«Ich würde wieder genau gleich abstimmen»

Nationalratspräsident Pierre-André Page erklärt, dass sein Stichentscheid nicht gegen die Frauen gerichtet war, warum er Kanada und nicht die USA besucht und was die Schweiz von Freiburg lernen kann.

Pierre-André Page (65) wuchs als Bauernsohn in Châtonnaye (FR) auf. Mit 21 übernahm er den Familienbetrieb,  er machte eine landwirtschaftlichen Lehre und erwarb den eidgenössischen Meistertitel als Landwirt. 1991 wurde er für die SVP in den Gemeinderat seiner Wohngemeinde gewählt, später zum Gemeindepräsidenten und Freiburger Grossrat. 2015 folgte die Wahl in den Nationalrat, den der Vater dreier erwachsener Kinder seit dem 1. Dezember 2025 präsidiert. Page lebt mit seiner Frau Isabelle in Châtonnaye. (Bild: Carmela Odoni/Parlamentsdienste)

Ihr Präsidialjahr ist noch jung, war aber bereits von starken und schwierigen Momenten geprägt, insbesondere vom Brand in Crans-Montana. Wie haben Sie Ihren Amtsantritt erlebt?
Pierre-André Page: Die erste Schwierigkeit war die Session: Zuerst die Wahl mit ihren Emotionen, und gleich am nächsten Tag war ich mit einem sehr komplexen Budget konfrontiert. Und dann, an Neujahr, ereignete sich das Drama von Crans-Montana. Ich war gerade dabei, mich auf der gegenüberliegenden Seite des Tals auf einen Skitag vorzubereiten. Als ich die Nachrichten sah, habe ich alles abgesagt. Als «höchster Schweizer» musste ich reagieren, auch wenn ich nicht wirklich helfen konnte. Schliesslich sprach der Bundespräsident im Namen aller, was die richtige Lösung war. Danach erhielt ich viele Beileidsbekundungen von Präsidenten ausländischer Parlamente und nahm an der sehr bewegenden Gedenkfeier in Martigny teil.

Ihr Motto für Ihr Präsidialjahr lautet «Cultivons l’avenir» – «Lasst uns die Zukunft kultivieren». Wie sind Sie darauf gekommen?
Page: Meine Deutschschweizer Kolleginnen und Kollegen hatten mir geraten, ein Motto zu wählen. Ich dachte lange darüber nach, bis sich «Cultivons l’avenir» ganz natürlich ergab. Für einen Landwirt ist das Bild des Kultivierens naheliegend: Man sät, pflegt und hegt, um später zu ernten. Das spiegelt meinen eigenen Werdegang wider und passt zur Politik wie auch zu unserem dualen Bildungssystem: Auch da diskutiert man und engagiert respektive bildet sich, um solide Grundlagen zu schaffen und am Ende ernten zu können. Letztlich geht es mir um den nationalen Zusammenhalt.

Wie wollen Sie diesen Zusammenhalt als Nationalratspräsident konkret fördern?
Page: Wir haben sehr wichtige Dossiers, insbesondere das europäische. Einige wollten alles bis 2026 abschliessen, aber mit 1800 Seiten zu Themen wie Ernährung, Gesundheit, Landwirtschaft oder Energie war das unrealistisch. In Brüssel wurde mir bestätigt, dass wir drei Jahre Zeit haben, bei Bedarf sogar sechs Monate mehr. Ich habe diese Informationen eingebracht, und das Parlament hat entschieden, das Dossier ruhiger und seriöser anzugehen. Genau das bedeutet Zusammenhalt: keine Hast, sondern Konsens aufbauen. Zuerst wird der Ständerat beraten, danach wird im September der Nationalrat folgen.

Einige Ihrer Vorgängerinnen und Vorgänger haben grössten Wert auf Disziplin und Ordnung in den Debatten gelegt. Ist das auch für Sie eine Priorität?
Page: Ja, das gehört zu meiner Aufgabe. Ich bin seit 2015 im Nationalrat. Seitdem hat zwar niemand die perfekte Methode gefunden. Ich habe aber festgestellt, dass Stille manchmal wirkungsvoller ist als die Glocke oder Ermahnungen. Wenn ich ein paar Sekunden schweige, überrascht das die Anwesenden und beruhigt den Saal auf natürliche Weise.

