«Wir haben ein Verteilungsproblem»

Ringier-Chefin Ladina Heimgartner sagt, was private Medien von der SRG unterscheidet – und warum es auch im KI-Zeitalter Journalistinnen braucht.

Ladina Heimgartner (46) wuchs im Unterengadin auf und schloss ihr Studium in Germanistik und Romanistik an der Universität Freiburg mit dem Lizenziat ab. Ab 2001 arbeitete sie für die «Freiburger Nachrichten» und das «Bündner Tagblatt». 2007 wechselte sie zu RTR, dessen Direktorin sie 2014 wurde.  2020 wechselte sie zu Ringier, wo sie zunächst das Corporate Center und später die Blick-Gruppe leitete. Seit 2023 ist sie CEO von Ringier Medien Schweiz und Head Media der Ringier-Gruppe. Sie lebt mit ihrer Partnerin in Stäfa.

Bei der SRG jagt ein Sparprogramm das nächste, aktuell verschwinden über 200 Stellen. Bei Ringier sind es hingegen «nur» ein gutes Dutzend in der Westschweiz. Sind Sie froh, in ein privates Medienhaus gewechselt zu haben?

Ladina Heimgartner: Was den Stellenabbau betrifft, ist es bei uns nicht viel bequemer als bei der SRG, auch wenn es zuletzt «nur» 14 Leute getroffen hat. Da geht es allen gleich. Und solange sich die Rahmenbedingungen nicht grundlegend verbessern, wird das auch so bleiben. Nach den vielen Jahren bei der SRG hatte ich Lust auf etwas Neues. Und es ist schon ein anderes Leben, wenn man jeden Franken selbst verdienen muss. Das ist eine gute Schule, die einen auch ein bisschen demütig macht. Ich bin froh, den Schritt gewagt zu haben.

Was schätzen Sie an der Privatwirtschaft besonders, was Sie bei der SRG vermisst haben?

Heimgartner: Was Ringier unterscheidet, ist die Geschwindigkeit, mit der Entscheide gefällt und umgesetzt werden. Die Anforderungen ändern sich rasch – und es läuft viel parallel. Bei der SRG ist alles berechenbarer, planbarer, dafür ist der Abstimmungsbedarf mit den vielen Gremien grösser. Es braucht viel mehr Zeit, wenn es aber einmal gemacht ist, ist es dann auch solide. Beides macht Spass und belastet manchmal.

Die Medien stehen generell enorm unter Druck. Wo spürt man das am stärksten?

Heimgartner: Was massiv leidet, ist die Vielfalt der schweizerischen Medienlandschaft. Die grösseren Verlage sind besser aufgestellt, die verfügen noch über Mittel. Bei den Kleineren wird’s schneller eng.

Leidet auch die Qualität?

Heimgartner: Weniger Personal bedeutet nicht zwingend weniger Qualität – sofern man auch das Angebot reduziert. Die Frage ist allerdings, ob die Leute für eine Zeitung oder ein Online-Angebot mit weniger Inhalt noch gleich viel bezahlen wollen.

Wie könnten die Rahmenbedingungen verbessert werden?

Heimgartner: Eigentlich ist es ganz banal: Wenn die Menschen für Abos zahlen und die Firmen mehr Werbung in der Schweiz schalten würden, hätten wir die nötige Stabilität.

So läuft es aber nicht.

Heimgartner: Nach dem Stellenabbau bei Tamedia las ich in den sozialen Netzwerken Reaktionen wie: «Jetzt kündige ich das Abo!» Das ist der falsche Reflex. Der richtige wäre, ein zweites Abo zu kaufen. Am liebsten hätte ich zurückgeschrieben: «Ja, genau, so retten wir Stellen…!»

Wenn Appelle nichts fruchten: Wie können sich die klassischen Medienhäuser gegen Social-Media-Plattformen behaupten?

Heimgartner: Die Medienhäuser selbst pflegen eine ambivalente Beziehung zu den Plattformen. Natürlich müssen auch die Medienhäuser die Plattformen als Distributionswege nutzen. Das Machtgefüge ist aber komplett disproportional. Drei politische Projekte sind elementar wichtig.

