«Es ist leicht, Minderheit zu sein in der Schweiz.»

Wie die fehlende Tessiner Vertretung im Bundesrat der Schweiz schadet und was der Calimero-Komplex ist, erklärt Festival Locarno-Präsident Marco Solari.

Marco Solari, Präsident des Internationalen Filmfestivals von Locarno (Bild: ZVG)

Das Tessin ist seit einem halben Jahr näher bei der Deutschschweiz. Wie macht sich das bemerkbar?
Die halbe Stunde ist von enormer psychologischer Bedeutung – persönlich und wirtschaftlich. Aus Tessiner Sicht bedeutet das, am gleichen Tag hin- und zurück reisen zu können. Denn viele reisen ein oder zwei Mal wöchentlich in die Deutschschweiz und die Romandie. Kommt hinzu, dass Bahnfahren in der Schweiz extrem bequem ist. Meistens funktioniert das WLAN, also kann man während des Reisens arbeiten. Von Zürich aus kommt man um 22 Uhr noch nach Hause. Auf wirtschaftlicher Ebene dauert es länger, das zeigen die Studien von Credit Suisse und UBS. Touristisch ist die Entwicklung bereits raketenmässig. Dieses Jahr kommen noch andere Faktoren hinzu wie das neue Ticino-Ticket, das den Touristen erlaubt, im ganzen Tessin gratis zu fahren. Das ist einzigartig in der Schweiz, aber gleichzeitig auch die Aktion der Raiffeisen, die viele Touristen bringt.

Hat das Tessin selbst einen grossen Anteil am Erfolg?
Es stimmt mich positiv, dass eine junge Generation unternehmerisch denkt und nicht mehr wartet, dass der Staat alles regelt. Die Geschichte des Tessins war lange Zeit von der Emigration geprägt. Danach hat sich das Tessin auf Zoll, Post, Bahn und Armee verlassen. Man hat gut verdient, ohne unternehmerisch tätig zu sein. Nachdem sich die Regiebetriebe sukzessive zurückgezogen hatten, konzentrierte man sich voll auf das Finanzwesen, bis auch diese Ära endete. Wir haben den Calimero-Komplex abgestreift, der uns lange Zeit genützt und geprägt hatte. Zum Verständnis: Calimero ist das kleine hässliche Entlein, das immerzu das Gefühl hat, benachteiligt zu sein, weil die anderen schöner und besser sind. Die neue Generation ist mehrsprachig, denkt unternehmerisch und weiss zu kämpfen. Sie erhält als Riesengeschenk nun zwei Tunnels. Der eine ist fertig – der Gotthardbasistunnel –, der andere wird in wenigen Jahren fertig werden (Ceneri-Basistunnel). Wir empfangen aber nicht nur, wir geben auch.

Was hat zu diesem Wandel geführt?
Der Tunnel hat ja nicht alles ausgelöst. Es gibt verschiedene objektive Faktoren. Erstens ist die Emigration nicht mehr nötig. Zweitens ist der Finanzsektor geschrumpft und drittens haben sich die Regiebetriebe zurückgezogen. Das Selbstbewusstsein zeigte sich für mich sehr stark auch bei den 700-Jahr-Feierlichkeiten der Eidgenossenschaft. Da wurde uns Tessinern plötzlich bewusst, dass wir keine B-Schweizer sind, sondern auch etwas zu geben haben.

Sehen Sie den Rückzug der Staatsbetriebe als einen Faktor, der das Tessin gestärkt hat?
Ich bin für das Unternehmertum. Mit den Goldflüssen, die seinerzeit aus Italien gekommen sind, ist man reich geworden, ohne einen Finger zu rühren. Als das vorbei war, musste man kämpfen oder man ging unter. Im Tessin gibt es ein neues Selbstbewusstsein und das hängt sehr stark mit der Universität und gewissen Persönlichkeiten zusammen. Es sind immer die Menschen, nicht die Strukturen, die in erster Linie zählen. In der theoretischen und praktischen Nationalökonomie in Bern und nachher in Genf hat man mir «Structure before People» eingetrichtert. Meine Lebenserfahrung zeigt aber, dass es genau umgekehrt ist: «People before Structure» – davon bin ich nach wie vor überzeugt.