Wie funktioniert das genau?
Page: Ich warte einfach, vielleicht 30 Sekunden lang. Wenn plötzlich absolute Stille herrscht und der Präsident nichts sagt, merken die Leute, dass etwas nicht stimmt und werden aufmerksam. Sie realisieren, dass sie selbst den Lärm verursachen. Wenn dann Ruhe herrscht, bitte ich die Kolleginnen und Kollegen, ihre Diskussionen in die Wandelhalle zu verlegen.

Kurz nach Ihrer Wahl mussten Sie einen Stichentscheid über eine zusätzliche Million Franken für den Kampf gegen Gewalt an Frauen fällen, was eine beispiellose Welle der Empörung ausgelöst hat. Haben Sie diesen Moment als besonders schwierig erlebt?
Page: Für mich war das überhaupt nicht schwierig. Ich war vielmehr überrascht über das Ausmass der Reaktionen. Wir hatten bereits zehn Millionen für das Gleichstellungsbüro bewilligt, einige wollten eine weitere Million hinzufügen. Ich habe dagegen gestimmt. Zusammen mit 93 anderen Kolleginnen und Kollegen. Nicht etwa, weil ich den Kampf gegen Gewalt an Frauen nicht unterstützen würde, sondern weil dies Teil der Verhandlungsstrategie zwischen den beiden Räten war. Mir war klar, dass dieses Geschäft an den Ständerat zurückgehen und danach in bereinigter Form wiederkommen würde – ein ganz normaler parlamentarischer Prozess. Ich hätte nie erwartet, deswegen auf einigen Titelseiten zu erscheinen und eine solche Polemik auszulösen.

Die Frauen haben massiv mobilisiert und fast eine halbe Million Unterschriften gesammelt; die zusätzliche Million wurde am Ende bewilligt. Bereuen Sie Ihren Stichentscheid nachträglich?
Page: Nein, ich würde heute wieder genau gleich abstimmen. Es war kein «Votum gegen Frauen», wie es in den sozialen Medien teilweise dargestellt wurde, sondern eine übliche politische Strategie: einen Punkt für die zweite Lesung und die Verhandlungen mit dem Ständerat offenlassen.

Spüren Sie die Folgen des Stichentscheids bis heute?
Page: Einige sprechen mich noch darauf an – manche, um mir zu gratulieren, andere, weil sie es damals nicht verstanden hatten. Wenn ich den Ablauf erkläre, sehen viele die Sache anders. Aber ja, die Affäre war stark medial präsent. Und es mag sein, dass es dem einen oder anderen Journalisten immer noch Freude bereitet, einem SVP-Nationalrat an den Karren fahren zu können.

Was fürchten Sie in Ihrem Präsidialjahr am meisten – böse Zuschriften wie einige Ihrer Vorgängerinnen und Vorgänger?
Page: Ich habe keine besondere Angst vor Hassbriefen oder ähnlichem. Solche Schreiben gibt es zwar, aber nicht in grossem Ausmass. Viel eindrücklicher finde ich, wie bei gewissen Themen die E-Mail-Postfächer von uns Parlamentariern regelrecht geflutet werden. Etwa bei der Frage der Prävention vor Gewalt gegen Frauen oder kürzlich beim Auftritt des US-Präsidenten in Davos. Tausende identische Mails, die im Minutentakt eintreffen, wirken eher kontraproduktiv, weil sie die Leute verärgern, anstatt sie zu überzeugen. Viele glauben, das sei effektiv, doch oft ist das Gegenteil der Fall.

Worauf freuen Sie sich am meisten?
Page: Vor allem auf die Begegnungen mit anderen Parlamentspräsidenten, etwa aus den Nachbarländern. Ich habe bereits den Präsidenten von Thailand, von Ungarn und andere getroffen. Der Austausch ist sehr bereichernd. Man lernt viel voneinander; das ist für mich eine der schönen Seiten dieses Amtes.