Welche?

Heimgartner: FDP-Ständerätin Petra Gössi verlangt einen besseren Schutz journalistischer Inhalte gegenüber KI-Anbietern. Daraus müssen praktikable Lizenzmodelle entstehen: Wer unsere Arbeit kommerziell nutzt, soll dafür angemessen bezahlen. Mit der Plattformregulierung will der Bundesrat grosse Tech-Plattformen stärker in die Verantwortung nehmen. GLP-Nationalrätin Barbara Schaffner will die Medienförderung für unterschiedliche Verbreitungskanäle und Geschäftsmodelle öffnen. Diese Chance sollten wir für zeitgemässe indirekte Massnahmen nutzen. Denkbar wären für mich etwa steuerliche Anreize für Werbung in Schweizer Medien oder ein finanzierter Zugang zu Journalismus für Jugendliche. Entscheidend ist die indirekte Förderweise.

Seit Jahren wird der Werbekuchen sowohl für private als auch für öffentlich-rechtliche Medienhäuser immer kleiner. Hat es noch Platz für beide?

Heimgartner: Natürlich hat es Platz für beide. Das Problem sind die Plattformen. Wir haben schätzungsweise zweieinhalb Milliarden Franken digitale Werbeerlöse in der Schweiz, davon gehen achtzig Prozent an Plattformen. Für den Journalismus, der hier recherchiert und Verantwortung übernimmt, bleibt zu wenig übrig. Kämen nur schon zehn Prozent mehr zu uns, das wären zweihundertfünfzig Millionen Franken, dann wäre der Medienplatz ein anderer. Wir haben kein Geldproblem in der Schweiz. Wir haben ein Verteilungsproblem.

Wie könnte eine gesunde Kohabitation von SRG und Privaten aussehen?

Heimgartner: Ich bin nicht im Lager derjenigen, welche die SRG überall einschränken möchten. Ich gehöre zu denjenigen, die sagen, dass die Privaten viel mehr von dem profitieren sollten, was die SRG macht. Sie sollten beispielsweise unkompliziert Zugriff zur audiovisuellen Produktion bekommen und das auch verwerten, also monetarisieren können. Das ist auch eine Art von Service public.

Auch die künstliche Intelligenz setzt den Medien zu. Wie verdient man mit Journalismus im KI-Zeitalter Geld – ist das überhaupt möglich?

Heimgartner: Ich glaube schon. Vorerst wird es einen Parallelbetrieb geben: Die Menschen werden sich zunehmend über KI informieren, aber weiterhin klassische Medien nutzen. Denn wenn ich ChatGPT oder Claude nutze, habe ich meistens eine konkrete Frage. Wenn ich dagegen auf die Seite des «Blick» gehe, will ich einfach schauen, was passiert ist. Dieses Durchscrollen und Entdecken bedient ein anderes Bedürfnis.

Natürlich werden wir Nutzerinnen und Nutzer verlieren. Die Zahlen sprechen eigentlich alle gegen uns. Trotzdem bin ich davon überzeugt, dass Journalismus eine Zukunft hat. Wenn Menschen für Menschen arbeiten, hat das eine besondere Qualität. Dafür wird es auch ein Geschäftsmodell geben.

Was schwebt Ihnen vor?

Heimgartner: Wenn sich Bots oder KI-Agenten an Medieninhalten bedienen, müsste eine Rechnung mitgehen. Dafür braucht es aber Regulierung.

KI-Systeme übernehmen immer mehr journalistische Aufgaben. Wird der Mensch irgendwann nur noch die Schlusskontrolle machen?

Heimgartner: Ich sage intern ganz offen: Reine Fleissaufgaben soll die Maschine übernehmen. Einen Teil der Leute wird es also nicht mehr brauchen. Aber es gibt noch einen anderen Teil.

Welchen?