An welche Persönlichkeiten denken Sie?
An Mario Botta, Tito Tettamanti oder in der Politik an Flavio Cotti, Sergio Salvioni oder die Familie Masoni. Es kommt noch etwas hinzu. Die Schweiz hat ein sehr starkes Bewusstsein fürs Gleichgewicht. In der Schweiz gibt es mit der Deutschschweiz eine Mehrheit, die das Tessin sehr gut kennt. Die Romands sind etwas entfernter. Aber beide sind sehr tolerant gegenüber Minderheiten: Es ist leicht, Minderheit zu sein in der Schweiz. Für das Tessin bedeutet das, dass es immer in seiner Emanzipation gefördert worden ist. Das zeigt sich auch in den kulturellen Initiativen, für die es etwa mit der Musik, dem LAC in Lugano und dem Filmfestival schöne Beispiele gibt – und letzteres durch blödsinnige staatliche Vorschriften in Gefahr ist.

Darauf kommen wir noch zu sprechen.
Es hängt nun rein vom Tessin ab, ob wir in dieser neuen Nord-Süd-Transversale eine Rolle spielen werden oder nicht. Die Gefahr, dass Zürich als mediterranste Stadt der Schweiz mit historisch gesehen den engsten Beziehungen zum Süden das Tessin einfach überrollt und auslässt, ist real. Die Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch ist schon etwa ein Dutzend Mal in Mailand gewesen ist. Wenn sie nun plötzlich nur noch ein direktes Interesse an Mailand haben sollte, geriete das Tessin wieder unter die Räder. Damit das nicht passiert, muss die jetzige Generation dafür kämpfen.

Das Tessin gilt als Trendlabor für die Schweiz – es nimmt viel vorweg, was Auswirkungen auf die Restschweiz hat. Sie sind nahe am Puls. Worauf müssen wir uns als nächstes gefasst machen?
Im Tessin verbinden sich die Einflüsse aus dem Süden und dem Norden – mit allen Widersprüchen. Dass die historischen Parteien immer weniger wichtig werden und nun Bewegungen entstehen, die ein Gespür dafür haben, was die Bevölkerung will – diese Entwicklung hat im Tessin begonnen. Im Tessin hatten wir immer schon eine grosse und relativ unabhängige Presselandschaft. Wir haben daher auch früher als an anderen Orten gespürt, dass Online wichtiger und gedruckte Zeitungen an Bedeutung verlieren werden. Im Tessin treffen sich die verschiedenen Einflüsse: Die italienische Leichtigkeit oder auch Anpassungsfähigkeit – wobei ja jede Fähigkeit gleichzeitig eine Stärke wie auch eine Schwäche sein kann. Klare Stärken des Südens sind für mich die Anpassungsfähigkeit und die Fantasie. Vom Norden fliessen zwinglianische Struktur, Methodik und das Pflichtgefühl ein. Die Nord-Süd-Grenze verläuft quer durch den Kanton Tessin. Das muss man wissen. Lugano ist der nördlichste Ort des levantinischen Reichs; Locarno und Ascona sind mitteleuropäisch. Diese Orte sind grundverschieden und darum ist das Tessin auch so kompliziert. Das hat dazu beigetragen, dass das Tessin zu einem Laboratorium für die Schweiz geworden ist.

Politisch kämpft das Tessin nun um die Nachfolge von Didier Burkhalter. Wie hat es dem Tessin geschadet, dass es die letzten 18 Jahre nicht im Bundesrat vertreten war?
Es hat ja nicht dem Tessin geschadet, sondern es hat der Schweiz geschadet.

Inwiefern?
Wir unterscheiden uns gerne von unseren Nachbarn und wir sind tatsächlich anders. Wenn das nicht so wäre, könnten sich die Sprachregionen trennen und anderswo anschliessen. Was bedeutet dieser Sonderfall? Die verschiedenen Entitäten und die verschiedenen Kulturen fliessen ineinander. Sie müssen sich immer wieder zusammenraufen, diskutieren, den Dialog pflegen, das Gleichgewicht finden. Wir leben in einem Paradies, zu dem wir selbst beigetragen haben – das sind nicht nur äussere Umstände. Nun müssen wir schauen, dass die Schweiz weiterhin ein Paradies bleibt und nicht zum Purgatorium oder zu einer Hölle wird. Was heisst das? Eine Sprache ist nicht ein Aneinanderfügen von Worten. Eine Sprache, das sind Sensibilitäten. Das sind verschiedene Gesichtspunkte, das sind Wertprioritäten. Das ist die Art und Weise, an eine Sache heranzugehen.

Können Sie ein Beispiel geben, wie sich diese Unterschiede äussern?
Wenn ich mit einem Freund ein Nachtessen vereinbaren möchte in der Deutschschweiz, dann rufe ich ihn an, er greift zur Agenda und sagt mir: «Jawoll, am 18. Februar 2018 habe ich einen freien Abend und dann könnten wir uns sehen.» Wir machen ab und er reserviert. Wenn ich im Tessin einen Freund sehen will, dann rufe ich ihn um 17 Uhr an und frage: «Hast du heute Abend Zeit?» Und er sagt: «Ja, komm doch zu uns. Oder wir gehen auswärts, ich habe auch gerade nichts abgemacht.» Das ist ein erster Unterschied.

