«Boom oder Blase?»

Die Zürcher Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker Späh und der Zuger Finanzdirektor Heinz Tännler sprechen über Blockchain-Boom und Crypto Valley.

Carmen Walker Späh und Heinz Tännler sprechen auf dem Kurz-Podium über den Blockchain-Boom und das Crypto Valley. (Bild: ZVG)

Wann haben Sie zum ersten Mal von Blockchain gehört? 

Carmen Walker Späh: Die Volkswirtschaftsdirektion befasst sich seit drei Jahren intensiv mit dem Thema Blockchain. So ist es Hauptthema der aktuellen Ausgabe des vierteljährlich erscheinenden «Zürcher Wirtschaftsmonitoring». Der Zürcher Regierungsrat nutzt zudem die regierungsinternen Fachanalysen, um sowohl Potenzial als auch Herausforderungen einzuschätzen und daraus allfälligen Regulierungsbedarf abzuleiten.

Besitzen Sie Kryptowährungen?

Heinz Tännler: Ja.

Carmen Walker Späh: Bis jetzt noch nicht…

Zwischen Zürich und Zug hat sich das Crypto Valley gebildet mit zahlreichen Unternehmen, deren Geschäftsmodell auf der Blockchain-Technologie basiert. Wie nehmen Sie diesen Boom wahr? 

Heinz Tännler: Es sind eine Aufbruchstimmung und viel Pioniergeist spürbar. Wie immer in einer Pionierphase wird verschiedenes ausprobiert, wovon nicht alles gelingt. Entsprechend kommen neue Akteure hinzu, andere verschwinden. Es ist eine hohe Nachfrage nach Know-how, Erfahrungen, Vernetzung und Klärung der Rahmenbedingungen wie zum gesetzlichen Rahmen oder zu den Finanzen zu verzeichnen.

Carmen Walker Späh: Bezüglich Blockchain sind wir am Puls der Zeit. Persönlich betrachte ich es als sehr inspirierend, dass Zug und Zürich die Chance wahrnehmen, vorne dabei zu sein. Ich bin überzeugt, dass in der Digitalisierung ein grosses Potenzial vorhanden ist. Dieses müssen wir nutzen. Im Kanton Zürich werden verschiedene Anwendungen entwickelt, beispielsweise für Banken oder Versicherungen.

Wie profitieren Zürich und Zug von dieser Entwicklung? 

Carmen Walker Späh: Erst die Geschichte wird uns zeigen, wie gross der Profit für Zürich sein wird. Vorerst gilt es abzuwägen zwischen Nutzen und Risiken der technologischen Entwicklung. Blockchain ermöglicht neue Geschäftsmodelle und bringt einen fundamentalen Wandel bestehender Prozesse und Strukturen in der Wirtschaft und Verwaltung. Es ist wichtig, dass Zürich eine wichtige Rolle bei Blockchain spielt. Wir dürfen nicht alles durch die «rosa Brille» sehen, es wäre aber falsch, wenn wir vor dieser noch jungen Technologie wie ein Kaninchen vor der Schlange erstarren würden.

Heinz Tännler: Eine direkte Auswirkung in Form von höheren Steuereinnahmen ist aktuell nicht feststellbar. Das liegt in der Natur der Sache, weil sich erstens das Gros der Unternehmen in der Aufbauphase befindet und somit zuerst investieren muss, bevor allenfalls Erträge anfallen. Zweitens werden sich die Gewinne verzögert in den Steuererträgen niederschlagen. Mittelfristig erwarten wir natürlich auch von dieser Branche Erträge. Vorderhand profitiert Zug von neu geschaffenen Arbeitsplätzen, aber auch von Dienstleistungen, die in Anspruch genommen werden, unter anderem für Rechts- und andere Beratungen, Firmengründungen und weitere Leistungen.

Es gibt Stimmen, die vor einer Blase warnen. Wie sehen Sie das?