Sie werden oft als bescheiden beschrieben. Erkennen Sie sich in diesem Bild wieder, und wie passt das zum höchsten Amt im Staat?
Page: Ja, ich bin ein bescheidener Mensch und muss nicht im Mittelpunkt stehen. Ich treffe gerne Menschen und tausche mich aus, aber ich brauche weder Fotos noch Applaus. Das liegt nicht in meiner Natur. Natürlich ist mir bewusst, dass der Nationalratspräsident das Land repräsentiert und ich diese Rolle wahrzunehmen habe, doch das ändert nichts an meinem Wesen.

Zum Amt des Nationalratspräsidenten gehört eine Präsidialreise. Wohin wird Ihre führen?
Page: Nach Kanada: nach Ottawa und anschliessend nach Québec. Ich möchte dort Parlamentarierinnen und Parlamentarier treffen, aber auch Schweizer Bauern, die sich vor langer Zeit dort niedergelassen haben. Die Wahl Kanadas hat auch mit der internationalen Lage zu tun: Die USA stehen oft im Zentrum, es wurde viel über ein Freihandelsabkommen mit den Vereinigten Staaten gesprochen. Aber wir müssen auch andere starke Partnerschaften pflegen und sollten vielleicht eher auf Kanada setzen.

Spielte bei der Wahl der Reisedestination auch die Drohung des US-Präsidenten eine Rolle, Kanada annektieren zu wollen? Wollten Sie damit den souveränen Status Kanadas betonen?
Page: Absolut. Ausserdem: Viele unserer Unternehmen waren von Trumps Zöllen betroffen, obwohl sie zuvor gut mit den USA zusammengearbeitet hatten. Ich möchte zeigen, dass man auch mit anderen Partnern zusammenarbeiten kann. Deshalb unterstütze ich alle Freihandelsabkommen. Wenn die Schweiz unabhängig und neutral bleiben will, müssen wir mit vielen Ländern der Welt sprechen und handeln. In Indien und Indonesien leben sehr viele Menschen, und Kanada verfügt über bedeutende Rohstoffvorkommen – auch dort liegen wichtige wirtschaftliche Interessen für uns.

Warum reisen Sie nicht in ein afrikanisches Land, obwohl Sie die parlamentarische Gruppe Schweiz–Afrika präsidieren?
Page: In afrikanische Länder plane ich punktuelle Reisen. Ich habe bereits mehrere Einladungen, unter anderem aus Niger, Burkina Faso, Elfenbeinküste, Algerien und Tunesien. Ich schätze diesen Kontinent sehr, habe dort aussergewöhnliche Menschen kennengelernt und konnte sogar landwirtschaftliches Wissen weitergeben.

Haben Sie deshalb das Präsidium dieser Gruppe übernommen?
Page: Ich habe es getan, weil mich die frühere Präsidentin Isabelle Chevalley darum gebeten hatte, als sie sich aus dem Nationalrat zurückzog. Sie meinte, es gebe kaum SVP-Vertreter in der Gruppe, dabei sollte die Zusammenarbeit mit Afrika nicht nur Sache der Linken sein. Also habe ich das Amt übernommen. Auch, um das Klischee aufzubrechen, die SVP sei ausländerfeindlich. Dabei arbeiten viele meiner Partei- und Ratskollegen intensiv mit afrikanischen Ländern zusammen. Monika Rüegger aus Obwalden zum Beispiel unterstützt wirtschaftliche Projekte und Schulen in Ghana und Togo.

Sie stammen aus dem Glanebezirk im Kanton Freiburg. Was zeichnet die Menschen dieser Region besonders aus?
Page: Es ist eine landwirtschaftlich geprägte Region. Zwar gibt es grosse Unternehmen wie Nespresso, aber ein Grossteil der Wirtschaft basiert auf der Kombination von Landwirtschaft und Handwerk, vor allem auf der Herstellung von Gruyère. Es ist ein Bezirk, der durch Zusammenarbeit vorankommt.

