Nuremberg (Nürnberg)
USA 2025, von James Vanderbilt, mit Russell Crowe, Rami Malek, Leo Woodall, John Slattery und Michael Shannon

Spoiler-Alert 

Im Jahr 1945 befinden sich 22 Überlebende der obersten Nazi-Führungsriege in alliierter Gefangenschaft, zuerst in einem geheimen Militärgefängnis in Luxemburg, später in Nürnberg, wo ihnen der Prozess gemacht wird. Der Film konzentriert sich auf den prominentesten inhaftierten Nationalsozialisten, Reichsmarschall Hermann Göring, und auf amerikanischer Seite auf den Gefängnispsychiater Douglas Kelley und den Richter Robert Jackson.

Der Psychiater Kelley wurde nach Europa beordert, um die mentale Gesundheit der Inhaftierten zu untersuchen, insbesondere vor dem Hintergrund zahlreicher Suizide, u. a. von Hitler, Göbbels und Himmler. Er gewinnt Görings Vertrauen und hilft ihm, mit seiner Familie zu korrespondieren. Richter Jackson ist massgeblich dafür verantwortlich, dass es überhaupt zu einem Prozess kommt, und amtiert darin als einer der Ankläger.

Göring möchte den Prozess nutzen, um sich von der Verantwortung für den Holocaust reinzuwaschen und sich als ehrbarer Staatsmann zu inszenieren. Kelleys Notizen, die dieser der Anklage nach seiner Entlassung aufgrund einer verunglückten Interaktion mit einer Journalistin übergeben hat, leisten einen zentralen Beitrag, Görings Narzissmus gegen ihn zu verwenden und ihn seine anhaltende Loyalität gegenüber Hitler gestehen zu lassen.

Dem vom Gericht gefällten Todesurteil entzieht sich Göring durch Suizid. Jackson kehrt an den U.S. Supreme Court zurück. Kelley schreibt ein Buch über seine Erfahrungen, stösst mit seiner Einschätzung, dass es in jedem Land der Welt Leute wie die Nazis gebe und dass solche Grausamkeiten sich wiederholen werden, in den USA auf wenig Verständnis. Zehn Jahre später nimmt er sich ebenfalls das Leben.

Sehenswert für 
Ein packendes Gerichtsdrama mit einem faszinierenden Russell Crowe in der Rolle Hermann Görings, und eine anschauliche Auseinandersetzung mit den Fragen, wie ein wissenschaftlich führendes Land mit einer hochentwickelten Kultur der Barbarei anheimfallen konnte und wie die dafür verantwortlichen Personen glaubwürdig zur Rechenschaft gezogen werden können.

Siegreiche Strategie 
Richter Jackson will die Wiederholung von Verbrechen, wie sie die Nazis begangen haben, verhindern. Über die üblichen juristischen Ziele, ein gerechtes Urteil und die Abschreckung möglicher Täter hinaus dient der Prozess einem politischen Zweck.

Die Demütigung Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg und die Pflicht zu unfinanzierbaren Reparationszahlungen habe die siegreichen Alliierten so verhasst gemacht, dass Deutschland zwei Jahrzehnte danach wieder erstarkt sei und den nächsten Krieg angezettelt habe. Nun dürfe man keine Märtyrer produzieren, indem man die Nazi-Führung einfach erschiesse, sondern müsse sie zwingen, vor Gericht zuzugeben, was sie getan habe, so dass so etwas nie mehr passieren könne. Diese Begründung gibt Richter Jackson nicht im Plädoyer, sondern gegenüber dem Psychologen Kelley bei einem nächtlichen Treffen im nie vollendeten Stadion auf dem Reichsparteitagsgelände. Dort hatte Hitler 1935 die Rassengesetze verkündet. «Before the bullets were fired, before tens of millions of men died, all of this started with laws. This war ends in a courtroom», schildert Jackson Kelley seinen Ansatz.

Erfolglose Strategie 
Göring möchte vor Gericht das Dritte Reich vor den Augen der Weltöffentlichkeit rehabilitieren, u. a. in dem er behauptet, er habe beim Chef der SS nie die Ermordung von Juden, sondern deren Emigration und Evakuation in Auftrag gegeben. Auf die explizite Frage, ob er dem Führer immer noch folgen würde, im Wissen um sechs Millionen ermordete Juden, bringt er aber aufgrund seines Narzissmus und seiner Überzeugungen keine Verneinung über die Lippen.
Erfolglos bleibt auch der Psychologe Kelley, dem Göring suggeriert, er habe das Zeug, «a great man» zu werden und er, Göring, sei sein Ticket dazu. Kelley geht so traumatisiert aus der Interaktion mit den Nazi-Schergen hervor und entwickelt in der Folge so pessimistische Einschätzungen, dass sie die amerikanische Öffentlichkeit gar nicht hören will.

Wie wird Politik dargestellt? 
Macht ist arrogant und grausam, 22 Nazi-Schergen stehen als «living symbols of racial hatred, of terrorism and violence» vor Gericht. Göring versucht, sie als rechtschaffene Vertreter ihres Landes in Militär und Politik zu rehabilitieren: «Wir sind alles Männer, die ihrem Vaterland gedient haben. Nicht mehr, nicht weniger.» Doch der Gerichtsprozess entzieht diesen Relativierungen die Legitimation. Auf Grundlage der Nürnberger Prozesse können Verbrechen gegen die Menschlichkeit international verfolgt werden.

Zitat 
«If we just shoot these men, we make them martyrs. I’m not going to allow them that. There will be no statues of them. No songs of praise. I’m going to put Hermann Göring on the stand and I’m going to make him tell the world what he did so that it can never happen again.»

Themen 
Faschismus, internationale Justiz, Kriegsverbrechen

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