«Am Schluss stehen Sieger und Verlierer in der Arena»

Bernhard Heusler, Präsident des FC Basel, über die Faszination des Fussballs und die Macht des Geldes.

Bernhard Heusler, Präsident des FC Basel.

Woher kommt eigentlich diese weltweite Faszination für den Fussball?
Bernhard Heusler: Die Frage an sich fasziniert. Die überragende Faszination für diesen Mannschafts-Ballsport ist nicht einfach zu erklären.

Ihre Antwort?
Wie damals unsere Vorfahren, messen sich heute die Fussballteams in ihrer Fähigkeit, verschiedene Typen und Talente zu einer optimalen Leistung der Gruppe zu verbinden. Und da der Ball mit den an sich dafür wenig geeigneten Körperteilen Fuss und Kopf kontrolliert und gespielt werden muss, erreicht das Fussballspiel nie einen abgehobenen Perfektionsgrad. Dieser Mangel an Perfektion fördert die Identifikation mit Spiel und Spielern durch den Zuschauer. Im Teamwork auf dem Fussballplatz sehen wir zudem unsere evolutionsgeschichtliche Errungenschaft bestätigt, wonach wir in organisierter Kooperation in der Gruppe Aufgaben erfüllen können, die uns als Einzelgängern und Selbstversorgern verschlossen waren.

Höre ich richtig: eine evolutionsgeschichtliche Erklärung?
Ja, denn diese Entwicklung brachte dem Homo sapiens in der Evolution entscheidende Vorteile. Im Fussball kommen ganz verschiedene Typen und Talente zusammen: grosse, kleine, starke, flinke, geschickte, intelligente, strategisch denkende und so weiter. Die Zuschauer können sich nicht nur mit Club oder Nation, sondern auch mit den unterschiedlichen Typen identifizieren, und so fast wie ein Mitglied der Gruppe Freude und Enttäuschung erleben. Dies funktioniert besser als in anderen Sportarten, die aufgrund der Anforderungen faktisch nur noch Athleten mit ganz spezifischen physischen Voraussetzungen zulassen.

Aber letztlich will man sich unterhalten. 
Natürlich. Und der Fussball bietet diese Unterhaltung. Angesprochen ist damit ein weiterer Grund für die grosse Bedeutung, die der Fussball in unserer Gesellschaft geniesst. Viele Menschen suchen in ihrer Freizeit keine komplexen Sachverhalte. Fussball ist relativ einfach zu verstehen. Die Regeln sind klar und in der über 100-jährigen Geschichte kaum verändert worden. Am Schluss eines Spiels stehen Sieger und Verlierer, Helden und Versager in der Arena. Emotionen sind quasi garantiert. Was will man mehr? Der ehemalige argentinische Fussballweltmeister und Philosoph Jorge Valdano spricht von der übersteigerten Bedeutung, die der Fussball in unserer modernen Gesellschaft geniesst. Er führt dies auf eine Infantilisierung unserer Gesellschaft zurück.

Nicht gerade eine schmeichelhafte Umschreibung.
Das sehe ich nicht so. Aus meiner Sicht ist das in keiner Weise abwertend. Tatsache ist doch, dass der Fussball Drama und Spektakel bietet, aber auch hochemotionale Geschichten über Gewinnen und Verlieren erzählt, was viele Menschen anspricht. Und dass sich dies gut verkaufen und kommerzialisieren lässt, ist nicht neu, sondern die Realität. Fussball ist als Sport auch ausserordentlich basisdemokratisch, sozial, einfach zugänglich, Material- und Infrastruktur-unabhängig und kennt keine Grenzen oder Sprachbarrieren. Es kann also nicht erstaunen, dass in der neuen, medialen und offenen Welt der Fussball zu einem globalen Unterhaltungsspektakel geworden ist. Stars wie Ronaldo, Messi oder Ibrahimovic sind World-Entertainment-Stars.

Was ist Fussball eigentlich: Sport, Unterhaltung, Kommerz?
Fussball ist in erster Linie Sport, der auf einem nie ganz kontrollier- und wissenschaftlich nicht berechenbaren Spiel basiert. Unterhaltung und Kommerz sind Begleiterscheinungen. Die Kommerzialisierung ist für das Geschäft, welches sich in den letzten Jahrzehnten rund um den Fussball zu einer eigentlichen Industrie entwickelt hat, Lebensnerv und Antriebsmotor. So ist ein moderner Fussballclub wie der FC Basel nicht mehr ein Verein, der aus aktiven und passiven Mitgliedern besteht.

Sondern?
Der Club ist vielmehr ein Unternehmen mit über 250 Mitarbeitern und rund 100 Millionen Franken Umsatz. Um wirtschaftlich zu überleben, muss der Club seine operativen Kosten durch wirtschaftliche Erträge, die direkt und indirekt aus dem Fussballspiel folgen, decken. Bei aller Bedeutung des kommerziellen Aspekts im Fussball, dürfen wir aber nie das Sensorium und den Respekt gegenüber Spiel, Spieler-Menschen und den Anhängern des Sports verlieren. Ansonsten setzen wir das Spiel einer grossen Gefährdung aus.

