«Ich spüre keinen Atem im Nacken»

FDP-Generalsekretär Jon Fanzun gibt sich zuversichtlich, dass seine Partei auch nach 2023 zwei Bundesräte stellen wird.

Seit 1. Januar 2022 ist Jon Fanzun Generalsekretär der FDP.Die Liberalen Schweiz. (Foto: zvg)

Jon Fanzun, was heisst für Sie Macht*?

Jon Fanzun: Im Schweizer Kontext ist Macht für mich etwas Relatives. In der Politik will man politische Ziele erreichen, im Fall der FDP eine freiheitliche, liberale Schweiz. Das geht nicht ohne Macht. Man braucht gewählte Vertreter, die diese Ideen einbringen: also Bundesräte, National- und Ständeräte, aber auch die vielen Menschen, die sich auf Kantons- und Gemeindeebene politisch engagieren.

Sie waren auch schon im engsten Umfeld zweier Bundesräte und in den Medien tätig. Wo ist die Macht grösser: in der Regierung, in der Staatsgründerpartei oder bei der vierten Gewalt im Staat?

Fanzun: Jeder hat einen Teil der Macht und eine Funktion im System. Es ist eine Besonderheit des Schweizer Systems, dass die Macht austariert wird und wir ein ausgeklügeltes «Check and Balances»-System haben. Über wichtige Fragen entscheidet zwar am Schluss das Volk. Bis es aber soweit ist, kann jeder darauf Einfluss nehmen: Die Regierung macht einen Vorschlag, die Partei kann Einfluss darauf nehmen, und die Medien begleiten es kritisch. Jeder hat seine Rolle im ausbalancierten System der Schweiz, das darauf ausgerichtet ist, dass niemand zu viel Macht bekommt.

Die FDP war einst die allmächtige Partei, jetzt ist sie auf dem besten Weg, sich zur kleinsten zu entwickeln. Eine schmerzhafte Erfahrung?  

Fanzun: 1848 war eine andere Zeit. Die FDP ist aber nach wie vor die drittstärkste Kraft auf nationaler Ebene und die zweitstärkte Kraft in den kantonalen Exekutiven und Legislativen. Insofern hält sich der Schmerz in Grenzen. Wichtig für die FDP ist, dass wir die Wahlen 2023 erfolgreich gestalten und unsere gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ideen im Parlament und Volk durchbringen können. Ich schaue lieber vorwärts, als zu sagen: Es gab einmal eine Zeit, da hatten wir sieben Bundesräte.

Sie schauen frohgemut in die Zeit, in der Sie nur noch einen Bundesrat haben werden?

Fanzun: Nein, in jene, in der wir wieder drei oder vier Bundesräte haben werden. Wenn wir die Wahlen 2023 erfolgreich gestalten, wird sich die Frage erübrigen. Ich gehe davon aus, dass wir auch nach den Wahlen zwei Bundesräte haben werden.

Die Grünliberalen sind der FDP auf den Fersen und könnten Sie einholen.  

Fanzun: Die GLP lag 2019 bei 7,8 Prozent, die FDP bei 15,1 Prozent. Das ist ein doch recht grosser Fersen-Abstand. Und wenn Sie die Bundesräte ansprechen: Amtierende Bundesräte wählt man in der Regel nicht ab. Ausserdem braucht es den einen oder anderen Sitz im Ständerat, und in den Kantonen sind wir immer noch viel stärker vertreten. Ich denke, dass die FDP darum gut verankert und aufgestellt ist. Gesamthaft betrachtet spüre ich keinen Atem im Nacken.

Generalsekretär einer Partei zu sein, ist Knochenarbeit – vor den Wahlen erst recht. Warum tun Sie sich das an?

Fanzun: Weil es eine faszinierende Arbeit ist. Es stimmt, es ist kein «Nine-to-five-Job», und je näher die Wahlen rücken, desto mehr wird er an Intensität zunehmen. Ich halte es aber für eine sinnvolle Aufgabe. Ich bin seit vielen Jahren FDP-Mitglied, und leiste sehr gerne einen Beitrag, auch wenn das jetzt nach PR klingt. Auf der anderen Seite ist es kein Job, den man in der Lebensplanung für eine bestimmte Phase vorsieht. Ich musste aber nicht lange nachdenken und habe nach den ersten Gesprächen gleich gespürt, dass es passt.

Zuvor waren Sie Sondergesandter für Cyberdiplomatie im EDA. Wurde Ihnen das zu langweilig?

Fanzun: Nein, im Gegenteil. Ich habe das sehr gern gemacht. Aber der Bereich wurde umorganisiert, ich hätte im EDA ohnehin einen neuen Job übernommen. Das überschnitt sich mit der Möglichkeit, mich wieder stärker in der Innenpolitik zu engagieren.

