Nicht nur die Social Media-Plattformen werden überflutet mit Beiträgen zum Ukraine-Konflikt. Auf der ganzen Welt gehen Leute auf die Strasse und zeigen der Ukraine ihre Unterstützung. (Foto: Shutterstock)

Im Krieg stirbt zuerst die Wahrheit. Dieses Bonmot gilt auch für die russische Invasion in die Ukraine. Doch gab es in der Geschichte der Menschheit noch keinen Konflikt, in dem die beiden Kriegsparteien derart aktiv die Wahrnehmung der eigenen Taten und derjenigen des Gegners so stark zu beeinflussen versuchten. Das hat auch damit zu tun, dass Videobilder dank Smartphones zu einem einfach verfügbaren Gut geworden sind.

Kein Wunder, ist darum aktuell viel die Rede von Info-War, vom Informationskrieg. Davon, wie Russland und die Ukraine versuchen, die Öffentlichkeit auf der ganzen Welt auf ihre Seite zu ziehen.

Ukrainer nutzen soziale Medien, um den Widerstand zu wecken

Wir haben an dieser Stelle schon davon berichtet, wie die Ukrainer zu Beginn des Konflikts in den sozialen Medien erfolgreich das Narrativ zu dieser Invasion dominierten. Fotos und Videos des Schreckens des Krieges haben sich schnell verbreitet, sind in das Bewusstsein der Weltöffentlichkeit gedrungen und liefern Munition für den Informationskampf. Davon, dass die Ukraine in dieser Hinsicht Vorteile gewinnt, weil ihre Info-Krieger viel besser wissen, wie die Europäerinnen und Europäer ticken, und darum ihre Strategie effektiver verfolgen können. Inzwischen spricht die New York Times in einem Artikel sogar davon, dass genau diese Fähigkeiten wie «eine Waffe» wirkten. Die Journalistin Megan Specia berichtete einen Monat nach Kriegsbeginn von Friedensaktivisten in der westukrainischen Stadt Lwiw, die 109 Kinderwagen auf einen Platz rollten, um die im Krieg mit Russland getöteten Kinder zu symbolisieren. Stunden später war das Bild für Millionen von Menschen auf ihrem Handy verfügbar.

Oder: Ein kleines Mädchen, das sich in einem Keller in Kiew versteckt hielt, sang eine eindringliche Version von «Let it go» aus dem Film «Frozen», der Clip ging um die Welt. Ein Cellist spielte auf einer Strasse in Charkiw eine düstere Bach-Suite, wobei Trümmer und die fensterlose Fassade eines beschädigten Gebäudes als Kulisse dienten, und Tausende sahen zu. Für die New York Times ist klar: «Diese herzzerreissenden Einblicke in das Leben in der Ukraine seit dem Einmarsch der Russen sind zu einer mächtigen Munition in einem Informationskrieg geworden, der sich in den sozialen Medien abspielt.» Für einige seien die Nachrichten zu einem entscheidenden Schlachtfeld geworden, das die Leistungen des ukrainischen Militärs an der physischen Front ergänzt, da die Bilder und Informationen auf Instagram, Facebook, Telegram und TikTok weiter verbreitet werden. Die Verwandlung der Ukraine in eine Nation im Krieg ist einfach krass. Und dies hat vor allem das westliche Publikum angesprochen.

Präsident Selenskyj erobert mit seinen Videos die Herzen

Die Bilder, die Ansprachen, die Handyvideos des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj werden auf der ganzen Welt geliked, geteilt und weitergeleitet. Dagegen kann eine ganze Armee von Putin-Trollen arbeiten, wie sie will. Auch deswegen wurden in Russland Facebook und Twitter als extremistisch eingestuft und verboten. Mittlerweile hat die russische Regierung auch Google News blockiert. Vor allem Instagram ist für viele Russen ein herber Verlust.

Doch die Social-Media-Arbeit der Ukraine, die nicht nur auf ihren Präsidenten setzt, sondern auch auf Accounts, die Memes produzieren, bleibt auch auf anderen Kanälen hervorragend. Dabei spielt ebenfalls eine Rolle, dass die Ukraine auf TikTok dominiert. Die bekannte ukrainische Influencerin @valerisssh beispielsweise zeigt leere Supermarktregale, dann wieder das zerstörte Nachbarhaus, den Bombenkrater auf der Hauptstrasse oder das verwüstete Kinderkrankenhaus, das sie früher mit ihrer Mutter besucht hatte. So vermittelt sie einen Eindruck davon, was Putins Krieg bei den Menschen in der Ukraine anrichtet und schreibt dazu: «Putin, please stop it.» Schon ist die Rede davon, der Ukraine-Krieg sei der erste TikTok-Krieg, so wie der spanische Bürgerkrieg der erste Krieg der professionellen Kriegsfotografie, der Zweite Weltkrieg der erste Radio-Krieg oder Vietnam der erste TV-Krieg war.