Gleichzeitig wird das Geld im Fussball immer wichtiger. Transfersummen für Spieler, Sponsorengelder und TV-Rechte erreichen astronomische Höhen. 
Das ist tatsächlich so. So ist der neue TV-Vertrag in England, wonach allein für die nationale Verwertung der Premier League ab diesem Sommer 2.3 Milliarden Euro unter den Clubs verteilt werden, in aller Munde. Andere Länder mit grossen Ligen werden versuchen nachzuziehen, oder sie verlieren an Attraktivität und damit an sportlicher Wettbewerbsfähigkeit. Mit Blick auf die gesamtwirtschaftliche Situation in Europa erscheint fast unerklärlich, dass im Sektor der medialen Vermarktung des Fussballs in jüngerer Zeit Zuwachsraten von 50 bis 80 Prozent zu verzeichnen sind.

Birgt das grosse Geld nicht eine Gefahr für den Sport?
Geld oder zu viel Geld birgt in jedem Bereich menschlichen Lebens Gefahren, also auch im Fussball. Als Schutzschild wirkt die enorme Kraft des Fussballspiels. Ich bin überzeugt, dass sich das sportliche Spiel nicht vom Geld besiegen lässt. Man muss die Zugehörigkeit des Profi-Fussballsports auf höchster Ebene zur globalen Unterhaltungsindustrie akzeptieren und das Gute daraus ziehen, um weiterhin das Spiel in seiner Essenz und Schönheit zu erhalten oder sogar zu fördern. Wir können auch im Fussball nicht in der Romantik der Vergangenheit verharren.

Was ist die Lösung?
Kommerzialisierung und Globalisierung sind Fakten des menschlichen Zusammenlebens unserer Zeit. Der Fussball muss sich immer unter Berücksichtigung der gesellschaftlichen Fakten positionieren und weiterentwickeln, will er auch als Sportart überleben. Fussballclubs haben deshalb gar keine Wahl. Sie müssen professionell geführt werden. Dabei darf das Bekenntnis zu Werten ebenso wenig auf der Strecke bleiben wie die Freude am Sport.

Wie setzen Sie das beim FC Basel um?
In der Definition unserer eigenen Club- und Führungsphilosophie haben wir uns ganz klar zum Menschen als Mittelpunkt bekannt. Unbesehen der Bedeutung des Kommerzes und der Erfolge, sollen die Exponenten des Klubs auf und neben dem Rasen immer als eine Gruppe von Menschen wahrgenommen werden, was voraussetzt, dass sie intern auch so geführt und behandelt werden. Mit Produkten und Waren wird andernorts ‹gehandelt›, nicht im Fussball.

Was längst nicht überall der Fall ist.
Das mag sein. Aber beim FC Basel verfolgen wir konsequent diese Philosophie. Natürlich weiss ich, dass sich abseits des Fussballrasens auch Geschichten abspielen, die dem Ruf des Fussballs schaden, und gar nicht passieren dürften. Wenn beispielsweise ein brasilianischer Fussballer vor dem Internationalen Sportgerichtshof für seinen Bruttolohn von 2000 Euro pro Monate über Jahre und in mehreren Instanzen kämpfen muss, dann kann mich das wütend machen, auch wenn Ausbeutung und Menschenverachtung keineswegs eine fussballspezifische Erscheinung sind.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie lesen, dass der chinesische Einzelhandelsriese Suning die Mehrheit am italienischen Traditionsklub Inter Mailand kauft.
Nicht sehr viel. Ich nehme es zur Kenntnis. Vergessen wir nicht: Die Geschichte des Profi-Fussballs in der Schweiz ist entscheidend vom Mäzenatentum geprägt – und das seit Jahrzehnten. So verdankt etwa der FC Basel seinen Aufstieg an die nationale Spitze um die Jahrtausendwende auch der Unterstützung durch die damalige Mäzenin und spätere Präsidentin Gigi Oeri. Dass die Profiabteilung des Clubs seit 2010 ohne Gelder eines Mäzens auskommt, ist eher Ausnahme als Regel im nationalen und internationalen Umfeld. Bemerkenswert ist die jüngere Entwicklung auf internationaler Ebene. Dank des enormen Zuwachses der Erträge aus der globalen Vermarktung der Clubs wird das Mäzenatentum vermehrt durch Unternehmertum abgelöst.