Heinz Tännler: In jeder Pionierphase gibt es Gewinner und Verlierer. Wer zu welcher Gruppe gehören wird, lässt sich im Voraus nicht sagen. Aber mir ist wichtig, zu unterscheiden zwischen der Blockchain-Technologie an sich und Cryptowährungen wie Bitcoin als Teilmenge dieser neuen Technologie. Bei den Währungen ist durchaus denkbar, dass ein Hype stattfindet, der irgendwann substanziell korrigiert wird. Wir fokussieren uns aber auf die Technologie an sich und denken, dass hier noch einige Geschäftsfelder zu entwickeln sind. Insofern betrachten wir die Crypto-Szene als einen innovativen Wirtschaftszweig wie andere – mit dem kleinen Unterschied, dass Zug ein Schlüsselstandort ist. Dieser Position wollen wir Sorge tragen, ohne gleich in naive Euphorie zu verfallen.

Carmen Walker Späh: Warnende Stimmen gilt es ernst zu nehmen. Gleiches gilt übrigens auch für ein gewisses Unbehagen in der Bevölkerung gegenüber dem rasanten Wandel und der Technologisierung. Wir müssen zusammen mit der Bevölkerung den Fortschritt wagen, den Menschen beispielsweise die Angst vor einem Arbeitsplatzverlust zu nehmen. Wichtig scheint mir, dass keine Ängste geschürt werden. Politik und Wirtschaft müssen gemeinsam Verantwortung übernehmen und vorausschauend handeln – im Interesse der gesamten Gesellschaft.

Das Crypto Valley nimmt weltweit eine Pionierrolle ein und findet als «Crypto Nation» globale Beachtung. Was unternehmen der Kanton Zug und der Kanton Zürich, damit die Schweiz ihre Topposition behalten kann?

Carmen Walker Späh: Der Kanton Zürich wirkt zusammen mit dem Kanton Zug in der nationalen Arbeitsgruppe des Bundes mit. Generell ist es aus meiner Sicht wichtig, dass wir auch für die digitale Nation optimale Rahmenbedingungen schaffen. Dies bedingt auch die Anpassung gewisser Prozesse an die Bedürfnisse der «Crypto Nation».

Heinz Tännler: Der Kanton Zug sieht sich in dieser Entwicklung als Katalysator. Unsere Verwaltung ist offen für die Anliegen der Branche und behindert die Entwicklung nicht unnötig. Trotzdem sind wir und der Bund regulatorisch gefordert. Auf kantonaler Ebene betrifft dies vor allem die steuerliche Behandlung verschiedener Sachverhalte, die auch für uns Neuland bedeuten. Aber wir gehen sogar noch weiter.

Inwiefern?

Heinz Tännler: Zusammen mit meinem Zürcher Kollegen bin ich bei Bundesrat Ueli Maurer vorstellig geworden, weil ich feststellen musste, dass viele Unternehmen in diesem jungen Business im Inland grösste Schwierigkeiten haben, eine Bankbeziehung zu eröffnen. Wie wollen Sie aber ein Geschäft betreiben, wenn Sie keinen Zahlungsverkehr abwickeln können? Damit treibt man die innovativen Unternehmen förmlich ins Ausland. Beim Internet wurden wesentliche Entwicklungen in der Schweiz getätigt, die grossen Gewinne aber im Ausland, insbesondere den USA, eingefahren. Den gleichen Fehler sollten wir kein zweites Mal machen. Deshalb hat Bundesrat Maurer einen runden Tisch zum Thema einberufen, und die Bankiervereinigung nahm sich des Themas an. Ich bin zuversichtlich, dass wir auch dieses Problem lösen werden.

Carmen Walker Späh: Im Kanton Zürich engagieren sich Startup-Unternehmen, es gibt Initiativen wie den Trust Square an der Zürcher Bahnhofstrasse, und es gibt Forschungsstätten als Treiber. Das Amt für Wirtschaft und Arbeit unterstützt die Vernetzung dieser einzelnen Projekte aktiv. Meines Erachtens ist dies ein nationales Thema, deshalb wäre ein gemeinschaftliches Vorgehen richtig. So sollte die Finma (Eidgenössische Finanzmarktaufsicht) klare Vorgaben aufzeigen. Da zurzeit noch einige Regulierungsfragen ungeklärt sind, verstehe ich auch, dass die Banken zurzeit noch etwas zurückhaltend sind. Diese sind gerade nach den Turbulenzen der letzten Jahre auf Rechtssicherheit angewiesen.