Heimgartner: Nehmen wir die Homestories der «Schweizer Illustrierten». Oder die Berichterstattung über Blatten. Da braucht es Fingerspitzengefühl, tiefe Recherche, Menschen, die vor Ort sind, die Stimmung aufsaugen und wiedergeben. Das sind sensorische, beseelte Dinge, die eine Maschine nicht ersetzen kann. Oder nehmen wir Kommentare. Mich interessiert doch nicht, was mein KI-Bot zur Bundesratswahl sagt! Ich möchte wissen, was ein Rolf Cavalli oder ein Eric Gujer meint. Daran möchte ich mich reiben, mich aufregen und sagen: «Hey nein, das kann doch nicht wahr sein!»

Sie erwarten, dass das Persönliche an Bedeutung gewinnen wird?

Heimgartner: Ja. Diese emotionalen Reibungsflächen werden immer seltener und dadurch wertvoller. Wo Menschen sich zeigen, sich exponieren, für etwas stehen, entsteht Vertrauen, entsteht Beziehung. Deshalb sollten sich alle überlegen, wie sie ihre Arbeit so aufwerten können, dass sie nicht eins zu eins ersetzbar sind. In gewissen Fällen geht das, in anderen nicht. Da würde ich lügen, wenn ich etwas anderes erzählen würde.

Wie viele Medienhäuser wird es Ihrer Meinung nach 2040 in der Schweiz noch geben?

Heimgartner: Vielleicht noch die Hälfte. Gleichzeitig werden neue Formen entstehen, wie wir sie heute schon von den Content Creators kennen. Auch der Begriff «Medienhaus» wird sich verändern.

Sie haben kürzlich eine Lanze für Geisteswissenschaften gebrochen. Warum?

Heimgartner: Ich habe germanistische Mediävistik studiert, also mittelalterliche Literatur. Artus-Romane, Walther von der Vogelweide und solche Sachen. Da ist die Karriere nicht gerade vorprogrammiert. Man fragt sich schon manchmal: Himmel, was lerne ich da eigentlich? Und was bringt mir das? Aber man lernt, Zusammenhänge zu erkennen, die nicht offensichtlich sind. Ich bin damals von Burg zu Burg gezogen, habe mir mittelalterliche Wandmalereien angeschaut und untersucht, wie sie mit literarischen Texten zusammenhängen. Und man lernt, Autoritäten zu hinterfragen, sich eine eigene Meinung zu bilden. Diese Fähigkeiten eignet man sich an, ohne es richtig zu merken. Und heute, im Umgang mit KI, merke ich, dass mir das zugutekommt.

Von KI wussten Sie damals noch nichts. War Ihre Studienwahl rückblickend ein Glücksfall?

Heimgartner: Ja. Es gab schon Zeiten, in denen ich dachte: Ach, hätte ich doch Betriebswirtschaft studiert! Heute merke ich, dass ich etwas gelernt habe, von dem ich nie gedacht hätte, dass es mir einmal derart helfen würde.

Was war damals Ihr Berufswunsch?

Heimgartner: Ich hatte keinen. Ich habe ganz naiv angefangen zu studieren, was mir gerade in den Sinn kam. Meine Eltern haben mich dann nett aufgefordert, mein Geld selbst zu verdienen. So begann ich für Zeitungen zu schreiben.

Was empfehlen Sie Jugendlichen, die nicht wissen, welchen Beruf sie ergreifen sollen?

Heimgartner: Werdet Schreiner oder Gärtner!

Sie haben sich ein KI-Büro eingerichtet. Wie funktioniert das im Arbeitsalltag?

Heimgartner: Ich habe meine Mails, den Kalender und die Dokumentenablage mit ChatGPT und Google Gemini verbunden. Dazu kommt eine Pendenzenliste, die mein KI-Sekretariat anhand der Mails laufend aktualisiert. Jeden Morgen um sieben bekomme ich meine Prioritäten für den Tag. Etwa: «Das musst du heute abschliessen, es ist überfällig.» Oder: «Da wartest du noch auf eine Antwort, frag doch mal nach.» Und jeden Freitag bekomme ich ein Feedback zu meiner Führungsqualität.

Was meint Ihr KI-Sekretariat dazu?