Doch was ist ein Informationskrieg und was sind dessen Ziele?

Als Infokrieg wird die gezielte Verbreitung politischer Informationen und Propaganda in den digitalen und sozialen Medien bezeichnet. Dies, um Menschen bewusst zu beeinflussen und Falschmeldungen sowie Narrative zu verbreiten.

Bei einem Infokrieg sollen Gegner und Konkurrenten geschwächt bis geschädigt werden. Dies geschieht, indem deren Weltbild widersprechende Informationen verbreitet werden. Sie sollen für Zweifel am eigenen Handeln und/oder der eigenen Regierung sorgen. Am Schluss geht es um die Moral und den Zusammenhalt. Diesen will man dadurch schwächen. Der Infokrieg kann so weit gehen, dass für eine Mehrheit der Leute nicht mehr eindeutig erkennbar ist, was wahr und was falsch ist.

Methoden des Infokriegs sind: Massenhaftes Verbreiten von Desinformation, Fake-News und Falschmeldungen in den sozialen Medien. Verbreiten von Narrativen und Framing von Ereignissen, Manipulieren von öffentlichen Lexika oder Internet-Enzyklopädien.

Wie in einem realen Krieg, in dem Kampfhandlungen mit Waffen und menschlichen Ressourcen ausgetragen werden, wird auch im Informationskrieg das Ziel einer Schwächung oder Bekämpfung der gegenüberstehenden Konfliktpartei als höchstes Ziel erachtet. Der Unterschied im Infokrieg besteht darin, dass im direkten Sinne keine physischen Schäden angerichtet werden, sondern die Beeinflussung der Psyche des Feindes und der eigenen Gesellschaft zum Ziel erklärt wird.

Weil Russland kontert, ist jetzt ein Informationsweltkrieg im Gang

Es ist noch unklar, ob der russische Autokrat Vladimir Putin den Krieg mit Panzern und Raketen gewinnen kann. Klar ist hingegen: Den Krieg um die Meinung im Netz hat er vorerst verloren. Trotzdem, oder gerade deswegen, versucht Russland nach wie vor, das Meinungsklima zu beeinflussen und setzt dabei offenbar auf bezahlte Trolle, aber auch auf freiwillige Putin-Anhänger. Das zumindest legt eine Analyse der Organisation «Reset Tech» nahe, die Kommunikation auf Online-Plattformen analysiert.

Demnach versuchen die russischen Trolle, die Invasion als Notwehr gegen den vermeintlichen «Nazi-Staat» Ukraine darzustellen. Auch das Narrativ, wonach der Krieg geführt werde, um die russischsprachige Bevölkerung im Donbass zu befreien, wird verbreitet.

Auch in anderen Regionen der Welt versucht die russische Propaganda, die Themen zu setzen, von denen sie glaubt, dass sie in den jeweiligen Gesellschaften gut verfangen würden. Damit ist erstmals ein Informationsweltkrieg im Gang. Der Social-Media-Analyst Carl Miller weist beispielsweise darauf hin, dass Russland in den BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien und China) und in den Ländern des globalen Südens mit seinen Botschaften durchaus Erfolg habe.

Fünf Empfehlungen, um in der Informationsflut nicht unterzugehen

Professionelle Leserinnen und Leser raten: Push-Nachrichten aus, Multitasking vermeiden und den eigenen Bedarf vorher klären.

Unsere Souveränität als Elefant im Raum

"Ein Blick in die Geschichte hilft", verspricht André Holenstein eingangs des zweiteiligen Buches von ihm und Thomas Cottier zum Verhältnis der Schweiz mit Europa.

Wie man seine Passwörter vor AI schützt

Jedes zweite Kennwort ist in weniger als einer Minute geknackt – deshalb: je länger und komplizierter, desto sicherer

Weshalb die Schweizer Banken die Corona-Krise bislang so gut meistern

Anders als viele europäische Finanzhäuser haben sich Schweizer Banken 2020 wacker geschlagen.

Weshalb wir im Leben falsche Entscheide fällen

Ein Lego-Experiment erklärt, weshalb wir die Addition der Subtraktion vorziehen und was das konkret bedeutet.

Warum eine Botschaft ohne Bedeutung keinen Wert hat

Eindrücke vom Web Summit 2023 in Lissabon – die mit 70'000 Besucherinnen und Besuchern weltgrösste Tech-Konferenz

Navigieren in unruhigen Gewässern

Die aktuelle Wachstumsschwäche verstellt den langfristigen Blick auf die steigenden Compliance-Anforderungen

«Politische Bildung darf nicht dem Zufall überlassen werden»

Anders als früher regle sich die Demokratiekunde nicht mehr einfach am Familientisch, sagt Monika Waldis Weber. Die Fachfrau für politische Bildung nimmt die Schulen in die Pflicht.

Wie irreführend die Medien über Schwedens Lockdown berichteten

Warum eine Kampagne nur über Social Media immer noch Wunschtraum bleibt