One Battle After Another
USA 2025, von Paul Thomas Anderson, mit Leonardo DiCaprio, Sean Penn, Benicio del Toro, Regina Hall, Teyana Taylor und Chase Infiniti.

Spoiler-Alert
Linksradikale Terroristinnen und Terroristen verüben unter dem Namen «French 75» in Kalifornien Anschläge u. a. auf Ausschaffungseinrichtungen für illegale Immigrantinnen und Immigranten («free borders, free bodies, free choices and free from fucking fear»). Die zentralen Figuren sind das Paar Perfidia Beverly Hills und Ghetto Pat (als Sprengstoffspezialist auch «Rocket Man» genannt).

Bekämpft wird die Organisation von Militäroffizier Steven J. Lockjaw, der eine Obsession für Perfidia entwickelt, die in Sex gegen Verzicht auf Strafverfolgung mündet, danach in ihrer Aufnahme in ein Zeugenschutzprogramm, aus dem sie aber nach Mexiko flieht. Dies, nachdem sie eine Tochter zur Welt gebracht hat, von der sowohl Pat als auch Lockjaw glauben, der Vater zu sein.

16 Jahre später leben Pat und die Tochter unter den Namen Bob und Willa in Baktan Cross, einer «Sanctuary City», die illegale Migration toleriert. Lockjaw hat Karriere gemacht und bemüht sich um die Aufnahme in den Christmas Adventurers Club, eine rassistische Geheimgesellschaft. Willa betrachtet er in diesem Zusammenhang als Risiko: Ihre Mutter Perfidia ist schwarz, ein Beweis für diese «interracial relationship» würde die Aufnahme in die Geheimgesellschaft verunmöglichen. Er schickt Truppen unter dem Vorwand der Bekämpfung von illegaler Migration und Drogenhandel nach Baktan Cross, um dieses Risiko durch Willas Ermordung zu beseitigen.

Im Rahmen des immer noch intakten Frühwarnsystems der French 75 bringt eine frühere Mitstreiterin Willa in ein Kloster in Sicherheit. Dort erfährt Willa, dass ihre Mutter keine Heldin war, sondern ihre Mitstreiter verraten hatte. Auch Bob wird gewarnt, hat aber nach langem Drogenkonsum («I fried my brain, I have abused drugs and alcohol») den Besammlungsort und das Passwort vergessen. Trotzdem gelingt auch ihm mithilfe des Netzwerks von Willas Karatelehrer Sensei nach zwischenzeitlicher Verhaftung die Flucht aus Baktan Cross.

Willa wird von Lockjaw gefunden und per Vaterschaftstest definitiv als seine Tochter identifiziert, weshalb er ihre Ermordung in Auftrag gibt. Der Christmas Adventurers Club schickt ein Mitglied, um Lockjaw und Willa gleich beide umzubringen. Lockjaw überlebt den Anschlag und Willa bringt stattdessen den Christmas Adventurer um.

Pat findet Willa. Lockjaw wird vom Christmas Adventurers Club im zweiten Anlauf beseitigt. Pat übergibt Willa einen Brief ihrer Mutter. Willa wird über ein Alarmierungssystem an eine Protestverstaltung in Oakland aufgeboten, was Pat bei allen vordergründigen Warnungen letztlich zu begrüssen scheint.

Sehenswert für
Eine perfekt austarierte Mischung aus surreal-zeitloser Politsatire, Actionthriller (mit der besten Autoverfolgungsjagd seit «Bullitt») und einer bewegenden Familiengeschichte, und das alles in der Bildgewalt von VistaVision.

Siegreiche Strategie
Von «Strategie» kann bei Bob nach seinem Ausstieg aus dem revolutionären Kampf nicht wirklich die Rede sein, auch wenn er «La bataille d’Alger» anscheinend auswendig kennt, das Lehrstück über urbanen Guerillakampf, Politik im Film #22. Für ihn endet die Geschichte aber prinzipiell erfolgreich.

