Reiseführer durch die digitale Galaxie

Neu gibt es einen Atlas für die digitalen Welten. Aber wie bringt man das zwischen zwei Buchdeckel?

«Einst lebten wir auf dem Land, dann in Städten und von jetzt an im Netz.»
Mark Zuckerberg, Film «The Social Network»

Neu gibt es einen «Atlas der digitalen Welt». Im ersten Augenblick hat mich der Titel etwas an den «Atlas der utopischen Welten» erinnert. Dann habe ich mich gefragt: Wie kann man etwas kartographieren, das «nur» virtuell existiert bzw. etwas, das sich in einem unbeschreiblichen Tempo weiterentwickelt, das eigentlich gar keine Grenzen kennt und auch keine Grenzen will?

Natürlich ist ein solcher Atlas bei Erscheinen bereits veraltet. Aber darin unterscheidet sich dieser Atlas nicht gross von anderen Atlanten und Lexika. Und genauso wie die anderen, zeigt auch dieser Atlas Wege auf – Wege durch unbekannte Gegenden, durch ungenau betrachtete Landschaften oder gar durch Labyrinthe.

Wie bei allen Nachschlagewerken ist es nicht mit einem einzigen Durchblättern getan. Vielmehr kann man den Atlas immer wieder zu Rate ziehen, die Tabellen, Grafiken und Zahlen miteinander vergleichen – manchmal relativiert sich die Grösse des Ganzen auch etwas.

Mit dem Atlas der digitalen Welten ist den Autoren, Martin Andree (Kölner Medienwissenschaftler) und Timo Thomsen (Gesellschaft für Konsumforschung GfK) ein Nachschlagewerk gelungen, welches, ohne gross zu werten, präsentiert, was die digitalen Welten ausmacht.

Wir haben ein paar spannende Insights herausgepickt.

Konzentration 
Allein die Top-10-Seiten YouTube, Google, Facebook, WhatsApp, Instagram, Apple, Amazon, eBay, web.de undSpotify erreichen zusammen über 50 % des gesamten Web-Traffics, die Top 100 erreichen bereits 72 % des Traffics.

Anhand des GINI-Koeffizienten* versuchen die Autoren, die ungleiche Konzentration in der digitalen Welt aufzuzeigen. Wären Webseiten das Vermögen eines Landes, ergäbe das einen GINI-Koeffizienten von 0,988. Zur Erinnerung: 1,0 bedeutet, dass 1 Person das gesamte Vermögen eines Landes besitzt. Eine unglaubliche Konzentration auf einige wenige Seiten.

Nutzungsdauer
Total Duration gilt als wichtiger Indikator für die Aufmerksamkeit. Und da liegt YouTube ganz klar mit gut 585 Stunden pro Monat bzw. 55 Stunden pro Einzeluser pro Monat vorn. Mit grösserem Abstand folgen Apple, Facebook, WhatsApp und Google. Aber natürlich hat nicht jede Webseite die gleichen Ziele. Während bei YouTube eine hohe Nutzungsdauer durchaus Sinn macht, ist sie bei anderen Seiten nicht so zentral.

Spannend auch die Nutzungsdauer nach Endgerät und Altersgruppe: Die Hälfte der Gesamtbevölkerung nutzt vorwiegend das Smartphone, aber je älter die Bevölkerungsgruppe, desto wichtiger wird die Desktop-Nutzung.

Web-Search
Web-Suchen machen insgesamt nur 2 % der gesamten Nutzungsdauer aus. Was aber eigentlich nachvollziehbar ist, sind doch die Seiten dahingehend optimiert, möglichst rasch das richtige Suchergebnis darzustellen und den User auf die Seite mit dem gewünschten Content weiterzuleiten. Andererseits versucht Google schon seit längerem, die Verweildauer auf ihren Seiten zu verlängern, indem der User für einige Antworten nicht mehr auf eine externe Seite wechseln muss, sondern die Frage direkt bei Google beantwortet erhält. Daher vielleicht auch der grosse Unterschied bei den Verweildauern der verschiedenen Suchmaschinen. Google hat eine Total Duration von 81 Stunden pro Monat, der zweitplatzierte Suchdienst Bing nur gerade 4 Stunden pro Monat.