Ihre Vorgängerin Fanny Naghero sagte, sie habe den Job wegen der damaligen Präsidentin Petra Gössi angenommen. Taten Sie es wegen Thierry Burkart?

Fanzun: In erster Linie, um Teil des Teams FDP zu sein und wegen der Möglichkeit, etwas zu bewegen. Es geht um den Erfolg als Team, in dem der Präsident die wichtigste Funktion als Mannschaftskapitän hat. Und natürlich spielt die Person des Präsidenten auch eine Rolle. Denn letztlich ist es eine Frage des gegenseitigen Vertrauens.

Sie sind nicht besonders eitel, richtig?

Fanzun: Nein, das gehört nicht zu meinen Stärken oder Schwächen. Warum fragen Sie?

Weil Sie nicht korrigieren liessen, dass Sie in einem «Blick»-Artikel vor ein paar Monaten als Frau bezeichnet wurden.

Fanzun: Das wusste ich gar nicht. Es zeigt, dass rätoromanische Namen nicht so geläufig sind. Ich google meinen Namen nicht oft. Jetzt muss ich’s aber wohl mal tun.

Fühlen Sie sich als Rätoromane benachteiligt oder bevorzugt?

Fanzun: In jungen Jahren erhielt ich für ein Praktikum im EFD eine Absage mit der Begründung, man müsse bei der Besetzung Sprachminderheiten berücksichtigen. Das fand ich damals etwas speziell. Als liberaler Mensch zählt für mich aber das Individuum, nicht die Sprache oder Herkunft. Als Rätoromane fällt es mir leicht, in den anderen Landessprachen zu kommunizieren und mich auch kulturell schnell zurecht zu finden, nicht nur in der Schweiz. Insofern fühle ich mich privilegiert. Was mich ab und zu stört, ist das «Heidi-Bild», das manchmal von meiner Heimat gezeichnet wird.

Wie sieht Ihr typischer Arbeitstag aus?

Fanzun: Kein Tag gleicht dem anderen. In der Regel habe ich in der Früh Sitzungen, oft online. Dann kann es sein, dass ich in der Schweiz herumreise, etwa um eine Kantonalpartei zu besuchen. Ich bin häufig mit dem Zug in der Schweiz unterwegs, im Unterschied zu früher, als es das Ausland war. Dazu kommt der intensive Austausch mit meinem Team, dem Präsidium oder der Fraktion zu aktuellen Themen. Schliesslich gibt es auch immer wieder kleinere oder grössere Probleme zu lösen.

Welche zum Beispiel?

Fanzun: Ich bin nun mal der Chef des Generalsekretariats, einer Art NGO-Gebilde mit wenigen Strukturen und Hierarchiestufen. Da kann es sein, dass jemand krank wird und ausfällt oder dass der Drucker nicht funktioniert. Es kann aber auch sein, dass strategische Probleme zu lösen sind. Ich nehme den Tag, wie er kommt. In der Regel weiss ich, welche Sitzungen ich habe. Ansonsten bin ich in dem Job auch das «Mädchen für alles» – wenn ich schon im Internet als Frau bezeichnet werde…

Wie viele Stunden arbeiten Sie pro Woche?

Fanzun: Ich zähle meine Stunden nicht. Mit den Veranstaltungen dürften es ungefähr 70 bis 80 Stunden sein. Wenn ich an linke Forderungen nach einer 25-Stunden-Woche denke, so muss ich sagen: Nach zwei Tagen hätte ich Wochenende.

Vor den Wahlen werden die Arbeitstage nochmals länger?

Fanzun: Das wird wohl so sein. Ich habe aber den Eindruck, dass ich, weil ich nicht mehr 30-jährig bin, einige Stunden weniger arbeiten und das ein Stück weit mit Erfahrung ausgleichen kann. Ich habe eine Vorstellung davon, was wichtig ist, und was weniger ins Gewicht fällt. Da fällt es mir leichter, auch einmal etwas so stehen zu lassen, was ich in früheren Jahren vielleicht noch dreimal geändert hätte.

Generalsekretäre einer Partei sind meist jung und nutzen den Job als Sprungbrett, etwa um persönlicher Mitarbeiter eines Bundesrats zu werden. Sie sind den umgekehrten Weg gegangen. Warum?

Fanzun: Persönlicher Mitarbeiter eines Bundesrats war ich schon, Generalsekretär einer Partei war ich bisher noch nicht. Ich sehe das nicht so eng. Ein Team ist stärker, wenn es eine gewisse Diversität hat, sei es bezüglich Geschlechts, Alters oder Erfahrungshintergrunds. Ich habe den Eindruck, in meinem Fall sei es eher ein Vorteil, dass ich mehr Erfahrung mitbringe. Es ist die Mischung, die es ausmacht: von Jungen, die vielleicht mehr Ideen haben, und Alten, die sagen, das funktioniere dann eh nicht. Ob ich zu alt sei für den Job, habe ich nie überlegt. Sondern nur für mich die Frage beantwortet, ob ich es machen wolle.

