«Winston Churchill hatte in seinem Leben neben guten Genen auch Glück»

Im zweiten Teil des Gesprächs spricht Thomas Wessinghage über regelmässige Bewegung – das Wunderrezept gegen die Volkskrankheit Diabetes – und über die aktuellen Entwicklungen in Deutschland und in den USA.

Am Ziel der Träume: Thomas Wessinghage wird 1982 in Athen Europameister über 5000 Meter. (Bild: Pressebildagentur Werek)

Die psychische Belastung am Arbeitsplatz nimmt zu. Wie können wir Druck abbauen? Was ist die effektivste Methode, um gesund zu bleiben?
Thomas Wessinghage: Eine dosierte Bewegung in der freien Natur ist ein wunderbarer Stressausgleich. Aber ich habe noch ein paar andere Argumente: Stress im heutigen Verständnis hat ja einen stark negativen Klang. Stress ist aber auch die Fähigkeit eines Organismus, in einem bestimmten Zeitraum eine besondere Leistung zu vollbringen. Es ist immer auch eine Frage der Perspektive. Wenn ich Stress von vornherein als negativ empfinde, so werde ich auch unter ihm leiden. Wenn ich Stress als positiv und leistungsfördernd einschätze, dann kann ich mit Belastungssituationen besser umgehen.

Hat Ihnen der Leistungssport geholfen, besser mit Stress umzugehen?
Ja, ich habe als Leistungssportler über viele Jahre gelernt, mit Stress umzugehen. Ich hatte 20 Jahre lang das Glück, Wettkämpfe in relativ hoher Zahl betreiben zu dürfen. Selbstverständlich kam da auch eine Anpassung zustande, die es mir ermöglichte, in Belastungssituationen gute Leistungen zu erbringen und unter diesen Belastungssituationen nicht zu leiden. Das heisst: Ich habe als Mensch die Möglichkeit, Stress zu modulieren und zu kompensieren. Ich habe aber auch die Möglichkeit, mich so zu verhalten, dass ich unter jeglicher stressähnlicher Situation schon leide. Das zu lernen, ist eine wichtige Botschaft für jüngere Menschen, da ist der Leistungssport eine wunderbare Schule, sich mit Belastungssituationen auseinanderzusetzen und am Ende daraus stärker zu werden.

«No Sports», sagte der englische Premierminister Winston Churchill. Der passionierte Zigarrenraucher und Whisky-Trinker wurde 91 Jahre alt. Ist das Glück oder spielen gute Gene eine entscheidendere Rolle als Sport?
Ich möchte Ihre Grundaussage korrigieren. Da ich mit diesem Zitat oft konfrontiert wurde, habe ich mich an die englische Gesellschaft, welche die Zitate von Winston Churchill verwaltet, gewandt und gefragt, wann er dies gesagt habe. Mir wurde mitgeteilt, dass er das so nie gesagt habe. Es wurde hinzugefügt – und jetzt dürften Sie sich wundern – dass Churchill im Alter von 56 Jahren nachweislich noch Polo gespielt hat, was eine durchaus anstrengende Sportart ist. Also: Winston Churchill ist vielleicht nicht das beste Beispiel; aber er steht für viele andere, die wenig Sport in ihrem Leben machen und trotzdem alt werden. Jetzt könnten wir noch den Gegenpart hinzufügen: relativ viele Sportler sind früh verstorben. Genetik und Lebensumstände können wir heute nicht in Gänze erfassen. Nehmen wir als Beispiel das Heranwachsen in einer Industrielandschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit einer Luftverschmutzung, wie wir sie uns heute nicht mehr vorstellen können. Welche Einflüsse dann vielleicht lebensverkürzend wirken und den positiven Einfluss von Bewegung übertünchen oder umgekehrt, das können wir nicht nachvollziehen. Es gehört auch ein wenig Glück dazu. Vermutlich hatte Winston Churchill in seinem Leben neben guten Genen auch eine ganze Menge Glück. Vielleicht hat er sich heimlich ein bisschen bewegt – und davon profitiert.