Heimgartner: Etwa: «Diese Woche hast du eine ganz kurze Zündschnur gehabt. Pass auf, wenn du so scharf antwortest.» Oder: «Jetzt hast du mehr Zeit und reisst mehr an. Aber die Organisation muss das auch absorbieren können.» Die KI macht mich schneller, entlastet mich enorm und spart mir viel Vorbereitungszeit. Gleichzeitig zwingt sie mich, meinen Umgang mit der Führungsaufgabe stärker zu reflektieren.

Ihr Arbeitsalltag hat sich also spürbar verbessert?

Heimgartner: Ja, vor allem ist er strukturierter geworden. Ich vergesse praktisch nichts mehr, weil die KI mitdenkt. Ich werde daran erinnert und kann dranbleiben. Die Leute wissen das inzwischen auch. Sie machen schon Sprüche wie: «Ich muss jetzt liefern, sonst sagt der Assistent Ladina heute, dass es fällig ist.» Das bringt eine zusätzliche augenzwinkernde Disziplin in die Organisation – und das ist meistens gut.

Sie sind die erste Rätoromanin in einer zentralen Deutschschweizer Medienposition. Was gibt Ihnen die rätoromanische Kultur mit, das hilft, sich in der Deutschschweiz zu behaupten?

Heimgartner: Ich bin in einer wirklichen Mini-Minderheit aufgewachsen. Deshalb kann ich mich gut in andere Minderheiten hineinversetzen. Das gibt eine gewisse Grundempathie. Ich bin besonders sensibilisiert dafür, was es heisst, auf der schwächeren Seite zu stehen. Bei Ringier haben wir ja auch die Westschweiz. Manchmal gerät sie ein bisschen in Vergessenheit. Die Deutschschweizer Vorherrschaft ist aufgrund der schieren Grösse schwierig zu vermeiden.

Konsumieren Sie privat überhaupt noch Medien – und wenn ja, welche?

Heimgartner: Ich bin quasi dauernd im Medienbereich. Bei uns läuft fast immer der Fernseher. Wenn ich in ein Hotel komme, ist es eines der ersten Dinge, die ich tue: den Fernseher einschalten. Morgens höre ich meist Radio Energy oder SRF 3. Sonntagmorgen ist mein Zeitungslesetag. Da lese ich die drei Sonntagszeitungen als E-Paper, zuerst den «SonntagsBlick».

Ab kommendem Jahr wird es am Sonntag keinen «SonntagsBlick» mehr geben, dafür am Samstag mehr davon.

Heimgartner: Genau, dann verteilt sich das etwas. Dazu konsumiere ich viel Social Media: Instagram und TikTok, um meine Neugier zu stillen, LinkedIn aus beruflichen Gründen. Und ich schaue viele Serien. Wir haben so ziemlich alle Streamingdienste abonniert, die man haben kann.

Bleibt da noch Zeit für andere Freizeitaktivitäten?

Heimgartner: Ich spiele Golf mit meinen Eltern im Engadin. Sie haben erst mit über 70 damit angefangen, jetzt haben wir ein gemeinsames Hobby. Das ist schön. Ausserdem fahre ich Motorboot und bin gerne in unserem Haus im Engadin.

Infobox

Ladina Heimgartner (46) wuchs im Unterengadin auf und schloss ihr Studium in Germanistik und Romanistik an der Universität Freiburg mit dem Lizenziat ab. Ab 2001 arbeitete sie für die «Freiburger Nachrichten» und das «Bündner Tagblatt». 2007 wechselte sie zu RTR, dessen Direktorin sie 2014 wurde. 2017 wurde sie zusätzlich stellvertretende Generaldirektorin der SRG. 2020 wechselte sie zu Ringier, wo sie zunächst das Corporate Center und später die Blick-Gruppe leitete. Seit 2023 ist sie CEO von Ringier Medien Schweiz und Head Media der Ringier-Gruppe. Sie verfügt über einen EMBA in Management und Leadership und präsidiert den Weltverlegerverband WAN-IFRA. Sie lebt mit ihrer Partnerin in Stäfa.

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