Blau-gelbe Farben und Fahnen überall. Die Ukrainische Flagge, die den blauen Himmel und das erntereife Korn Landschaftsbild der Kornkammer Europas, ist zu einem verbreiteten Symbol gerade in Europa geworden. Ebenso die Solidaritäts-Hashtags in den Social-Media. Ein Beleg dafür, wer in diesem Konflikt den Informationskrieg dominiert. (Shutterstock)

1. Glaubwürdigkeit und Propaganda: Der Kampf um die Informationshoheit ist immer noch im Gang

Der russische Armee hatte man sehr viel zugetraut, wenn es um den Kampf um Informationshoheit in einem bewaffneten Konflikt geht. Doch den Informationskrieg in den ersten drei Kriegswochen haben die Russen gegen die Ukrainer eindeutig verloren. Die verwackelten Handy-Videos des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, in denen er Durchhalteparolen ausgibt, wirkten viel glaubwürdiger und sympathischer als alles, was von russischer Seite kam. Auch seine Auftritte vor diversen Parlamenten haben diesen Eindruck unterstrichen. Weiter zeigen die unzähligen auf Twitter geposteten Videos ukrainischer Armeeangehörigen und Zivilisten den Konflikt aus Sicht der Opfer einer militärischen Aggression. Das Netz feiert die militärischen Erfolge und den Durchhaltewillen der Ukraine. Und diese eroberten «Heart and Minds» der internationalen Social-Media-Community im Sturm. Gleichzeitig schaffte Präsident Selenskyi mit der Einbindung der Bevölkerung im Informationsraum die nationale Kohäsion zu verstärken.

Dieses ukrainische Narrativ in den sozialen Medien findet den Weg in die traditionellen Medien. Es rächte sich, dass die Russen auch den Informationskrieg auf Twitter, Telegram und Facebook zentral steuern wollten und im Übrigen vor allem die traditionellen Medien (TV, Radio) als Kanäle benutzen. Dazu hatte die russische Armee ein generelles Smartphone-Verbot für alle Soldaten erlassen. Die fehlende Authentizität und der Wille zur Gleichschaltung kommen bei einem Publikum im liberalen Westen sehr schlecht an. Inzwischen ist auch klar, warum die Ukrainer für diese Operation viel besser aufgestellt waren: Die vielen Werbeagenturen, die Social-Media-Dienstleistungen für immer mehr europäische Firmen erledigen, nutzen ihre Kernkompetenz und produzierten hervorragend gemachte Videos und passenden Social-Media-Content.

Die russische Führung bemerkte spät, dass es in diesem Bereich nicht gut läuft, und versucht nun zu kontern. Sie wirft immer mehr ähnlich gemachten Content ins Netz. So tauchen plötzlich auch RT- und Sputnik-Propaganda-«Journalisten», als eine Art westliche Kriegsberichterstatter verkleidet, an der Front auf und berichten von russischen Erfolgen und Siegen. Doch es gibt ein kulturelles Problem: Die Russen sind es offensichtlich nicht gewohnt, für ein aufgeklärtes westliches Publikum zu arbeiten. Ihre Propaganda-Videos sorgen immer wieder für Hohn im Netz, weil sie offensichtlich gestellt und schlecht fabriziert sind. Sie sind auch nicht von Journalisten, sondern von Angestellten einer Propaganda-Organisation konzipiert. Russland schafft es somit nur, die Informationshoheit im eigenen Staatsgebiet zu erlangen.

2. Lügen und Entlarvung: Echtzeit Geheimdienstinfos verunmöglichen russische Desinformation

Wenn Putin bisher in einen seiner regelmässigen Kriege zog – Tschetschenien, Georgien, Krim und Syrien –, wurden die Kulisse der militärischen Aktionen meist im Voraus mit massiven Desinformationskampagnen vorbereitet. Die Russen waren Meister von Provokation und sogenannten False-Flag-Aktionen. Dies bedeutet, dass Putin Geheimdienstler und Sabotagetrupps in das jeweilige Kriegsgebiet entsandte, die für gefälschte Bilder von russischen Opfern sorgten. Das wiederum diente dem Kreml-Herrscher als Grund für das militärische Eingreifen.

Oder der Kreml sandte für die völkerrechtswidrige Einnahme der Krim 2014 russisches Militär ohne Hoheitszeichen in das Staatsgebiet der Ukraine. Der Coup erfolgte nach dem klassischen Drehbuch für einen Hybrid-Krieg: Dabei wird anstelle einer offenen militärischen Invasion eine Kombination aus geheimdienstlichen Operationen, Unterstützung von Aufständischen, Desinformation und anderen Methoden verwendet, um den Gegner anzugreifen. Entscheidend ist, dass der Aggressor diese Handlungen gegenüber der örtlichen und internationalen Gemeinschaft glaubhaft abstreitet. Russlands anfängliche Leugnung einer Beteiligung schuf Verwirrung und sorgte dafür, dass die Ukraine und westliche Verbündete nicht vollständig sicher waren, ob es sich um russische Truppen handelte. Diese als «Maskirowka» bekannte Täuschungs- und Verschleierungsstrategie gab den russischen Truppen Zeit, um die Kontrolle über die Krim vollständig zu übernehmen. 2015 feierten sich russische Generäle dafür, wie der Westen dadurch handlungsunfähig gemacht worden war.