Diabetes ist zur Volkskrankheit mutiert. Andere Zivilisationskrankheiten wie Herz- und Kreislauferkrankungen sind ebenfalls auf dem Vormarsch. Ist Bewegung die beste Prävention?
Ja. Wir wissen heute, dass sich regelmässige Bewegung auf alle Funktionssysteme im menschlichen Körper positiv auswirkt. Bewegung beugt Kreislaufschäden, Herzinfarkten, Schlaganfällen und Krebserkrankungen vor; Bewegung kann Stoffwechselschäden, sprich Diabetes, beseitigen oder verhindern. Mittlerweile sind 20 verschiedene Krebsarten bekannt, bei denen die Bewegung als vorbeugende Massnahme nachgewiesen worden ist. Bewegung verbessert die geistige Leistungsfähigkeit, beugt Demenz und Infekten vor und verbessert die Immunabwehr. Bewegung ist das Wichtigste, was den meisten Menschen in der heutigen Zivilisationsgesellschaft fehlt.

Hat das Motto «mens sana in corpore sano» (ein gesunder Geist in einem gesunden Körper) in der heutigen Zeit aus ärztlicher Sicht immer noch Gültigkeit?
Ja. Daran hat sich nichts geändert. Ich zitiere in diesem Zusammenhang jeweils gerne Teresa von Ávila, die im 16. Jahrhundert gelebt hat. «Tu deinem Leib etwas Gutes, damit deine Seele Lust hat, darin zu wohnen.» Das gilt heute genauso wie vor 500 Jahren.

Wie wichtig sind Bewegung und Ernährung mit Blick auf Gesundheit und Lebensdauer? Kann man die Wirkung quantifizieren? 
Ja. Es gibt verschiedene Studien dazu. Ich zitiere die «Copenhagen City Heart Study», die zum Schluss kam, dass Menschen, die ein körperlich bewegtes Leben führen, im Durchschnitt fünf Jahre länger leben und acht Jahre länger frei von Krankheiten sind.

Was sagen Sie als Arzt zur Redensart «ohne Fleiss kein Preis»?
Als Arzt stimme ich dem zu. Als Sportler ebenfalls. Man muss etwas tun. Wenn man nichts tut, kann man nicht davon ausgehen, dass man so viel Glück hat wie Winston Churchill oder Helmut Schmidt.

Schneller, höher, weiter: Wieso suchen immer mehr Menschen den Reiz im Extremen?
Es entspricht dem modernen Zeitgeist. Früher waren die Menschen mit ihrer Rolle mehrheitlich zufrieden. Heute wollen sie mit einer aussergewöhnlichen Leistung aus der Menge herauszuragen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, um auf sich aufmerksam zu machen: ein Bericht in den Medien, besondere Kleidung tragen, ein gewagter Haarschnitt, was auch immer. Die Globalisierung und das soziale Netz tragen dazu bei, diesen Trend zu verstärken. Und deshalb beobachten wir immer mehr Leistungen, bei denen wir vielleicht mit ein wenig Kopfschütteln daneben stehen und sagen: Ist diese Leistung wirklich das Risiko wert, das man dafür eingehen muss?

Stichwort Marathon-CEOs. Kann die berufliche Leistungsfähigkeit durch Sport verbessert werden – oder ist das nur Imponier- und Prestigegehabe?
Für CEOs und erfolgreiche Menschen im Berufsleben ist der Ausdauersport nicht nur eine willkommene Beigabe, sondern auch etwas Notwendiges. Ich muss ja das trainieren, was ich brauche. Wenn ich Durchhaltevermögen brauche, wenn ich Aufmerksamkeit über Stunden brauche, wenn ich körperliche Vitalität und geistige Frische brauche, dann muss ich das trainieren. Dazu eignet sich nichts besser als ein angemessenes Ausdauertraining. Wenn dieser Manager dann beschliesst, einen grossen Marathon zu bestreiten und dabei ohne Rücksicht auf körperliche Verluste eine Schallmauer zu durchbrechen, dann kommen wir in den Bereich des Imponiergehabes und der Steigerung des Selbstwertgefühls. Über diese psychologischen Aspekte kann man lange diskutieren.

