Die Gesellschaft sieht der Nutzen von AI, ist ihr gegenüber aber ambivalent eingestellt. (Foto: Shutterstock)

In einer Welt, in der die künstliche Intelligenz (AI) die Grenzen des Möglichen neu definiert, stellen sich drängende Fragen: Wird die Technologie ein goldenes Zeitalter der Produktivität einläuten oder vielmehr Millionen von Lebensgrundlagen weltweit zerstören? Wird sie Menschen auf neue Pfade der persönlichen Erfüllung führen oder in Sackgassen von Einsamkeit und Isolation treiben? Wird sie die Menschheit zu neuen Höhen führen oder die Saat unserer kollektiven Zerstörung säen? Je nachdem, wen man fragt, lautet die Antwort auf all diese Fragen ja.

Auswirkungen der Technologie sind den Menschen noch unklar 
In den 14 Monaten seit dem Start von ChatGPT ist nicht klar geworden, wie KI-Anwendungen die Welt verändern werden. Klar ist nur, dass sie die Welt verändern, und zwar mit positiven als auch negativen Auswirkungen auf Einzelpersonen, Familien, sozioökonomische Gruppen, Unternehmen, Industrien und Gesellschaften. Und dass sie Arbeitsplätze revolutionieren und persönliche Leben neu ordnen.

Viele bahnbrechende Technologien kommen mit Fallstricken daher. Feuer erlaubte es den Menschen, sich nachts zu versammeln, brannte aber auch Dörfer nieder. Das Automobil revolutionierte die Mobilität, brachte aber Verkehrstote und Umweltschäden mit sich. Das Internet verband Menschen sofort, lieferte aber auch neue Werkzeuge für Kriminelle.

Ein wesentlicher Unterschied zwischen KI und früheren Innovationen ist, dass sogar die Schöpfer selbst vor den möglichen Nachteilen warnen. Das Spannungsfeld von Versprechen und Gefahr durchzieht die KI-Unternehmen. Man muss nur den Kampf um die Kontrolle von OpenAI anschauen, um ein Beispiel für die tiefe Ambivalenz zu sehen, die diese Technologie hervorruft.

Was ist die Wahrnehmung der Betroffenen? 
Aber in der Ambiguität liegt auch die Chance. Der Startschuss des KI-Rennens fiel vor langer Zeit, doch ChatGPT brachte einen Schwung neuer Unternehmen und Länder mit ins Rennen. Wirtschafts- und Regierungsführer werden entscheiden, wie viel von der Entwicklung offen und transparent gegenüber der geschlossenen und proprietären Entwicklung sein wird. Regulierungsbehörden werden das Tempo und den Umfang der Massnahmen bestimmen. Konsumentinnen und Konsumenten sowie Arbeitnehmende werden im Zentrum der Technologieadaption stehen und mitbestimmen, wie schnell deren Vorteile genutzt werden.

Darum hat das Oliver Wyman Forum begonnen, die Einstellungen, Wahrnehmungen und Missverständnisse rund um KI gründlich zu untersuchen. Im Juni und November 2023 haben die Forschenden mehr als 25’000 Menschen in den Vereinigten Staaten, Grossbritannien, Kanada, Mexiko, Brasilien, Frankreich, Italien, Deutschland, Spanien, China (Hongkong), Indien, Indonesien, Singapur, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Australien befragt.

Die Ergebnisse zeigen die Ambivalenz, die viele Menschen empfinden:

  • Während 96 Prozent der Beschäftigten glauben, dass KI ihnen in ihrem aktuellen Job helfen kann, haben 60 Prozent Angst, dass sie letztendlich automatisiert werden.
  • Etwa 55 Prozent der Beschäftigten verwenden generative KI mindestens einmal pro Woche bei der Arbeit, aber 61 Prozent der Nutzenden halten sie nicht für sehr vertrauenswürdig.
  • Von diesen 61 Prozent würden 40 Prozent sie dennoch verwenden, um ihnen bei wichtigen finanziellen Entscheidungen zu helfen, und 30 Prozent würden mehr persönliche Daten für eine bessere Erfahrung teilen.

Inmitten der Vielzahl von Meinungen und Vorhersagen gibt es weltweit einen wachsenden Konsens darüber, dass der Einfluss von KI sowohl auf den Arbeitsplatz als auch auf die Verbraucherwirtschaft massiv sein wird.

Auch Firmen stehen vor grossen Herausforderungen 
In der Studie des Oliver Wyman Forums schätzen die Autorinnen und Autoren, dass generative KI bis 2030 bis zu 20 Billionen US-Dollar zum globalen BIP beitragen und 300 Milliarden Arbeitsstunden pro Jahr einsparen könnte. Gleichzeitig könnte sie bis 2025 weltweit 85 Millionen Arbeitsplätze verdrängen, insbesondere Einsteigerpositionen. Diese Umwälzungen verursachen zunehmende Ängste bei den Arbeitnehmenden, da generative KI nicht nur physische, sondern auch wissensbasierte Tätigkeiten beeinflusst. Dies führt zu Spannungen in den Organisationsstrukturen und einem wachsenden Stresslevel unter den Mitarbeitenden, der sich negativ auf Engagement, Produktivität und Mitarbeitendenbindung auswirken kann.

Um die Vorteile von KI voll auszuschöpfen, sollten Unternehmen einen menschenzentrierten Ansatz verfolgen, der in die Aus- und Weiterbildung der Mitarbeitenden investiert. Denn sie sind es, die die Schnittstellen nutzen, die Systeme aktualisieren und die Ergebnisse verwalten. Eine solche Vorgehensweise könnte die Akzeptanz und den Erfolg von generativer KI stärken und gleichzeitig die negativen Auswirkungen auf die Arbeitskräfte mildern.

Auch für Konsumentinnen und Konsumenten verspricht generative KI bahnbrechende Veränderungen. Besonders im Gesundheitswesen könnte sie eine Revolution auslösen, indem sie Ärzten Zeit erspart und Millionen von Patienten eine bessere Versorgung ermöglicht. Darüber hinaus eröffnet generative KI neue Möglichkeiten für Bildung, Therapie und persönliche Beratung. Sie könnte sogar die Art und Weise verändern, wie Menschen Beziehungen eingehen, indem sie emotionale Intelligenz und Verbundenheit auf völlig neue Weise erlebbar macht.
Obwohl generative KI komplexe Risiken birgt, sollten Unternehmen und Gesellschaften sich von der Debatte über Risiko versus Belohnung lösen und stattdessen einen dynamischen Ansatz von Test, Messung und Lernen verfolgen. Die Einstellungen und Überzeugungen, die heute geformt werden, werden die Zukunft von generativer KI beeinflussen und die Weichen für eine Welt stellen, in der Technologie und Menschheit immer enger miteinander verbunden sind.

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