienten auf die neuen Möglichkeiten reagieren werden. Wenn ich von der künstlichen Intelligenz quasi auf Knopfdruck eine Zweitmeinung einholen kann, was hält mich dann davon ab, eine Dritt-, Viert- oder gar Fünftmeinung einzuholen? Mein Hausarzt oder meine Krankenkasse wären dann nicht mit einem Bericht und einer Zweitmeinung konfrontiert, sondern mit vielleicht 25 Berichten und zusätzlichen Meinungen.

Wie kann ich überprüfen, ob hinter einer Stellenbewerbung, einem Aufsatz oder einer Masterarbeit künstliche Intelligenz steckt?

Pouly: Gar nicht. Es ist wie mit den Computerviren und Antiviren-Programmen, die dagegen entwickelt werden: ein ständiges Kopf-an-Kopf-Rennen. Genauso wird es mit den Detektoren sein, die überprüfen sollen, ob ein Schriftstück, ein Bild oder ein Video menschlichen Ursprungs ist oder mit künstlicher Intelligenz erstellt wurde. Zudem wird ja wie gesagt KI immer stärker in alle Büroanwendungen integriert werden. Damit werden wir in Bälde nicht mehr unterscheiden können, ob uns eine KI bei der täglichen Arbeit unterstützt hat.

Besonders gefordert sind die Hochschulen. Wie gehen Sie in Luzern damit um?

Pouly: Unser Umgang mit der künstlichen Intelligenz am Departement Informatik ist sehr progressiv. Ich bin stolz auf unsere Ausbildungsleitung, dass wir sie weder verbieten noch unterdrücken, sondern unsere Studierenden in deren Gebrauch unterstützen und fördern. Genauso, wie man es später von ihnen im beruflichen Alltag erwarten wird.

Wie sind Sie auf die KI-Forschung gekommen?

Pouly: Ich hatte schon zu diesem Thema promoviert. Als ich 2008 abschloss, war das Thema noch sehr uncool. Alle sagten, es funktioniere nicht. Zuerst war ich als Grundlagenforscher im Ausland unterwegs, entschied mich dann aber bewusst für die anwendungsorientierte Forschung, als ich an die Hochschule Luzern berufen wurde.

Da haben Sie unter anderem «Artificial Yodel», künstliche Jodelmusik, hergestellt?

Pouly: So wie wir heute ganz selbstverständlich Textdaten und Bilddaten mit ChatGPT und Midjourney generieren, haben wir damals in Zusammenarbeit mit Musikforschenden Audio-Daten generiert. Diese haben sie nach typischen und messbaren Eigenschaften durchsucht. Es war eine ganz tolle interdisziplinäre Erfahrung, die gleichzeitig musikwissenschaftlichen Wert und ein tieferes Verständnis von Modellarchitekturen der künstlichen Intelligenz hervorbrachte.

Ein anderes Ihrer Projekte war «Artificial Ice Cream», also künstliche Glace. Worum ging es da?

Pouly: Wir sind in der industriellen Auftragsforschung tätig, und da ist ein bisschen Selbstmarketing hin und wieder ganz hilfreich. Darüber hinaus haben uns solche Projekte im besseren Verständnis der Technologie geholfen, was ja dann auch wieder unseren Auftraggebern zugutekam. Damals gab es noch kein ChatGPT, und KI war für viele ein abstrakter Begriff. In Form von Glace wurde künstliche Intelligenz plötzlich fassbar und spannend.

Was kam dabei heraus?

Pouly: Ein Eis mit Vanille, Rüebli und Ingwer-Cookies. Die meisten fanden das Ergebnis recht spannend. Wir haben auch KI-generierte Weihnachtsguetzli-Rezepte mit Betty Bossi publiziert oder das erste Bier nach einer KI-Rezeptur gebraut.

Wie sieht Ihr Alltag aus?

Pouly: Der grösste Teil besteht aus Auftragsforschung, meist gemeinsam mit einer Firma, einem Spital oder der öffentlichen Verwaltung. Dabei geht es entweder um ein bestimmtes Bedürfnis, das der Auftraggeber hat und entwickeln lässt. Oder man überträgt uns auf Lizenzbasis die Forschung und Entwicklung.

Inwieweit nutzen Sie künstliche Intelligenz im Privatleben?

Pouly: Recht intensiv, obwohl es noch kein Automatismus ist wie beim Handy, nach dem ich einfach greife, wenn ich etwas wissen möchte. So weit bin ich noch nicht, ich benutze KI noch immer sehr bewusst. Als mein Sohn kürzlich seinen siebten Geburtstag feierte, kreierten wir seine Einladungskarten gemeinsam mit künstlicher Intelligenz – und hatten einen Riesenspass dabei.

Sie erstellten mit ChatGPT den Text und mit Midjourney das Bild?

Pouly: Ja, genau. Mein Sohn machte das weitestgehend selbst, konnte aber noch nicht alle Wörter tippen. Trotzdem hat es gereicht, um eine Geburtstagskarte mit seinem Lieblingsmotiv und fehlerfreiem Einladungstext zu generieren. Künstliche Intelligenz ist komplett barrierefrei geworden.

Marc Pouly (43) studierte Informatik und Mathematik an der Universität Fribourg, wo seine Dissertation zu Inferenzmethoden der künstlichen Intelligenz mit dem Informatikpreis ausgezeichnet wurde. Nach mehrjähriger Forschungs- und Lehrtätigkeit in Irland und Luxemburg wurde der er 2012 an die Hochschule Luzern berufen, wo er als Co-Leiter des Algorithmic Business Research Lab forscht und zu KI doziert. Der Freiburger lebt zusammen mit seiner Frau und drei Kindern im luzernischen Meggen.

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