Wenn der Stift verstummt

Wie Trump, Tech-Milliardäre und nervöse Redaktionen die politische Zeichnung in die Zange nehmen

Die Meinungsäusserungsfreiheit misst sich daran, wie viel Widerspruch eine Gesellschaft aushält. Wenige Berufsgruppen halten ihr so gnadenlos den Spiegel vor wie politische Karikaturistinnen und Karikaturisten. Ein einziger Strich, ein Wort kann einen Präsidenten entlarven, einen Konzernchef blamieren oder eine ganze Nation vorführen. Genau deshalb geraten diese politischen Zeichnerinnen und Zeichner heute massiv unter Druck.

Wenn Redaktionen einknicken
Der Band «Censure en Amérique» von Patrick Chappatte und Ann Telnaes ist ein Alarmruf. Chappatte, Schweizer mit globaler Präsenz, zeichnete jahrelang für die internationale Ausgabe der «New York Times». 2019 strich das Blatt seine Rubrik für politische Cartoons, offiziell ein strategischer Entscheid, faktisch ein Rückzug aus einer riskanten Form der Kritik.

Ann Telnaes, Pulitzer-Preisträgerin bei der «Washington Post», erlebte Ähnliches. Ein Cartoon wurde gestoppt, der Tech-Milliardäre – darunter den Post-Besitzer Jeff Bezos – zeigt, wie sie vor «King Trump» knien und ihm Geldsäcke reichen. Telnaes zog die Konsequenzen und kündigte.

Diese beiden Bruchstellen bilden den Ausgangspunkt von «Censure en Amérique». Der grosszügig illustrierte Band zeigt, dass grosse Medienhäuser wie nervöse Konzerne zu agieren beginnen: lieber eine Zeichnung weniger publizieren, als einen Konflikt mit Eigentümern, Anzeigenkunden oder einem wütenden Präsidenten riskieren.

Trump als Symptom – nicht nur als Figur
Der Band ist als Dialog aufgebaut: Chappatte und Telnaes erzählen, wie sich ihr Arbeitsumfeld seit den 1990er-Jahren verengt hat. Dazwischen lassen sie ihre Cartoons sprechen. Trump ist in diesen Bildern allgegenwärtig – als König, Mafioso, groteske Monsterfigur oder als Golfspieler, der die Welt wie einen Ball wegschlägt.

Doch es geht nicht nur um eine Person. Trump steht im Buch für eine Logik: Medien als Feinde, Justiz als Hindernis, Journalisten als Zielscheibe. Wer so agiert, schafft ein Klima, in dem Redaktionen vorauseilend zurückrudern. Wenn die «Washington Post» 2024 ihre traditionelle Wahlempfehlung auslässt und dafür 10 Prozent der Abonnentinnen und Abonnenten verliert, ist Symptom und Warnsignal zugleich.

Die Cartoons vermitteln diese Diagnose brutaler als jeder Leitartikel. Eine strangulierte Freiheitsstatue, ein verängstigter Onkel Sam, eine Presse, die sich weg duckt. Viele Bilder zeigen, wie Angst und ökonomischer Opportunismus die demokratische Kultur aushöhlen.

«Armons nos crayons» – Aufruf zum Gegenangriff
«Censure en Amérique» ist als vierteiliges Buch strukturiert. Der erste Teil erzählt vom «Espace de liberté qu’on ferme» – dem Freiraum, der sich über Jahrzehnte geöffnet hat und nun schrittweise wieder geschlossen wird. Die mittleren Kapitel konzentrieren sich auf Trump und sein System der Einschüchterung.

Der Schluss trägt den programmatischen Titel «Armons nos crayons» – «bewaffnen wir unsere Stifte». Chappatte und Telnaes fordern darin, die politische Zeichnung nicht zu entschärfen, sondern neue Räume für sie zu schaffen: auf Bühnen, in Büchern, auf unabhängigen Plattformen, jenseits der grossen Konzerntitel.

Gerade aus europäischer Perspektive ist das Buch ein Seismograf. Es zeigt, wie schnell eine liberale Öffentlichkeit kippen kann, wenn Medien vor allem in den Kategorien Risiko, Reputation und Shareholder Value denken. Die Meinungsäusserungsfreiheit ist der verlässlichste Gradmesser einer Demokratie, die dann in Gefahr gerät, wenn ein als «zu hart» empfundener Cartoon keine Verleger oder Chefredaktionen mehr findet, die den Mut zu dessen Veröffentlichung aufbringen.

Patrick Chappatte und Ann Telnaes: «Censure en Amérique». Editions Les Arènes, Paris 2025. 224 Seiten. Derzeit in französischer Sprache erhältlich.

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