«Der Frauenstreik schöpfte ein grosses Mobilisierungspotenzial aus und lag vom Timing her günstig»

Politologin Sarah Bütikofer forscht zu Frauen im politischen Prozess. Nach der Frauenwahl vom 20. Oktober 2019 erklärt sie, warum es zu diesen historischen Umwälzungen kam, wie der hohe Frauenanteil international einzuordnen ist und wo die Schweiz noch immer viel Nachholbedarf hat, wenn es um die ausgeglichene Vertretung von Frauen und Männern in der Politik geht.

Sarah Bütikofer, Politologin an der Universität Zürich, über die Schweizer Frauenwahl von 2019. (Bild: ZVG)

Matthias Halbeis: Frau Bütikofer, am Tag nach den Eidgenössischen Wahlen titelte selbst die sonst unaufgeregte NZZ: «Politische Sensation: Der Frauenanteil im Nationalrat steigt auf über 40 Prozent.» Würden Sie dieser Einordnung als Expertin für Frauen in der Politik zustimmen?
Sarah Bütikofer: Die Fakten sprechen für sich: Der Frauenanteil im Nationalrat stieg bei diesen Wahlen gegenüber 32 Prozent im Jahr 2015 auf heute 42 Prozent. Das ist ein sehr starker und noch nie dagewesener Anstieg zwischen zwei Wahlgängen. Im Ständerat hat sich der Frauenanteil im Vergleich zur letzten Legislatur sogar verdoppelt. Zudem wurden auch in mehreren Kantonen erstmals Frauen überhaupt in die entsprechenden Ämter auf nationaler Ebene gewählt.

Dann kann man tatsächlich von einer «Frauenwahl» sprechen?
Was wir festhalten können: Der Frauenanteil stieg im Nationalrat– mit Ausnahme der CVP— in allen Parteien an. Viele Frauen starteten von guten Listenplätzen aus. In vielen Kantonen waren auch chancenreiche Kandidatinnen für den Ständerat nominiert. Die Frauen halten in der kleinen Kammer nun 12 Sitze, so viele wie noch nie. Der Frauenanteil stieg vor allem auch ohne Vorhandensein von Geschlechter- oder Zielquoten deutlich an. In der Schweiz sind Geschlechterquoten ja nicht so beliebt, im Gegensatz zu Regionalquoten. Ob man dies aber explizit als «Frauenwahl» betrachten soll? Vielleicht haben wir auch einfach einen Schritt in Richtung neuer Normalität getan.

Was sind die Gründe, dass diesmal so viele Frauen in die beiden Parlamente gewählt wurden?
Der Frauenanteil stieg vorerst vor allem auf den Wahllisten an. Waren 2015 35 Prozent der Kandidierenden Frauen, waren es 2019 schon 40 Prozent. Die Kampagne «Helvetia ruft!» von alliance F und operation libero hatte bereits ein Jahr vor den Wahlen Frauen zur Kandidatur ermutigt und alle Parteien aufgefordert, der Vertretung der Frauen auf den Listen Beachtung zu schenken. Der Frauenstreik im Juni 2019 schöpfte ein grosses Mobilisierungspotenzial aus und lag vom Timing her günstig. Die Parteien haben ihre Wahlvorschläge auf den Sommer hin ausgearbeitet, also genau in der Zeit, als auch in den Medien viel über das Thema der Geschlechterrepräsentation berichtet wurde. Alle diese Faktoren haben dazu geführt, dass am Ende viele Kandidatinnen auf guten Listenplätzen lagen oder für den Ständeratswahlkampf nominiert wurden. Und dann trugen auch die Wählenden das Ihrige dazu bei: Zum einen gibt es keine systematische Diskriminierung von weiblichen Kandidaturen mehr, zum andern haben die Wählerschaften gewisser Parteien bei diesen Wahlen ganz bewusst Frauen gewählt und so für deren Erfolg gesorgt. Das können wir aber aufgrund der zum jetzigen Zeitpunkt vorliegenden Daten noch nicht im Detail abschliessend erklären.

Das Frauenstimmrecht wurde in der Schweiz erst 1971 eingeführt, im weltweiten Vergleich sehr spät. Lange musste dieser Umstand als Erklärung für den tiefen Anteil von Frauen in den Parlamenten herhalten. Haben wir mit dieser Wahl diesen Rückstand endlich überwunden?
In den letzten fast fünfzig Jahren ist ja doch einiges passiert, aber wir haben nach wie vor keine paritätische Frauenvertretung in allen Gremien. Wobei dies in Ländern, die das Frauenstimmrecht wesentlich früher als die Schweiz eingeführt haben, auch nicht der Fall ist. Der eher tiefe Frauenanteil an der Spitze – in der Politik genauso wie in der Wirtschaft und anderen exponierten Bereichen – muss darum auf diverse strukturelle wie auch individuelle Faktoren zurückgeführt werden.