Aktivitäten im Internet
Spannend natürlich auch die Aufsplittung nach Aktivitäten. So verwenden 96,3 % aller Nutzenden ihr Endgerät für Media-on-Demand und stattliche 86,1 % nutzen es auch fürs Gaming. Die meisten Nutzungsarten liegen bei ca. 90 %, darunter Einkaufen, Bankgeschäfte, Filesharing oder anderes. Einzig pornografische Inhalte und Glückspiele liegen jeweils bei «nur» 50 %.

Deep Dives
Sehr schön aufgearbeitet sind auch die Deep Dives im Buch. Hier werden die Big Four Facebook, Alphabet, Apple und Amazon nochmals eingehend betrachtet. Nicht nur die Resultate von Apple halten einige Überraschungen bereit. So geht die Hälfte der gesamten Nutzungsdauer bei Apple auf das Konto von Apple Music. Die Techfirma aus Cupertino kommt auf die gleiche Reichweite wie Spotify (zu Streaming gibt es im Atlas natürlich ein eigenes Kapitel). Wobei Apple Music zu den sogenannten Services des Techriesen gehört. Diese Sparte erbringt aber nur 18 % der 260 Mia. US-Dollar Umsatz von Apple.

Weiter gibt es Deep Dives zu Blogs, zu politischem Interesse der GenZ, zu Marken im Netz und last but not least zu Dating-Plattformen, welche gerade mal 36,1 % (Anteil Nutzungsdauer: 0,8 %) der gesamten Reichweite ausmachen.

Hat man erst einmal angefangen im Buch zu schmökern, kann man kaum noch aufhören. Man darf auch quer durch das ganze Buch springen, um bei einem anderen Kapitel weiterzufahren. Der Atlas der digitalen Welt ist ein Buch, das einen ganzen Fundus an Einsichten liefert, und gleichzeitig auch die Erkenntnis bringt, dass das Digitale unsere Welt bereits weitgehend durchdrungen hat.

*Der Gini-Koeffizient ist ein statistisches Standardmaß zur Messung der Ungleichheit einer Verteilung. Am häufigsten eingesetzt wird der Koeffizient zur Bestimmung von Einkommens- und Vermögensungleichheit. Er kann Werte zwischen 0 und 1 annehmen.

Martin Andree und Timo Thomsen: «Atlas der Digitalen Welt». Campus, Frankfurt a. M. 2021.

atlasderdigitalenwelt.de

Warum Blockchain Transparenz in die Verwaltung bringt

Beschaffungswesen, Grundbuchämter und öffentliche Zuschüsse: Diese drei Beispiele zeigen das Potenzial der Blockchain-Technologie.

Innovation braucht Demut und Tempo

Ein neues Führungsmodell aus Lausanne verspricht Managern mehr Erfolg in der digitalen Transformation.

«Die Schweiz ist besser als das Selbstbild der Schweizer von der Schweiz»

Gespräch mit Thomas Zurbuchen, Berner Astrophysiker und NASA-Forschungschef.

Worauf Sie bei der Jobsuche und im Dating achten sollten

Job- und Datingmarkt haben Gemeinsamkeiten: Sieben Tipps, die Ihre Erfolgschancen erhöhen.

Das Arbeitsklima ist Chefsache

Ob Angst vor der Rückkehr aus dem Homeoffice oder Überbelastung bis zum Burnout: Vier Methoden, wie Vorgesetzte Stress reduzieren können.

«Kurzfristig steigen sicherlich die Risiken für die Konjunktur»

Worauf muss sich die Schweizer Wirtschaft nach dem Brexit einstellen? Eric Scheidegger, der die Direktion für Wirtschaftspolitik beim SECO leitet, analysiert die kurz- und langfristigen Auswirkungen.

Andreessen und Horowitz – oder wenn zwei Tech-Milliardäre ein Medienhaus bauen

Wie Führungskräfte ihren guten Ruf und das Vertrauen in die Organisation wiederherstellen.

«Dieses femininere, jüngere Parlament hat ein bisschen mehr Spontanität»

Gespräch mit der Nationalratspräsidentin Isabelle Moret

«Die nächste Krise könnte völlig anders sein»

Die sicherheitspolitische Chefstrategin des Bundes Pälvi Pulli erklärt, warum Corona die bestehenden Risiken verschärft – und was sie von bürokratischen Pirouetten hält.