Training ist alles, sagt man. So zum Beispiel trainieren 85-Jährige für einen Marathonlauf. Wie gross sind die individuellen Leistungsgrenzen?
Die individuellen Leistungsgrenzen sind nicht quantifizierbar. Wir haben Leistungsfähigkeiten, die sich an das Trainingsverhalten anpassen. Irgendwann kommt der autonom geschützte Bereich, also jener Bereich, der uns davor bewahrt, uns körperlichen Schaden zuzufügen. Diesen Bereich kann ich aber durch eine hohe Motivationslage und durch maximalen Ehrgeiz auch zu einem gewissen Teil ausser Kraft setzen, sodass es manchmal dazu kommt, dass jemand bis zum Umfallen läuft. Die Psychologie spielt eine grosse Rolle.

Wie meinen Sie das?
Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Zwei Läufer laufen Schulter an Schulter auf der Zielgeraden .Es ist nicht klar, wer gewinnt. Am Schluss ist einer einen Zentimeter vor dem anderen im Ziel. Jeder weiss, wie die Geschichte weitergeht. Der Verlierer fällt erschöpft um, der Sieger dreht eine Ehrenrunde. Wir können uns gut vorstellen, dass es auch gerade umgekehrt hätte sein können, wenn der Verlierer als Erster im Ziel gewesen wäre. Das Wahrnehmen einer Situation spielt eine wesentliche Rolle im Erreichen vermeintlicher Leistungsgrenzen.

Sie waren ja nicht nur als Läufer, sondern auch als Arzt (Arzt für Orthopädie und Professor, die Red.) erfolgreich. Zudem haben Sie drei erwachsene Kinder, die Sie als Vater stolz machen dürften. Welche dieser Rollen hat Ihnen am meisten abverlangt, was macht Sie heute glücklich?
Ich mag diese Rollen nicht miteinander vergleichen. Natürlich bin ich immer ein wenig der Sportler geblieben. Viele Menschen kennen mich ja nur als Sportler. Dann gibt es die familiäre Seite. Ich möchte keine Minute missen, die ich mit meinen Kindern verbracht habe. Und dann gibt es noch die berufliche Seite. Ich habe Medizin studiert. Das Studium verlief lange Zeit parallel zum Sport und zur familiären Entwicklung. Es macht mich stolz, dass ich in allen Bereichen eine Situation für mich schaffen konnte, mit der ich zufrieden sein kann.

Sie wurden im Februar 65 Jahre alt. Sie haben für die damalige BRD Leistungssport betrieben, die Wiedervereinigung und die Entwicklungen zur EU erlebt. Wie werten Sie diesen enormen Wandel in Deutschland?
Alles, was sich seit dem Fall der Berliner Mauer ergeben hat, ist für mich eine wunderbare Entwicklung. Ich bin in der Zeit des Kalten Krieges gross geworden. Dass diese Grenzen gefallen sind und man in der EU von Lettland bis nach Portugal reisen kann ohne je den Pass zu zeigen, ist grossartig. Ich fühle mich als Europäer – und nicht als Deutscher. In den anderen Ländern Europas leben viele nette Menschen. Ich möchte mich nicht dadurch von ihnen abgrenzen, indem ich sage: Ich bin aber Deutscher. Ich bin froh, in einem freien Europa leben zu dürfen. Ich liebe Bundeskanzlerin Angela Merkel für ihre Offenheit, für ihre Offenheit Emigranten gegenüber und für ihre ausgleichende Politik.

Die aktuelle Entwicklung in Europa (Brexit, Vormarsch des Nationalismus) und in Deutschland (Alternative für Deutschland) ist bekannt. Im Herbst wählt Deutschland. Sind Sie besorgt oder eher zuversichtlich?
Viele Menschen in Deutschland fühlen sich wohl in der Rolle des Gastgebers. Deutschland war immer ein Einwanderungsland. Wir hatten Einwandererwellen aus Polen zur Zeit der Schwerindustrie, wir hatten Einwandererwellen aus Italien und der Türkei. Nun haben wir Einwandererwellen aus dem Orient. Deutschland hat immer davon gelebt, dass Gruppen von Menschen hindurchgezogen und manchmal geblieben sind. Denken Sie nur an die Hugenotten im 16./17. Jahrhundert, die uns neue Technologien mitgebracht haben. Insofern hoffe und glaube ich, dass die aktuellen Tendenzen mit einem verstärkten Nationalismus nur einige wenige Menschen erreichen und die grosse Mehrheit sich doch den wunderbaren Errungenschaften des gemeinsamen Marktes bewusst ist. Deshalb sehe ich den Wahlen im Herbst mit grosser Zuversicht entgegen.