Dann können wir noch nicht statuieren, dass die politische Emanzipation in der Schweiz erreicht ist?
Was meinen Sie mit «politischer Emanzipation» genau? Ich denke, wir sind auf dem Weg der politischen Gleichstellung einen Schritt weitergekommen. Aber ganz am Ziel sind wir wohl erst, wenn eine «Frauenwahl» keine «Sensation» mehr darstellt. Es wurden in allen Landesteilen, in allen Kantonen und Parteien Frauen gewählt, die nun zusammen ein vielfältiges Bild dessen abgeben, wofür sie einstehen und wie eine Politikerin ist. Dies ist meiner Meinung nach äusserst positiv zu werten. Sicherlich kommt den gewählten Frauen nach wie vor eine gewisse Vorbildfunktion zu und sie tragen dazu bei, dass wir Frauen in Machtpositionen als selbstverständlich betrachten.

Wo sehen Sie noch Nachholbedarf?
Damit das Verhältnis der Geschlechter in allen Parteien relativ ausgeglichen ist, müssen auch alle Parteien dem Thema konstant Aufmerksamkeit widmen. Jede Partei muss sich um Nachwuchs bemühen, idealerweise werden von Anfang an möglichst gleich viele Frauen und Männer gefördert und motiviert, in der Politik zu bleiben. Denn jede politische Karriere – von einer Frau oder einem Mann – wird über einen langen Zeitraum aufgebaut.

Wo steht die Schweiz heute im internationalen Vergleich in der politischen Partizipation der Frauen?
Wenn man die diesbezüglichen Ranglisten anschaut, dann hat die Schweiz nun einen ziemlichen Sprung nach vorne gemacht. Viele Staaten, die eine hohe Frauenrepräsentation haben, haben diese zudem durch Förderinstrumente oder Zielquoten erreicht. Viele empirische Untersuchungen aus anderen Ländern zeigen, dass es durchaus einen Unterschied macht, wenn viele Frauen in der Politik mitreden, vor allem in Bezug auf die Themensetzungen. Wie sich der hohe Frauenanteil in der Schweiz auf die konkrete Politik auswirken wird, können wir aber erst nach Ablauf der Legislatur untersuchen.

Droht nun gar der Trend in die andere Richtung? Abgewählte Männer – etwa SP-Nationalrat und Gewerkschafter Corrado Pardini – klagten, im Frauenstreik-Jahr sei es unmöglich gewesen, eine linke Männerliste zu bewerben. Ist es tatsächlich so, dass Männer wegen des Frauenstreiks nun schlechtere Chancen hatten?
Naja, die Männer machen nach wie vor die Mehrheit in Parlament und Regierung aus, auch in fast allen anderen politischen Gremien im Land – wie schon seit Generationen. Mehrere kantonale Regierungen und zahlreiche Gemeindeexekutiven kommen ganz ohne Frauenbeteiligung aus, was kein mediales Dauerthema ist. Umgekehrt wäre es wohl schon eins. An dieser Stelle muss aber gesagt werden, dass der Frauenanteil vor allem in linken Parteien hoch und nun auf nationaler Ebene noch einmal deutlich gestiegen ist. Sowohl bei den Grünen wie in der SP-Bundeshausfraktion sind die Frauen in der Mehrheit. Diese Parteien haben allerdings auch eine entsprechende Wählerschaft, die dies stark unterstützt. Dennoch sollte ein paritätisches Geschlechterverhältnis meiner Meinung nach kein «linkes» Anliegen sein, sondern ein gesamtgesellschaftliches.

Neben den Frauen waren auch die Jungen die grossen Gewinner. Müssen jetzt alle Alten um ihre Wahlchancen bangen? Wenn es um die Nachfolge von SP-Präsident Christian Levrat geht, so gelten Frau über 50 schon als zu alt und können den Generationenwechsel nicht mehr glaubwürdig vertreten, wie es selbst in der SP heisst.
Ganz grundsätzlich sind weder Geschlecht noch Alter eine politische Haltung. Zudem ändert sich ja das Alter relativ schnell im Verlauf des Lebens einer Politikerin oder eines Politikers. Sicherlich wurden jetzt bemerkenswert viele junge Personen in ein Amt auf nationaler Ebene gewählt, doch deren Erfolg kann kaum auf ihr biologisches Alter zurückgeführt werden. Praktisch alle dieser Gewählten haben einen sehr engagierten Wahlkampf hinter sich und bringen mindestens zehn Jahre an politischer Erfahrung aus Gemeinde, Kanton oder Partei mit, viele von ihnen auch deutlich mehr. Ein früher Einstieg in die Politik verhilft zu den nötigen Skills und fördert den Bekanntheitsgrad im Kanton – beides Grundvoraussetzungen, um nationale Wahlen zu gewinnen. Darum werden wohl weder ausschliesslich das Alter noch das Geschlecht einer Person das Hauptkriterium sein bei der Frage, ob sich jemand als Parteipräsidentin bzw. -präsident eigne. Denn parteiintern, wo in der Regel bestimmt wird, wer dieses Amt übernimmt, spielen ganz andere Kriterien eine entscheidendere Rolle.

Sarah Bütikofer ist Politologin an der Universität Zürich und Mitbegründerin der Website www.defacto.epxpert, die Resultate der universitären Forschung sowie Expertenwissen aus der Politik- und verwandten Sozialwissenschaften einem interessierten Publikum näherbringen will.

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