Wenn der Lobbyist ein Algorithmus ist
KI-Agenten verändern Public Affairs und stellen Verantwortung neu zur Debatte. Was heisst das für die Schweizer Politik?
Künstliche Intelligenz formuliert längst nicht mehr nur Texte auf Zuruf. Die nächste Generation sogenannter KI-Agenten kann Ziele verfolgen, Informationen zusammentragen, Arbeitsschritte planen und unterschiedliche digitale Werkzeuge kombinieren – eine Entwicklung, die etwa der AI Index Report der Stanford University beschreibt. Damit rückt eine Entwicklung näher, die auch Public Affairs verändern dürfte: KI wird vom Kommunikationsinstrument zum teilweise eigenständig handelnden Akteur.
Ein KI-Agent könnte künftig parlamentarische Geschäfte beobachten, Botschaften und Vernehmlassungen analysieren, relevante Stakeholder identifizieren und Vorschläge für politische Positionierungen erstellen. Er könnte Medienberichte auswerten, Argumentarien an unterschiedliche Zielgruppen anpassen oder auf neue regulatorische Entwicklungen hinweisen. Für Unternehmen und Verbände verspricht dies Geschwindigkeit und eine bislang kaum erreichbare Beobachtungsbreite.
Gerade im politischen Austausch liegt jedoch ein Spannungsfeld vor. Interessenvertretung ist mehr als Informationsverarbeitung. Sie lebt von Vertrauen, Kontextkenntnis und der Bereitschaft, Verantwortung für eine Position zu übernehmen. Ein System kann Argumente optimieren, aber keine demokratische Verantwortung tragen. Es kann Gesprächspartner priorisieren, ohne nachvollziehbar zu machen, nach welchen Kriterien es dies tut. Und es kann mit grosser Überzeugungskraft falsche oder verzerrte Informationen präsentieren – ein Risiko, auf das auch die OECD in ihrer Arbeit zu KI-Governance hinweist.
Mehr Tempo, mehr Reichweite, aber auch mehr Risiken
Für die Schweiz ist das Thema besonders relevant. Das politische System kennt zahlreiche Vernehmlassungen, Kommissionen und föderale Entscheidungsprozesse. Verbände und Unternehmen verfügen dadurch über zahlreiche legitime Möglichkeiten, ihre Sichtweisen einzubringen. KI kann diese Beteiligung erleichtern, etwa indem sie umfangreiche Vorlagen zusammenfasst oder Eingaben vorbereitet. Gleichzeitig könnte sie das Volumen standardisierter Stellungnahmen deutlich erhöhen. Behörden müssten dann mehr Inhalte bearbeiten, ohne dass die Qualität der politischen Beteiligung zwingend steigen würde.
Auch die Profession selbst verändert sich. Public-Affairs-Fachleute werden weniger Zeit mit der manuellen Sichtung von Dokumenten verbringen. Wichtiger werden die strategische Einordnung, die Beziehungsarbeit und die Kontrolle automatisierter Analysen. Wer KI einsetzt, muss nicht nur gute Anweisungen formulieren, sondern auch erkennen, wann ein scheinbar plausibles Ergebnis politisch oder sachlich in die falsche Richtung führt. Eine Frage, mit der sich auch Forschungsinitiativen wie das ETH AI Center befassen.
Mensch bleibt trotz KI in der Verantwortung
Der unsichtbare Lobbyist ist somit weder Heilsversprechen noch Schreckensbild. KI-Agenten können politische Kommunikation fundierter und effizienter gestalten. Sie können aber auch Verantwortlichkeiten verwischen und den öffentlichen Raum mit industriell produzierten Positionen füllen. Die entscheidende Grenze verläuft nicht zwischen Mensch und Maschine, sondern zwischen nachvollziehbarer Interessenvertretung und automatisierter Einflussnahme ohne klare Verantwortung.

Politische Ideale verlangen persönliche Opfer