In der heutigen polarisierten Gesellschaft verlaufen die Trennlinien auf dem Dating-Markt eher zwischen den politischen Lagern. (Foto: Shutterstock).

In liberalen Kreisen gilt es fast als ungeschriebenes Gesetz: Wer sich offen zu rechtsgerichteten Parteien bekennt, muss mit gesellschaftlichen Konsequenzen rechnen. Doch wie reagiert der Dating-Markt darauf, besonders da junge Frauen und Männer politisch immer weiter auseinanderdriften?

Die Vorstellung, dass ein Bekenntnis zu AfD oder SVP auf Tinder einem sozialen Nachteil gleichkommt, ist weit verbreitet. Aber wie reagieren Nutzerinnen und Nutzer, wenn man im Dating-Profil Präferenzen für Parteien wie VOX in Spanien oder Reform UK in Grossbritannien angibt? Steckt hinter einem schnellen Swipe, das Missfallen ausdrückt, auch politisches Unbehagen? Funktioniert so die symbolische Ächtung politischer Positionen? Und was, wenn diese Annahme nicht stimmt?

Die Politikwissenschaftler Alberto Lopez Ortega und Stuart Turnbull-Dugarte haben diese Fragen untersucht. Ihre Ergebnisse, die bald im renommierten The Journal of Politics erscheinen, zeigen: Der Dating-Markt reagiert auf rechte Parteipräferenzen ganz anders, als viele glauben.

Der Mythos der «undatebaren» Wählerinnen und Wähler
Ortega und Turnbull-Dugarte zeigen, dass radikal-rechte Wählerinnen und Wähler auf Dating-Plattformen nicht systematisch ausgeschlossen werden. Sie haben genauso viele Chancen wie andere – manchmal sogar mehr. Dies liegt an der zunehmenden Polarisierung: Konservative bevorzugen Partnerinnen und Partner aus dem gleichen politischen Lager. Im linken Lager spielt derselbe Mechanismus. Dies hat Auswirkungen auf die liberale Demokratie.

Um die Erfolgsaussichten von Personen mit radikal-rechten Einstellungen auf dem Dating-Markt zu untersuchen, führten die Politikwissenschaftler ein Experiment durch. Über 2000 Personen in Grossbritannien und Spanien bewerteten mehr als 20’000 fiktive Dating-Profile mit variierenden Merkmalen wie Aussehen, Beruf, Bildung, Interessen und politischer Haltung.

Die Ergebnisse waren überraschend: In Grossbritannien war ein Bekenntnis zur Reform UK, der Partei von Nigel Farage, kein Nachteil beim Daten. Im Gegenteil, Profile von Reform UK-Unterstützenden kamen besser an als die der Konservativen. In Spanien hingegen wurden VOX-Wählende nur von politisch linken Personen abgestraft. Wählerinnen und Wähler des konservativen Partido Popular bevorzugten VOX-Unterstützende gegenüber Partnerinnen und Partnern aus dem politischen Zentrum.

Klassische politische Trennlinien werden auch beim Daten schärfer
Entscheidend ist der Abstand zur anderen politischen Position, während politische Radikalität kein Nachteil ist. Oder wie es die Politologen Ortega und Turnbull-Dugarte formulieren: lieber extrem, aber aus dem eigenen politischen Lager als gemässigt und aus dem «falschen Team».

In der heutigen polarisierten Gesellschaft verlaufen die Trennlinien auf dem Dating-Markt eher zwischen den politischen Lagern. «Für viele Konservative sind linke Positionen das grössere Problem als radikal-rechte Einstellungen», schreiben Ortega und Turnbull-Dugarte. Das hat Konsequenzen. Soziale Ächtung galt lange als wirksames Mittel gegen demokratiefeindliche Positionen. Wenn aber selbst intime Entscheidungen – wie wen wir lieben oder mit wem wir eine Familie gründen – nicht mehr davon beeinflusst sind, droht die Normalisierung der radikalen Rechten.

Die Verantwortung für den Erhalt demokratischer Normen trägt auch das bürgerliche Zentrum, so die Wissenschaftler. Ihre Folgerung: Konservative Parteien müssen sich bewusstwerden, dass eine Duldung oder Kooperation mit der radikalen Rechten nicht neutral beurteilt werden kann, sondern demokratiegefährdend ist. Das Argument, dass man den «Extremen» im verwandten Lager nähersteht als dem Zentrum, untergräbt den Kern jeder liberalen Demokratie, wie die beiden in ihrem Artikel auf dem Wissenschaftsportal «DeFacto» schreiben.

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