Gibt es noch wichtigere Unterschiede?
Ja, diese Geschichte ist aber etwas ausführlicher. Wenn ich im Norden etwas erreichen möchte, dann melde ich mich an. Der Zug aus Zürich trifft um 9.51 Uhr ein, im Schweizerhof oder im Bahnhofbuffet ist ein Saal für 10.15 Uhr reserviert. Die Traktandenliste habe ich bereits per E-Mail erhalten. Der erste Punkt heisst immer «Begrüssung» und der letzte Punkt «Varia». Ich sehe dann meistens sehr ernste Gesichter und sage als erstes: «Relax.» Wir gehen die verschiedenen Punkte durch und wie durch ein Wunder – ich habe noch nie begriffen wieso – ist es 5 vor 12 Uhr: «Das 5 vor 12 Uhr der Deutschschweiz». Dann heisst es: «Hat noch jemand etwas?» Natürlich nicht, denn man hat ja alles diskutiert. Man schreitet zum Mittagessen, das schon im Nebenzimmer aufgetischt wird.

Wie läuft das im Süden ab?
Wenn ich genau dasselbe in Mailand erreichen möchte, dann rufe ich an und man wird mir ein Mittagessen um 13 Uhr vorschlagen. Meistens kommt das Vis-à-Vis 10 Minuten zu spät, um seine Wichtigkeit zu unterstreichen. Das macht nichts. In Zürich hat die Sitzung hingegen eine Minute früher angefangen als angekündigt – damit wird Effizienz bewiesen. Während des Mittagessens wird der Gesprächspartner in Mailand zwei Dinge einfliessen lassen. Erstens, wann die punischen Kriege stattgefunden haben und zweitens wird er ein Zitat von Dante platzieren. Ich muss dann zwar nicht sagen können, in welchem der Verse das Zitat vorkommt. Ich sollte aber schon wissen, ob es auf dem Weg zur Hölle, zum Läuterungsberg oder zum Paradies ist. Drittens kommt irgendwann die Frage, was man von der Regierung hält und dann müsste man mindestens wissen, wer Regierungspräsident ist. Man wird während des Essens gemessen, ob man Kultur hat und wie gut man ein Gespräch führen kann. Vor dem Espresso heisst es dann: Übrigens, wir hatten ja ein kleines Problem, das ist schon gelöst – ich gebe heute Nachmittag die nötigen Anweisungen. Wenn es hingegen heisst, wir können das später noch vertiefen oder unsere Direktoren können darüber sprechen, dann führt das zu nichts, denn man hat das Examen nicht bestanden.

Das ist ein komplett unterschiedlicher Ansatz.
Genau diese Kenntnis der unterschiedlichen Mentalitäten muss in eine Landesregierung einfliessen. Natürlich sind wir bestens vertreten worden durch Bundesräte, die nicht Tessiner waren. Das Filmfestival ist grösser geworden, die Universität hat sich entwickelt. Alptransit wurde realisiert. Alles ist da. Das Tessin hat nicht gelitten. Aber der Schweiz hat während 20 Jahren die Sensibilität der lateinischen, der italienischen Seite gefehlt. Und die ist wichtig. Am Schluss ist das ja der Mehrwert, den wir in der Schweiz haben. Und darum sage ich: Im Tessin muss man auch Dürrenmatt und Goethe und Schiller kennen. Aber in der Deutschschweiz muss man eben auch etwas über Petrarca, Manzoni, Boccaccio, Proust und Montaigne wissen. Und der französischen Schweiz stehen Kenntnisse über moderne Tessiner Schriftsteller wie Giorgio und Giovanni Orelli ebenfalls nicht schlecht an.

Bis anhin haben die Tessiner immer sehr Tessin-zentriert argumentiert, weshalb es einen Tessiner Bundesrat braucht.
Das ist falsch. Ein Tessiner Bundesrat kann die Tessiner Interessen manchmal sogar schlechter vertreten als ein Bundesrat aus einer anderen Sprachregion. Da müssen wir uns keine Illusionen machen. Die Entwicklung der Schweiz zeigt überdies ganz deutlich, dass man wieder zu den Emotionen zurückkommt. Das ist vielleicht auch die Aufgabe eines Tessiner Bundesrats, dass er den Mut hat, Emotionen einzubringen.

Gespräch: Petra Wessalowski und Angelo Geninazzi