Was könnte die ganze Schweiz von den Freiburgerinnen und Freiburgern lernen?
Page: Den Reflex, lokal zusammenzuarbeiten. Was uns auszeichnet, ist der starke Zusammenhalt. Bei uns arbeitet man mit den Betrieben aus der Region, auch wenn das etwas teurer ist. Würde die ganze Schweiz so handeln, wäre die Wirtschaft langfristig stärker. Das entspricht meiner Devise: gemeinsam die Zukunft kultivieren.

Politisch war der Kanton Freiburg lange von der CVP geprägt. Symbolisieren Sie als SVP-Politiker den Wandel, der seitdem stattgefunden hat?
Page: Ja. Früher traten viele der CVP aus beruflicher Pflicht bei. Heute wählen die Menschen nach Überzeugung. Die SVP ist stark gewachsen: von acht auf heute 25 Mandate. Bei den letzten zwei Wahlen war ich der bestgewählte Kandidat des Kantons, was zeigt, dass unsere Botschaft bei der Bevölkerung ankommt.

Bei einem so vollen Terminkalender: Bleibt noch Zeit für Freizeit?
Page: Ich versuche es. Ich bin Präsident der Landwehr-Musik Freiburg, das beansprucht Zeit. Ausserdem gehe ich gerne wandern und im Winter Ski fahren. Mit zwei Freunden habe ich einen festen Tag pro Monat vereinbart, je nach Saison. Sie wissen, dass ich nicht immer kann, aber sie warten auf mich. Diese Momente sind wichtig, um das Gleichgewicht zu bewahren.

Pierre-André Page (65) wuchs als Bauernsohn in Châtonnaye (FR) auf. Mit 21 übernahm er den Familienbetrieb und erwarb nach einer landwirtschaftlichen Lehre in Gempen (SO) und der Landwirtschaftsschule in Grangeneuve (FR) 1986 den eidgenössischen Meistertitel als Landwirt. 1991 wurde er für die SVP in den Gemeinderat seiner Wohngemeinde gewählt, später zum Gemeindepräsidenten und Freiburger Grossrat. 2015 folgte die Wahl in den Nationalrat, den der Vater dreier erwachsener Kinder seit dem 1. Dezember 2025 präsidiert. Von frühester Jugend an spielte Page in der Blaskappelle seines Dorfes Euphonium und später Bariton. Heute präsidiert er die Landwehr, die offizielle Musikkapelle von Freiburg, und lebt mit seiner Frau Isabelle in Châtonnaye.

Weltwirtschaft wohin?

Warum Vorsicht zu einem wichtigen Strategieansatz auf der ganzen Welt geworden ist

Weshalb eine Bankenkrise droht

Neue Erkenntnisse aus der WEF-Studie zur Wettbewerbsfähigkeit von Staaten.

Wie 16 Nerds die Welt retten

Ein Interviewbuch von Sibylle Berg

«Wir haben in Europa zu wenig Wettbewerb»

Was läuft in der EU schief? Antworten von Markus J. Beyrer, Generaldirektor von Buisnesseurope.

«Die Schweiz ist dem Silicon Valley 24 Monate voraus»

Mathias Ruch ist ein profunder Kenner des Crypto Valley. Der Berater und Investor von Lakeside Partners weiss, wie es zum Blockchain-Boom kam und was noch kommen wird.

«Neutralität ist ein beliebiger, ein bequemer Begriff»

Ständeratspräsident Hans Stöckli über sein Präsidialjahr der anderen Art, über seine Liebe zu Freiheit und Macht – und über die Rolle der Schweiz in einer unsicher gewordenen Welt.

Grosse und reiche Kantone dominieren bei der Digitalisierung

Die Unterschiede bei der digitalen politischen Partizipation sind beträchtlich – und es bleibt bei allen Ständen Luft nach oben

China-Sicht im Wandel

Die aktuelle Wachstumsschwäche verstellt den langfristigen Blick auf die steigenden Compliance-Anforderungen