Bei der Homeoffice-Nutzung zeigen sich Unterschiede zwischen städtischen und ländlichen Kantonen. Zwei Drittel der Erwerbstätigen, die 2020 zumindest teilweise im Homeoffice arbeiteten, wohnen in städtischen Gebieten.

Viele von uns haben ihn in den vergangenen Monaten liebgewonnen: den Arbeitsplatz in den eigenen vier Wänden. Das Arbeiten von zu Hause aus ist jedoch nicht für alle im gleichen Masse möglich. Bereits vor (und auch während) der Pandemie gab es verschiedene Gruppen, die öfter im Homeoffice tätig waren als andere:

  • Branche: Besonders in der IT-Branche, bei den freiberuflichen Dienstleistungen und im Finanz- und Versicherungswesen wird oft im Homeoffice gearbeitet. Aber auch viele Lehrerinnen und Lehrer erledigen seit längerem einen Teil ihrer Arbeit von zu Hause aus. Während die Pandemie bei den Lehrberufen nur zu einem leichten Anstieg des Homeoffice führte, arbeiteten 2020 in der Finanz- und Versicherungsbranche beinahe doppelt so viele im Homeoffice wie 2019. Wenig erstaunlich, wird hingegen vor allem im Gast- oder Baugewerbe, aber auch im Gesundheitswesen selten ortsunabhängig gearbeitet.
  • Familiensituation: Homeoffice ist bei den Männern etwas verbreiteter als bei den Frauen, was auch damit zusammenhängen dürfte, dass letztere oft in kontaktintensiven Berufen wie z.B. der Pflege oder Betreuung arbeiten. Die Möglichkeit, den Beruf von zu Hause aus auszuüben, wird tendenziell stärker von Eltern mit betreuungspflichtigen Kindern ergriffen.
  • Bildungsstand: Über zwei Drittel der Beschäftigten, die gelegentlich oder regelmässig im Homeoffice arbeiten, verfügen über einen Tertiärabschluss – hochqualifizierte Bürojobs eignen sich offensichtlich besonders gut für das ortsunabhängige Arbeiten.
  • Alter: Die Unterschiede im Bildungsstand könnten mitunter ein Grund dafür sein, dass vor allem in der Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen weniger oft von zu Hause aus gearbeitet wird: Denn in dieser Altersstufe gibt es noch wenige hochqualifizierte Fachkräfte. Hinzu kommt, dass gerade für den Berufseinstieg die Präsenz am Arbeitsort hilfreich ist – wer während des Lockdowns den Job gewechselt hat, dürfte dem zustimmen.
  • Wohnort: Erwerbstätige, die in einer Stadt oder einer grossen Agglomeration leben (und oft auch arbeiten), sind tendenziell eher von zu Hause aus tätig als Personen, die auf dem Land leben: Zwei Drittel der Heimtätigen wohnen in städtischen Gebieten. Zudem gibt es grosse regionale Unterschiede, was auch mit der jeweiligen Branchenstruktur der Kantone zusammenhängen dürfte. In der von multinationalen Unternehmen geprägten Firmenlandschaft der Kantone Zürich, Zug, Basel und Genf gibt es beispielsweise einen grösseren Anteil Jobs mit Homeoffice-Möglichkeiten als in Kantonen, die stärker von Landwirtschaft oder Tourismus geprägt sind.

Wird Homeoffice bleiben?

Die grosse Mehrheit der Erwerbstätigen hat mit dem Homeoffice gute bis sehr gute Erfahrungen gemacht. Gemäss einer kürzlich durchgeführten Umfrage möchten 80 % der Heimtätigen auch nach der Pandemie einen Teil der Arbeit von zu Hause aus erledigen. Nur 10 % gaben an, wieder komplett ins Büro zurückkehren zu wollen, während weitere 10 % lieber ausschliesslich im Homeoffice arbeiten möchten. Die positive Einstellung der Beschäftigten gegenüber dem ortsunabhängigen Arbeiten manifestiert sich nicht nur in der Schweiz. Auch in anderen Ländern (wie zum Beispiel in den USA oder UK) beurteilten Beschäftigte das Homeoffice grösstenteils positiv und möchten diese Möglichkeit auch zukünftig beibehalten. Laut einer internationalen Befragung der Adecco-Group wünschen sich Arbeitnehmende, rund die Hälfte der Arbeitszeit zu Hause zu verbringen.