Was denken Sie über die Entwicklungen in den USA?
Die Entwicklung in den USA ist bedenkenswert. Sie wissen vermutlich, dass in Deutschland sehr viele Menschen von Barack Obama angetan waren. Wir müssen aber auch feststellen, dass es Barack Obama mit seiner Politik nicht geschafft hat, ausreichend viele US-Amerikaner zu erreichen. Sonst wäre dieser Regierungswechsel nicht in dieser Weise erfolgt. Ich hoffe, dass sowohl die Europäer als auch die US-Bürger bald feststellen werden, dass Abgrenzung, Isolationismus und übersteigerter Nationalismus in eine Sackgasse führen. Nur gemeinsam wird es uns gelingen, viel besser, viel glücklicher, viel entspannter und viel erfolgreicher zu leben.

Sie halten sich öfters in der Schweiz auf – auch um Sport zu treiben. Was reizt Sie besonders oder finden Sie nur in der Schweiz? 
Erstens habe ich unglaublich viele nette Menschen in der Schweiz getroffen. Dazu kommt, dass die Schweiz sehr schöne Naturdenkmäler, Dörfer und Städte zu bieten hat. Die Schweiz schafft für die Gäste ein wunderbares Ambiente. Sie ist eines der schönsten Reiseländer der Welt.

Gibt es in der Schweiz auch etwas, das Sie stört oder das sich nachteilig verändert hat?
Ich höre oft, dass die Schweizer dazu neigen, sich abzuriegeln und Ausländern gegenüber skeptisch sind. Das empfinde ich nicht so. Wenn ich in der Schweiz bin, fühle ich mich willkommen. Deshalb reise ich seit mehr als 30 Jahren gerne in die Schweiz und werde dies sicherlich bis zu meinem Lebensende tun.

Was bedeutet Glück für Sie?
Glück heisst für mich: Zufriedenheit und Erfüllung in verschiedenen Bereichen. In erster Linie denke ich da an die Partnerbeziehung. Hinzu kommt die Fähigkeit, mich bewegen zu können – zum Beispiel in einer wunderbaren Schweizer Umgebung wie zum Beispiel im Engadin, im Zürcher Oberland oder am Walensee. Als Leistungssportler und Arzt möchte ich nicht verhehlen, dass mir Dinge, die mit Erfolg verbunden sind, sehr viel bedeuten. Daran gewöhnt man sich. Das heisst aber nun nicht, dass es extreme Dinge sein müssen. Wenn ich es schaffe, einen Berg hinaufzulaufen, ohne dabei marschieren zu müssen, bin ich ebenso zufrieden wie wenn ich mit einem zufriedenen Patienten spreche, der mir sagt, dass ihm diese Behandlung sehr gut getan habe.

Sind Sie in diesem Moment ein glücklicher Mensch?
Ich fasse meine Definition von Glück gerne zusammen: Eine gute Partnerbeziehung, körperliche Unversehrtheit und ein positives Feedback im beruflichen Bereich. All diese Punkte passen perfekt zu meiner Lebenssituation. Ich bin also ein glücklicher Mensch.

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Seinen grössten Erfolg als Sportler feierte Thomas Wessinghage 1982 in Athen – er wurde Europameister über 5000 Meter. An den Olympischen Sommerspielen 1980 in Moskau und vier Jahre später in Los Angeles gehörte der heute 65 Jahre alte Deutsche zu den Medaillenkandidaten. Wegen des Olympia-Boykotts der Bundesrepublik beziehungsweise wegen eines Knochenbruchs musste Wessinghage allerdings auf beide Teilnahmen verzichten. Der 22-malige Landesmeister bestritt auch 45 Marathons. Seine Bestzeit liegt bei 2:24:26 Stunden, gelaufen in Berlin 1990, drei Jahre nach Beendigung seiner Karriere als Bahnläufer. Seit 2008 ist der Facharzt für Orthopädie sowie Physikalische und Rehabilitative Medizin ärztlicher Direktor und Geschäftsführer des Medical Parks in Bad Wiessee am Tegernsee. Professor Wessinghage ist zudem Prorektor der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement in Saarbrücken.

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