Wenn Werte auf Freihandel treffen
Abkommen Schweiz–China: Was für Wirtschaft und Politik auf dem Spiel steht
2014 trat das Freihandelsabkommen zwischen der Schweiz und China in Kraft. Damals war es ein klassisches Projekt: Zölle runter, Export rauf, Wachstum sichern. Heute sitzen Bern und Peking erneut am Tisch. Das Abkommen wird zurzeit in einer sogenannten Enhancement-Runde überarbeitet, mit dem Ziel, Marktzugang, digitale Regeln sowie Umwelt- und Arbeitsfragen zu aktualisieren. Im Hintergrund haben sich die Koordinaten verschoben: strategische Rivalitäten, heikle Technologiefelder, steigende Erwartungen an Verantwortung und Transparenz.
Für eine kleine, stark vernetzte Volkswirtschaft wie die Schweiz bleibt China ein Schlüsselmarkt. Gleichzeitig wächst die Skepsis, wie das Weltwirtschaftsforum und der Think Tank Foraus analysiert haben: Wie eng will und darf man sich an eine zunehmend machtpolitisch auftretende Grossmacht binden? Es geht längst nicht mehr nur um Prozente auf der Zollrechnung, sondern um Verwundbarkeiten in Lieferketten, um Datensouveränität und um politische Angriffsflächen.
Vom Handelsvertrag zum Stresstest
Freihandelsabkommen liefern nach wie vor, was sie versprechen: niedrigere Markteintrittskosten, klarere Spielregeln und mehr Berechenbarkeit. In einer Welt, in der neue Zölle und Sanktionen innert Monaten ganze Branchen durchschütteln können, ist diese Verlässlichkeit ein zentraler Standortfaktor.
Doch das Beispiel China zeigt, wie schmal der Grat geworden ist. Ein Vertrag kann den Zugang zu einem Markt sichern, aber er kann keine geopolitischen Spannungen entschärfen. Er kann zwar Prozesse beschleunigen, doch strukturelle Abhängigkeiten von Schlüsselkomponenten oder sensiblen Technologien bleiben bestehen. Für Geschäftsleitungen stellt sich deshalb weniger die Frage, wie viel Zoll sie sparen als vielmehr, welche Risiken mit einer bestimmten China-Positionierung einhergehen.
Direkte Demokratie und öffentliche Wertedebatte
Hinzu kommt die Schweizer Spezialität «direkte Demokratie». Handelspolitik ist kein Eliten-Thema mehr, sondern Gegenstand öffentlicher Wertedebatten. Spätestens seit der knappen Abstimmung zum Indonesien-Abkommen und der Diskussion ums Palmöl ist klar: Die Stimmberechtigten schauen genau hin, wenn es um Umwelt, Menschenrechte und faire Arbeitsbedingungen geht.
Ein überarbeitetes Abkommen mit China könnte je nach politischer Dynamik ebenfalls an die Urne kommen. Dann würden die volkswirtschaftliche Bilanz und die Glaubwürdigkeit geprüft: Schafft es die Schweiz, wirtschaftliche Interessen mit ihren eigenen Ansprüchen an Rechtsstaatlichkeit und Nachhaltigkeit zu verbinden? Unternehmen, die auf das China-Geschäft setzen, geraten automatisch mit auf die Bühne, ob sie wollen oder nicht.
Was das für C-Level bedeutet
Für Verwaltungsräte und Geschäftsleitungen ist das modernisierte Abkommen kein Spezialdossier der Aussenwirtschaftsbehörden. Es setzt den Rahmen für Investitionsentscheide, Standortstrategien und Reputationsrisiken im Asiengeschäft. Wer in China wachsen will, muss heute konsequent betriebswirtschaftlich und politisch denken.
Auf der einen Seite stehen Marge, Volumen und Skalierung. Auf der anderen Seite stehen Resilienz, gesellschaftliche Erwartungen und regulatorische Entwicklungen. Wer nur die Excel-Logik betrachtet, läuft Gefahr, von der politischen Realität eingeholt zu werden, etwa wenn ein Geschäftsmodell plötzlich symbolisch für «Abhängigkeit von China» oder «Wertekompromisse» steht.
Drei Learnings für Schweizer Unternehmen
Was heisst dies nun für Verwaltungsräte und Geschäftsleitungen?

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