Der ehemalige deutsche Minister Philipp Rösler mahnt Europa dazu, die Konkurrenz Ernst zu nehmen: «Industrielle Kompetenz, digitale Souveränität und unbeugsame Zukunftsgewandtheit ist in Asien keine länderspezifische Ausnahmeerscheinung Chinas. Dieses Denken ist in ganz Asien verankert.» (Foto: zvg.)

Der vormalige US-Präsident Barack Obama erkannte vor acht Jahren die Bedeutung Asiens für die Welt («Pivot to Asia»). Unter Donald Trump haben sich die Fronten jedoch verhärtet. Weshalb?

Die Unternehmen im Westen wissen schon lange, dass Asien wirtschaftlich enorm am Aufholen ist. Aus der einstigen Werkbank der Welt ist ein dynamischer Innovationsraum entstanden, eine globale Wirtschaftsmacht. Allerdings steht politisch die Hinwendung des Westens nach Asien aus. Einer der Gründe liegt in der von Trump geprägten China-Konfrontation, die zu wirtschaftlichen und technologischen Blockaden geführt hat. Hinwendung nach Asien heisst allerdings nicht, dass der Westen der transatlantischen Partnerschaft oder der Europäischen Union abschwören sollte. Vielmehr müssen wir verinnerlichen, dass die Entwicklung der asiatischen Volkswirtschaften das 21. Jahrhundert prägen dürfte – gerade was die Megathemen Klima und Digitalisierung betrifft.

Was macht Sie so sicher?

In Asien leben, arbeiten und wirtschaften rund fünf Milliarden Menschen. Die geopolitische und weltwirtschaftliche Verschiebung ist in vollem Gang. Das neue Handelsbündnis in Asien-Pazifik, die Regional Comprehensive Economic Partnership (RCEP), ist nur das jüngste Beispiel. Die 15 Länder Australien, Brunei, Kambodscha, China, Indonesien, Japan, Laos, Malaysia, Myanmar, Neuseeland, Philippinen, Singapur, Südkorea, Thailand und Vietnam haben das Abkommen unterzeichnet. Das ist bahnbrechend und wird den Welthandel dramatisch verändern.

Was heisst das für Europa?

Brüssel und vor allem Europas Wirtschaftslokomotive Deutschland werden sich positionieren und aufzeigen müssen, wie das Wirtschaftsmodell der Zukunft aussieht und wie wir unseren Wohlstand wahren wollen. Die Frage lautet, welche wirtschaftspolitischen Strategien setzen Brüssel und Berlin dem Aufstiegswillen Asiens entgegen.

Sind sich Brüssel und Berlin dieser Verantwortung bewusst?

Die Politiker übersehen gerne zweierlei: Zum einen haben wichtige asiatische Volkswirtschaften die Corona-Pandemie gut im Griff, zum anderen konzentrieren sie sich voll auf die Wiedergewinnung ökonomischer Stärke. Die Trias aus industrieller Kompetenz, digitaler Souveränität und einer unbeugsamen Zukunftsgewandtheit ist in Asien keine länderspezifische Ausnahmeerscheinung Chinas. Dieses Denken ist in ganz Asien verankert. Bedenkt man die demographische Entwicklung des Westens, wird diese Trias die europäischen Volkswirtschaften noch stark herausfordern.

Was kann der Westen entgegensetzen?

Die handels-, sicherheits- und entwicklungspolitischen Initiativen Europas und ein kritischer Umgang mit China sind erste Bausteine dafür. Aber es bedarf mehr. Wir sollten noch viel mehr in unsere europäischen Beziehungen zu Asien investieren. Ich engagiere mich für eine Indo-Pazifik-Strategie, einen Dialog mit Partnern, die ähnliche Werte haben wie der Westen.

An wen denken Sie?

Südkorea, Indien, Japan, Australien oder Neuseeland sollten für uns im Westen eine Schlüsselrolle spielen. Ich befürworte die von Joe Biden angekündigte Allianz der Demokratien. Ich bin überzeugt, dass sich globale Fragen in Bezug auf Technologie, Sicherheit, Nachhaltigkeit und Konnektivität am ehesten mit Wertepartnern erörtern und vertiefen lassen.

Hat die Schweiz als kleines Land im Konzert der Grossmächte überhaupt eine Chance?

Auf jeden Fall. In Zeiten der 4. Industriellen Revolution gilt: Nicht der grosse Fisch frisst den kleinen, sondern der schnelle den langsamen Fisch. Heisst, Innovationen bleiben immens wichtig. Und die Schweiz als hoch innovatives Land wird sich behaupten – wenn die Geschwindigkeit gehalten wird.

Inwiefern kann der Technologiestandort Schweiz, namentlich das Crypto Valley, im indo-pazifischen Raum eine Rolle spielen?

Überhaupt nicht. Das Crypto Valley gehört weltweit zu den führenden Blockchain-Ökosystemen, nicht zuletzt wegen einer fortschrittlichen Regulierung und der grossen Anzahl Blockchain-Unternehmen. Die Blockchain-Technologie ist eine der grossen Schlüsseltechnologien, die viele gegenwärtige Probleme des Internets lösen kann wie Stabilität, Zuverlässigkeit und Sicherheit der digitalen Infrastruktur und Plattformen, Privatsphäre, Aufbewahrung von Werten, Transaktion von Daten, Zentralität versus Dezentralität. Die Schweiz und Asien investieren viel in die Blockchain-Technologie. Zudem sind gerade Länder wie Südkorea, Vietnam und andere ASEAN-Staaten stark wachsende Volkswirtschaften, die in das digitale Zeitalter springen und in Technologiefragen oft auf gleicher Augenhöhe mit Europa oder USA sind. Hier gilt es Brücken zu bauen, den technologischen und wirtschaftlichen Austausch zu fördern – zum Wohle aller.

Sehen Sie sich als solcher Brückenbauer? Sie sind ja sowohl in Vietnam als auch in Deutschland verwurzelt.

Ich plädiere und engagiere mich für eine Asien-Brücke, für einen zivilgesellschaftlichen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Dialog mit unseren asiatischen Partnern. Mich fasziniert die Zukunftsgerichtetheit im Crypto Valley. Das verbindet die Schweiz mit Asien. Ich möchte Türöffner sein, gemeinsame Initiativen, Ökosysteme, Austauschprogramme, Konferenzen lancieren für Unternehmer, Wissenschaftler und Investoren.

Philipp Rösler hat in der Stadt Zug ein eigenes Beratungsunternehmen gegründet, um den wirtschaftlichen Austausch zwischen Südostasien und Europa zu fördern. Daneben sitzt er im Advisory Board der Zuger Investmentgesellschaft CV VC. Zuvor war Rösler deutscher Bundesminister für Gesundheit (2009 bis 2011) und für Wirtschaft und Technologie (2011 bis 2013), Vizekanzler, FDP-Bundesvorsitzender und Geschäftsführer des Weltwirtschaftsforums (WEF).

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