Nimmt die Kluft zwischen den Ligen und den Klubs nicht zu?
Eindeutig. Das lässt sich am Beispiel der Champions League zeigen. Der Abstand zwischen dem Ersten und dem Vierten einer Gruppe wird immer grösser. Der FC Basel ist eine Ausnahmeerscheinung. Die Statistik über die letzten Jahre zeigt, dass es keinem Club in Europa in vergleichbarer Weise gelungen ist, den für die Meister der kleineren Ligen reservierten Weg so erfolgreich zu begehen und in den Gruppenspielen regelmässig mithalten zu können. Spürbar ist, dass mit den hohen Geldbeträgen der Broadcaster und der Partner auch deren Einfluss auf das Wettbewerbsformat zunimmt. Es fragt sich, ob im Wettbewerb der Besten die so attraktiven Vergleiche zwischen Gross und Klein noch Platz finden. Denkbar ist deshalb, dass künftig der Wettstreit zwischen Global Brands, die sich sportlich und wirtschaftlich auf Augenhöhe begegnen, im Zentrum stehen und alles andere verdrängen wird.

Weshalb?
Wenn wir uns überlegen, wie wir die hohen Vermarktungserträge erklären und rechtfertigen können, dann ist die Frage einfach mit ‹Wirtschaftlichkeit› zu beantworten. Entscheidend sind letztlich die Fussballkonsumenten weltweit. Sind mit den sich wiederholenden Matches zwischen den Grossen mehr Beachtung und nachhaltig höhere Einschaltquoten zu erzielen als mit Spielen unter Beteiligung von Clubs kleinerer Ligen und Märkte, dann ist die Antwort gegeben.

Was sind die Folgen?
Der internationale Solidaritätsgedanke, der die Champions League unter der Ägide der UEFA nicht zu einem geschlossenen Wettbewerb unter Vertretern der Big-Five-Ligen werden liess, steht logischerweise zu Debatte. Es ist notwendig und sicher nicht verwerflich, dass diese Diskussionen in den Gremien der UEFA und der ECA offen geführt werden. Wesentlich scheint mir, dass alle Interessengruppen in diesen Prozess eingebunden werden.

Welches ist Ihre Position?
Wir werden unsere Haltung, soweit möglich, einbringen, die Entwicklung auf dem internationalen Parkett genau beobachten und uns darauf einstellen, die richtigen Schlüsse für unseren Club und unsere Liga zu ziehen.

Der FC Basel ist seit Jahren der wirtschaftlich solideste und erfolgreichste Fussballklub der Schweiz. Was ist der Schlüssel zum Erfolg?
Es ist uns über die Jahre gelungen, im Club eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich die Mitarbeitenden auf und neben dem Feld grundsätzlich gut fühlen. In einer positiven Atmosphäre, die von einem Grundvertrauen geprägt ist, sind die Menschen bereit, sich mit dem Ganzen zu identifizieren, zusammen zu solidarisieren sowie als Individuum und im Kollektiv an die Leistungsgrenzen zu gehen.

Und Erfolg zu haben.
Mit den Erfolgen ist die Stärkung der wirtschaftlichen Basis gekommen – und dadurch haben wir eine gute, derart starke Mentalität und Selbstverständnis entwickelt, dass wir scheinbar Unmögliches erreichen können, ohne uns auf Erfolge zu reduzieren oder gar in Arroganz abzuheben. Da wir in jedem Jahr die begehrtesten Spieler verlieren und damit das wichtigste Team in unserem Club fast neu zusammensetzen müssen, ist es umso wichtiger, dass diese Grundsätze als Club- oder Unternehmensphilosophie top-down vorgelebt, personenunabhängig und konsequent in allen Bereichen umgesetzt werden.

Gibt das Ihnen den Kick, immer weiterzumachen?
Ich bin mir nicht sicher. Der alljährliche und unvermeidliche Verlust wichtiger Teamstützen ist mehr Frust als Kick. Mein Antrieb ist die Freude an der Aufgabe, dem FC Basel als Präsident vorzustehen, mit den Menschen in der Administration und auf den Fussballplätzen zusammenzuarbeiten sowie mich mit Fussball- und Club-Begeisterten auseinanderzusetzen. Und schliesslich liebe ich einfach den Sport und ganz besonders diesen Club seit meiner frühesten Kindheit.

Welche Mannschaften unterstützen Sie an der EM?
Natürlich in erster Linie die Schweizer. Daneben interessieren mich besonders die Isländer, Österreicher, Albaner und Tschechen, wo unsere FCB-Spieler mitspielen.

Wie viele FCB-Spieler sind an der EM dabei?
10 «Basler» standen in den Aufgeboten, 8 sind nun in Frankreich dabei. Ebenso viele werden dabei sein, die auch schon das rot-blaue Trikot getragen haben.

Für wen schlägt Ihr Herz – neben den Schweizern?
Im immer gleichen Kreis der Favoriten schlägt mein Herz für England. Tippen würde ich aber auf Frankreich als Europameister, auch wenn dem Heimteam die vielen Ausfälle in der Defensive zum Verhängnis werden könnten.

Können Sie als Präsident entspannt den Spielen zusehen?
Mehr oder weniger. Keiner unserer Spieler soll sich verletzen. Und ansonsten freue ich mich auf begeisternde Spiele.

Gespräch: Pascal Ihle

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