2022 scheiterte Putin aber mit der Desinformation. Denn schon lange vor Beginn der Invasion, als Putin im November 2021 seine Truppen an der Grenze in der Ukraine aufmarschieren liess, setzen die USA diesmal alles auf eine Karte. Sie teilten erstmals – nahezu in Echtzeit – ihre besten Geheimdienstinformationen mit den Alliierten und gaben sie auch für die Öffentlichkeit frei. Es ist beispielslos, wie es der Administration von US-Präsident Joe Biden gelang, die Informationsstrategie der Russen zu unterlaufen. Indem sie offensiv vor gestellten und gefälschten False-Flag-Aktionen warnten, machten sie solche für die russische Seite nahezu unmöglich. Im Gegenteil: Die Russen machten sich mit fingiertem Material lächerlich. Eigentlich zeigten die Amerikaner, wie man Desinformation aktiv und erfolgreich bekämpfen kann. Das wird die Diskussionen um Fake-News auf Jahre hinaus beeinflussen.

3. Sperren und Sanktionen: Social-Media-Trends verändern sich weltweit

Die Auswirkungen des neuen Mediengesetzes in Russland, das unter Strafe stellt, wer den Krieg einen Krieg zu nennen wagt, führte zu mehreren Auswirkungen – vom Regime gewollt oder nicht. Verschiedene Medien, unter ihnen auch weltweit renommierte Redaktionen wie die «New York Times», zogen daraufhin ihre Medienschaffenden aus dem Land. Das Risiko für Journalisten zur Zielscheibe von russischer Vergeltung zu werden, wurde den Redaktionsleitungen zu gross.

Zu ähnlichen Schlüssen gelangten auch die Verantwortlichen bei verschiedenen Internet-Diensten: So beschloss die Plattform TikTok, dass sie aufgrund dieser Risiken gar keine russischen Videos mehr veröffentlichen würde. Danach sperrten die Russen als Vergeltung, aber wohl auch aus Furcht vor den unabhängigen Informationen, die dort greifbar sind, auch andere Plattformen wie Facebook, Twitter und Instagram. Russische Richter stuften Facebooks Mutterkonzern Meta diese Woche als «extremistisch» ein. Meta handle gegen Russland und dessen Streitkräfte, so die Begründung.

Diese Schritte haben zu Verwerfungen im Angebot und bei den Trending-Topics auf den Plattformen geführt. So veränderte sich diejenigen bei Facebook derart stark, dass die Öffentlichkeit das in den USA schnell bemerkte. So verschwand die bisher lautstarken Unterstützer des ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump wie etwa Fox-News-Moderator Tucker Carlson auf einen Schlag von den Spitzenplätzen. Er ist auch einer der wenigen Putin-Versteher. Experten gehen davon aus, dass das einerseits mit der nun fehlenden Reichweite für solchen Content in Russland zu tun hat. Andererseits habe aufgrund der Sanktionen und dem fallenden Rubel das Kreml-Regime wohl seinen gezielten Info-Krieg mittels teuren Ads und speziellem Content auf den Social-Media-Kanälen einstellen müssen. A propos: Sowohl in den USA als auch im französischen Präsidentschaftswahlkampf sind die Reichweiten der extremistischen Kandidaten gesunken.

4. Porno und Gaming: Neue Kanäle für Informationsverbreitung in Russland

Neue Bedeutung erhalten in diesem Infokrieg spezielle Internet-Dienste, die ursprünglich gar nicht für die Verbreitung von Informationen vorgesehen sind. So werden Gaming-Plattformen, Google Maps, aber auch die Porno-Website Youporn plötzlich zu Messaging-Diensten, auf denen Leute unabhängige Informationen über den Krieg in der Ukraine miteinander austauschen können. Gleichzeitig erleben andere klassische Messenger neue Nachfrage. So ist der Nachrichtendienst Telegram gerade im russischsprachigen Raum sehr beliebt. Der Schöpfer dieser App stammt ursprünglich aus Russland und verliess das Land, weil er das Regime von Putin ablehnt. Dennoch warnten schon bald westliche Cybersecurity-Spezialisten vor der Möglichkeit, dass die russischen Sicherheitskräfte aufgrund von schlechter Verschlüsselung gerade auf Telegram mitlesen könnten.

5. Tanz und Krieg: Entzauberung TikTok

«Seit dem Truppenaufmarsch Ende letzten Jahres, habe ich misstrauisch auf die zahlreichen TikTok-Videos der Truppenbewegungen geschielt. Damals ergaben sie für mich Sinn: Um Druck aufzubauen, Bedrohung zu schaffen und die Gerüchteküche anzuheizen», beobachtete der deutsche Social-Media-Experte und Offizier der Bundeswehr, Paul C. Stobel. Militärische Propaganda auf der Wohlfühl-Plattform TikTok? Der Konflikt in der Ukraine führte tatsächlich zu einer Art Entzauberung der chinesischen Video-App, die vor allem mit lustigen Tier-Content, Dance-Moves und Spass-Videos eine neue Art von Community erobert hatte.

Doch nicht nur die Russen setzen auf die Plattform. Denn nach der Invasion zeigten auch die Ukrainer Bilder, die Kampfhandlungen, zum Teil Tote und Verwundete zeigten. Kurzzeitig wurden auch Lehrvideos von ukrainischen Influencer zum Trend, die ihren Landsleuten zeigen sollten, wie man verlassene oder eroberte russische Panzer zum Laufen bringt und fährt. Der Content auf TikTok hat sich mit dem Krieg in der Ukraine stark gewandelt. Wie sich das auf die Zukunft der Plattform auswirken wird, ist ungewiss. Doch ohne Folgen wird das nicht bleiben.

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