Andere Standorte wie Singapur, Gibraltar und Malta holen massiv auf. Ist die Schweiz auf dem absteigenden Ast? 

Heinz Tännler: Nein, das Interesse am Standort Zug ist ungebrochen. Wenn wir dranbleiben, Rechtssicherheit schaffen und Probleme wie jenes mit den Bankkonten für Blockchain-Unternehmen innert nützlicher Frist lösen, haben wir weiterhin gute Karten in der Hand.

Carmen Walker Späh: Man kann die Schweiz nicht mit den obgenannten Staaten vergleichen. Unsere Realität ist eine andere: Die gelebte Demokratie und die rechtsstaatlichen Instrumente geben nun einmal teils andere Leitlinien vor. Es ist wichtig, dass wir uns diesen Tatsachen bewusst sind, wenn wir Konzepte für den Blockchain-Standort Schweiz entwerfen. Denn nur so können wir möglichst realistische Ergebnisse erzielen.

Wie sehen diese Konzepte aus?

Carmen Walker Späh: Ich bin klar der Meinung, dass wir dank unseren Rahmenbedingungen optimal gerüstet sind und uns auch weiterhin mit anderen Standorten messen können. Seien wir ruhig auch etwas selbstbewusst: Der Kanton Zürich verfügt über ausserordentlich gute Standortfaktoren. Hier sind eine solide und gut verankerte Finanz- und Versicherungsindustrie sowie zahlreiche Konzerne und Organisationen im digitalen Bereich ansässig. Zürich ist ein eigentlicher Innovationshotspot. Wir verfügen über Forschungsanstalten und Hochschulen von Weltrang, wir haben herausragend qualifiziertes Personal. Unser Land geniesst eine hohe politische Stabilität und hohe Rechtssicherheit, die politischen Wege sind kurz, die Verkehrserschliessung ist hervorragend. Wenn wir uns mit anderen Standorten messen, müssen wir uns diesen Stärken bewusst sein.

Sie fordern mehr Regulierung?

Carmen Walker Späh: Regulierungen sollen nur dann getroffen werden, wenn sie unumgänglich sind. Deshalb würde ich weiter oben, ganzheitlicher ansetzen: Wir brauchen analog zur digitalen Industrie 4.0 eine Politik 4.0. Diese kann klären, wieviel Regulierung notwendig ist. Es gilt eine Balance zu finden zwischen Entwicklung der Technologie, unternehmerischem Freiraum und gesamtgesellschaftlichem Mehrwert.

Heinz Tännler: Wir können das tun, was erfolgreiche und innovative Unternehmungen auch tun: Die Entwicklung beobachten und ihr offen begegnen, die Chancen packen und die Risiken nicht ausser Acht lassen. Das heisst, dort regulieren, wo es nötig ist. Der Kanton Zug hat kein eigenes Blockchain-Projektportfolio aus dem Boden gestampft. Aber wir haben Strukturen geschaffen, um bei der Digitalisierung generell am Ball zu bleiben. Wenn ich auch gerne die Wirtschaft zum Vorbild nehme, so gibt es einen wesentlichen Unterschied zu beachten: Innovative Unternehmen setzen einen Teil ihrer erwirtschafteten Mittel quasi als Spielgeld ein. Je nach Innovationsgrad kann es sein, dass vier Projekte in den Sand gesetzt werden, das fünfte aber zum ultimativen Durchbruch kommt und die anderen überkompensiert. Diese Risikofähigkeit hat die öffentliche Hand nicht. Sie muss jede Ausgabe unter dem Aspekt der Sparsamkeit und Verhältnismässigkeit rechtfertigen. Deshalb sind wir im eigenen operativen Bereich keine «First Mover», sondern «Early Follower». Das ist aber im Quervergleich schon ziemlich gut.

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