Er war nach Willas Geburt und Perfidias Verrat mit der Begründung «we’re a goddamn family» aus dem revolutionären Kampf ausgestiegen und konzentrierte sich auf seine kleine Tochter. Als Lockjaw ihn 16 Jahre später aufspürt, um die Spuren der Vergangenheit zu verwischen, muss er eine weitere Schlacht schlagen. Dass er das Meiste von früher vergessen hat, gefährdet ihn an Leib und Leben.

Am Ende kann er sich aber erneut und scheinbar endgültig ausklinken, was sich darin zeigt, dass er ein Handy kauft, obwohl er dies aus Sicherheitsgründen zuvor stets vermieden hatte. Er hat eine enge Beziehung zu seiner Tochter, die ihn trotz biologisch anderweitiger Abstammung als ihren Vater betrachtet, seine Ideale teilt und in ihrer Weise den Kampf weiterführt. Die Tatsache, dass die beiden vor ihrem Aufbruch nach Oakland über die Fahrdistanz und das Wetter als Gefahren sprechen, deutet daraufhin, dass ihre Mittel friedlich sind. Die Hoffnung der Mutter aus dem Brief scheint nicht völlig utopisch: «Will you try to change the world like I did? We failed. Maybe you will not. Maybe you will be the one who puts the world right.»

Erfolglose Strategie
Der gewalttätige Kampf kennt politisch und persönlich nur Verlierer. Das gilt für drei Organisationen im Film, die ihn betreiben: erstens die linksrevolutionäre French 75, die Anschläge verübt, um den als imperialistisch und faschistisch betrachteten Staat zu destabilisieren («this is the announcement of a motherfucking revolution»); zweitens die Christmas Adventurers, deren Gewaltanwendung im Film nur ihrem Beitrittskandidaten Lockjaw und dessen Tochter gilt, um Spuren zu verwischen; und drittens Lockjaws Task Force innerhalb der amerikanischen Armee, die unter fadenscheinigen Vorwänden in Baktan Cross einmarschiert und aktiv die Eskalation provoziert.

Sowohl die linken Terroristen als auch die rassistischen Sektierer wenden sich auch gegen sich selber: Perfidia verrät ihre Mitstreiter, die Christmas Adventurers ermorden ihren Anwärter Lockjaw, dessen Kopfgeldjäger stirbt bei einer Art Selbstmordattentat auf Berufskollegen.

Nur in einer der Organisationen, der French 75, gestehen sich mehrere Mitglieder den Misserfolg ihres Ansatzes ein, darunter Willas Mutter explizit in einem Brief an ihre Tochter, ihr Vater durch den Rückzug aus der Organisation, aber auch eine der Nonnen ( «I got sick of this shit a long time ago»). Bei Christmas Adventurers und Lockjaw ist keine Reflexion wahrnehmbar.

Wie wird Politik dargestellt?
Politik steht in Form von Untergrundorganisationen mit gewalttätigen Methoden im Fokus, die eine Schlacht um die andere schlagen, ohne letztlich etwas zu erreichen.

Den Linksextremen werden an sich sympathische Ideale zugeschrieben. Der Film diskreditiert sie aber durch ihre Auflösungserscheinungen, die negative Selbstreflexion der früheren Methoden sowie durch die Darstellung ihres Handelns, das neben Sachbeschädigung auch sexualisierte Gewalt und die Erschiessung eines Wachmanns einschliesst.

Die Treffpunkte der Rassisten sind nur über Märsche durch endlos lange Gänge und Keller auffindbar. Sie sitzen, präsidiert von einem Tattergreis, in Club-artigen Hinterzimmern und fabulieren über ihre Theorien des «superior man», der man als ihr Mitglied sei. Lockjaws Aussage «if you want to save the planet, you start with immigration» begrüssen sie eifrig, diskutieren aber auch, dass eine von Lockjaw angegriffene Fabrik für Chicken Nuggets einem ihrer Mitglieder gehört, das die illegalen Immigranten dringend zurück an die Arbeit schicken möchte.

Zitat
«You know what freedom is? (…) No fear. Just like Tom fucking Cruise.»

Themen
Terror, Revolution, Migration, Rassismus, Familie

Das Timing entscheidet

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