Bleibt bei solch langen Arbeitstagen noch Zeit für ein Privatleben?

Fanzun: Ja, sonst hätte ich es nicht gemacht. Der Ausgleich ist wichtig. Es ist eine Frage, wie man sich organisiert. Ich bin jetzt zum Beispiel in mein Haus ins Engadin gefahren. Das ist wichtig für mich. Ich bin ein Engadiner mit starken Wurzeln hier. Hier tanke ich auf. Ein positiver Aspekt der Covid-Pandemie ist wohl die Einsicht, dass man ortsungebunden effizient arbeiten kann. Das erleichtert es, lange Arbeitstage mit dem nötigen Ausgleich zu kombinieren.

Haben Sie überlegt, selber in die Politik einzusteigen?

Fanzun: In jungen Jahren war ich in der Gemeinde politisch aktiv, war zuständig für die Geschäftsprüfungskommission. Ich komme aus einer sehr politischen Familie, mein Vater war Grossrat der Bündner Demokraten und in der Familie wurde am Küchentisch viel politisiert

Eine Kandidatur auf nationaler Ebene ist kein Thema?

Fanzun: Das habe ich mir zwar schon das eine oder andere Mal überlegt. In meiner Funktion als Generalsekretär, der eher hinter den Kulissen agieren muss, hat das aber keinen Platz. Auch als persönlicher Mitarbeiter eines Bunderats hatte es keinen Platz – weder zeitlich noch inhaltlich.

Für später könnten Sie es sich aber vorstellen?

Fanzun: Selbstverständlich könnte ich das – sag niemals nie. Ob’s dann noch machbar ist, ist eine andere Frage. Politik wird jedenfalls immer eine Rolle in meinem Leben spielen.

Wer darf Ihnen privat widersprechen?

Fanzun: Mir dürfen alle widersprechen. Im Privaten ist mir wichtig, dass Freunde wie Familie mir zum Beispiel offen sagen: Du bist auf dem falschen Weg, das ist absoluter Blödsinn. Beim Amtsantritt auf dem Generalsekretariat habe ich darum gebeten, dass man mir die Meinung sagt. Wenn jemand findet, ich mache Mist, soll er es deutlich sagen und begründen. Wir können dann darüber diskutieren. Für gute Argumente bin ich offen. Dennoch kann es sein, dass ich an meiner Meinung festhalte.

Was tun Sie, wenn Sie sich nicht mit dem Generalsekretariat der FDP beschäftigen?

Fanzun: Dann bin ich in den Bergen anzutreffen, sei’s auf den Ski, dem Velo oder zu Fuss. Oder ich bin in meinem Garten im Engadin am Konfi machen. Ich mache das jeden Sommer, jetzt habe ich’s gerade hinter mir. Das gibt dann 70 bis 80 Gläser Johannisbeer-Konfi. Die kommt recht gut an. In Bern habe ich auch einen Kiwi-Baum. Die Kiwi-Konfi läuft aber weniger gut.

Sie wohnen an beiden Orten?

Fanzun: Ich wohne in Bern. Um auch im Engadin zu wohnen, wo mein Elternhaus steht, das ich nach und nach selber umbaue, müsste ich den Helikopter nehmen. Ich bin aber kein Bundesrat, der den Pilotenschein hat.

Jon Fanzun (52) schloss sein Studium der internationalen Beziehungen an der HSG mit der Dissertation ab: «Die Grenzen der Solidarität: Schweizerische Menschenrechtspolitik im Kalten Krieg». Als freier Mitarbeiter des rätoromanischen Radio sammelte er Medienerfahrung. Für die FDP war er von 2005 bis 2009 als politischer Sekretär und Fraktionssekretär tätig. Danach wurde er persönlicher Mitarbeiter der Bundesräte Didier Burkhalter und Ignazio Cassis und arbeitete als Sondergesandter für Cyberdiplomatie im EDA. Seit Anfang 2022 leitet er das Generalsekretariat der FDP. Der Bündner spricht alle vier Landessprachen fliessend.

*In der Schaltzentrale der Macht
Sie sitzen auf entscheidenden Positionen, aber selten im Rampenlicht: Generalsekretäre von Parteien oder eidgenössischen Departementen, Geschäftsführerinnen von Verbänden oder Direktoren von Nichtregierungsorganisationen. Braucht die Schweiz politische Lösungen, helfen sie diese zu entwickeln. In regelmässigen Abständen wollen wir im Gespräch die Schaltzentralen der Macht ausleuchten.

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