Wenn es nur wenige Frauen in politischen Ämtern gibt und der Anteil von Frauen in der Wirtschaft tief liegt, dann kommen meist auch Frauenanliegen in der Politik eines Landes zu kurz. (Foto: Shutterstock)

Werden die Anliegen von Frauen und Männern in der öffentlichen Politik ungleich vertreten? Diese einfache, aber grundlegende Frage ist bisher weitgehend unerforscht geblieben. Eine neue Studie von drei Politologen aus Schweden und den Niederlanden will hier Abhilfe schaffen.

Eine der ältesten und tiefsten Bruchlinien in unserer Gesellschaft bleibt diejenige zwischen Männern und Frauen, wie die drei Politologen Mikael Persson, Anders Sundell (beide Universität Göteborg) und Wouter Schakel (Universität Amsterdam) in ihrer neuen Studie schreiben. Trotz Unterschieden zwischen den Ländern, Veränderungen über die Zeit und Fortschritten in bestimmten Bereichen seien Frauen im wirtschaftlichen, politischen und sozialen Leben weiterhin strukturell benachteiligt. Die vielen miteinander verwobenen Ungleichheiten werfen laut den Forschern die Frage auf, ob sie sich auch auf den politischen Prozess erstrecken und dort möglicherweise ihre Wurzeln haben.

Rückgang der Frauenvertretung nicht nur in der Schweiz
Gemäss amtlichem Wahlergebnis vom 22. Oktober 2023 sind gemäss Bundesamt für Statistik BFS 38,5 Prozent der in den Nationalrat gewählten Personen Frauen. Im Vergleich zum Resultat der Wahlen von 2019 (42 Prozent) ergibt das einen Rückgang des Frauenanteils von 3,5 Prozentpunkten. In den Nachbarländern der Schweiz zeigt sich laut BFS bei den letzten Parlamentswahlen eine ähnliche Entwicklung: Der Anteil gewählter Frauen ist gesunken und beträgt in Italien 32,3 Prozent und in Frankreich 37,8 Prozent. In Österreich, Deutschland und Liechtenstein ist er hingegen mit den letzten Wahlen gestiegen und liegt bei 40,4, 35,1 und 28 Prozent.

Frauenanliegen bleiben auf der Strecke
Die drei Forscher haben geschlechtsspezifische Verzerrungen in der politischen Repräsentation anhand eines Originaldatensatzes analysiert. Dieser kombiniert die vorhandenen Umfragedaten zu Präferenzen für politische Veränderungen mit Informationen über die Umsetzung derselben Veränderungen nach fünf Jahren. Die Daten umfassen insgesamt 43 Länder und einen Zeitraum von vier Jahrzehnten (1978 bis 2017). Es wurden die Präferenzen von fast zwei Millionen Befragten mit Daten zur Umsetzung von 4758 politischen Vorschlägen verknüpft. Durch diese Kombination konnten die Forscher den ersten wissenschaftlichen Ansatz mit dem Forschungsdesign des zweiten Ansatzes verbinden und somit die potenzielle Ungleichheit zwischen den Geschlechtern in der politischen Vertretung untersuchen.

Die Analyse zeigt eindeutige und solide Belege dafür, dass die politischen Anliegen von Frauen im Vergleich zu denjenigen von Männern in den meisten Fällen unterrepräsentiert bleiben. Frauenanliegen werden vor allem dann durchgesetzt, wenn sie auch denjenigen der Männer entsprechen. Bei Differenzen zwischen Männern und Frauen ist es wahrscheinlicher, dass sich die Politik an den Männeranliegen ausrichtet. Im Vergleich zu Männern scheinen Frauen somit nur sehr wenig Einfluss auf die Politik zu haben, da der positive Zusammenhang zwischen der Politik und den Präferenzen von Frauen verschwindet, wenn man die Präferenzen von Männern kontrolliert. Dies bedeutet, dass ein Grossteil der Vertretung von Frauen ein «zufälliges» Nebenprodukt ihrer Angleichung an Männer zu sein scheint.

Im zweiten Teil der Analyse betrachteten die Forscher die kontextuellen Unterschiede in der ungleichen Vertretung genauer. In explorativen Analysen untersuchten sie, ob sich diese Unterschiede durch die Repräsentation von Frauen, den sozioökonomischen Status, die politische Beteiligung und allgemeine kulturelle Konventionen erklären lassen. Sie fanden Belege dafür, dass die ersten beiden Faktoren geschlechtsspezifische Ungleichheiten abmildern. Die inhaltliche Unterrepräsentation von Frauenanliegen wird meist nur dann gemildert, wenn die weibliche Vertretung in der Politik und die Arbeitsmarktbeteiligung verhältnismässig hoch sind.

Eine Verbesserung der Situation bleibt möglich
Insgesamt zeigt die Studie, dass sich die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern auf den wichtigen Bereich der politischen Vertretung erstreckt. Aus normativer Sicht ist dies sicherlich ein beunruhigendes Ergebnis, so die Forscher, wenn man davon ausgeht, dass Regierungen sowohl Frauen als auch Männern unvoreingenommenen Einfluss auf die Politik geben sollten. Die Tatsache, dass diese Ungleichheit je nach Ausgangslage in den verschiedenen Ländern variiert, scheint aus dieser Perspektive jedoch eine gute Nachricht zu sein. Immerhin kann sie – wenn auch nur vorläufig – darauf hindeuten, dass einige Wege beschritten werden können, um eine gleichmässigere Vertretung zu erreichen. Insofern ist der höhere Frauenanteil im Schweizer Ständerat vor diesem Hintergrund eine gute Nachricht.

«Putin will die Einheit der EU aufbrechen»

Weltraumforscherin Salome Gruchola erklärt, wie sie ein Instrument baut, um Leben im All nachzuweisen.

Prophet im eigenen Land

Christoph Blocher machte die SVP von Zürich aus zur grössten Partei des Landes. Als Disruptor überraschte er alle mit dem Gegenteil des Erwartbaren.

Kann AI das «Fake News»-Problem lösen?

Forscher der Universität Zürich versuchen Verzerrungen in der Nachrichtenberichterstattung zu identifizieren.

«Ich will die Komfortzone verlassen»

Aufbruch zu einer abenteuerlichen Reise als erster Mensch mit einem E-Bike von Zürich nach Peking.

«Polizei und Behörden müssen wissen, wer da ist»

Florian Düblin, Generalsekretär der Justiz- und Polizeidirektorenkonferenz, erklärt, wie die Ukraine-Krise die Sicherheitsbehörden in den Kantonen fordert – und warum ein Nein zu Frontex katastrophal wäre.

Bund will Sicherheit von Medienleuten verbessern

Selbst im Demokratie-Vorzeigeland Schweiz können Medien nicht uneingeschränkt arbeiten.

Umstrittener Wettstreit der Städte um Amazon in den USA

Die Schweiz will keine Ansiedlung von Unternehmen «um jeden Preis».

Von Babys, Gesellschaft und Wirtschaft

Wie der unterschiedliche Rückgang Geburtenrate die Weltwirtschaft prägt