Ob die Unternehmen das Homeoffice genauso schätzen wie ihre Angestellten, sei allerdings dahingestellt. Die empirische Evidenz zu den Auswirkungen der Heimarbeit auf die Arbeitsproduktivität ist widersprüchlich. Sie zeigt, dass die produktiveren Mitarbeitenden – wenn sie die Wahl haben – sich eher für einen Büroarbeitsplatz entscheiden. Wer Karriere machen will oder eine neue Stelle antritt, meidet also das Homeoffice.

Die Gründe dafür sind schnell gefunden: Homeoffice stellt ein unvollkommenes Substitut für Präsenzarbeit dar. Deshalb ist zu erwarten, dass nach dem Abklingen der Pandemie weiterhin einige im Büro und einige von zu Hause aus arbeiten werden. So wird sich wahrscheinlich eine Mischform zwischen Homeoffice und Präsenz am Arbeitsplatz durchsetzen. Dabei ist anzunehmen, dass vor allem hochqualifizierte Erwerbstätige in grösseren Agglomerationen, die bereits heute längere Pendelwege in Kauf nehmen, am meisten vom Homeoffice-Boom profitieren können. Für die Jungen, die Mobilien und die Karrierebewussten ist Präsenzzeit jedoch unabdingbar.

Das Gesetz an die heutige Arbeitspraxis anpassen

Im Gegensatz zur Grundannahme der Gewerkschaften, die Homeoffice als zusätzliches Druckmittel der Arbeitgeber zulasten des Personals betrachten, wird sich diese Arbeitsform wohl eher als ein «fringe benefit» für bereits gut etablierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entwickeln. Zeitliche und räumliche Flexibilität sind vermehrt Attribute höher qualifizierter Arbeitsplätze geworden: So nimmt der Anteil der Erwerbstätigen in einer Branche, die über eine flexible Arbeitszeitregelung (z.B. Jahresarbeitszeit) verfügt, mit dem Anteil der hochqualifizierten Erwerbstätigen (und somit mit den Löhnen) stark zu. Deshalb sind in peripheren Regionen, wo u. a. die Dichte an Hochqualifizierten gering ist, weniger Veränderungen der Arbeitsformen zu erwarten.

Die steigenden Corona-Fallzahlen lassen vermuten, dass die Regelungen in naher Zukunft eher weiter verschärft als gelockert werden dürften – das Ende der pandemiebedingten Homeoffice-Empfehlung ist vor allem bei grösseren Unternehmen noch nicht in Sicht. Wie die letzten Monate deutlich gemacht haben, kann den Arbeitnehmenden jedoch ein hohes Mass an Eigenverantwortung zugemutet werden. Auch deshalb ist es an der Zeit, die Gesetzgebung an die heutigen Bedürfnisse und die Arbeitspraxis anzupassen.

Dieser Artikel erschien erstmals bei Avenir Suisse.

«Da müsste die Frauenallianz spielen»

Die grünliberale Berner Nationalrätin Melanie Mettler ist Co-Präsidentin der Frauengruppe im Parlament. Sie erklärt, warum die Pensionskassenreform für ihre Klientel wichtig ist.

Starlink und GPS-Daten – das macht die Artillerie der Ukraine stark

Angesichts der russischen Übermacht sind die Ukrainer gezwungen, auf militärische Innovation zu setzen.

Diese Sektoren stehen am stärksten im Visier von Cybergangstern

/
Diese Sektoren stehen am stärksten im Visier von Cybergangstern

Reiseführer durch die digitale Galaxie

Neu gibt es einen Atlas für die digitalen Welten. Aber wie bringt man das zwischen zwei Buchdeckel?

Die häufigste Ursache von Cyber-Pannen?

Menschliches Versagen

Metaversum: Spielwiese der Gen Z

Die virtuelle Welt fasziniert eine neue Generation – sie sucht dort neue Erlebnisse

«Wir wissen alle, was zu tun wäre. Nur: Wir machen es nicht»

Früher hat Karen A. Tramontano im Weissen Haus US-Präsident Bill Clinton beraten. Heute setzt sie sich als Lobbyistin unter anderem für die Ärmsten ein.

Die Digitalisierung setzt die Demokratie unter Druck

Der politische Diskurs hat sich online enorm beschleunigt, mit einem Tempo, das die Politik überfordert.

«Vor 20 Jahren wollte niemand Bio-Schoggi produzieren»

Alessandra Alberti, Chefin des Tessiner Schokoladeherstellers Stella, über den Vorteil der Kleinen, die Bedeutung des Exports und die Freude am Führen.