«Was Citizen Kane erlebt, das habe ich auch immer wieder gespürt»

Präsident Marco Solari über die Folgen des Gesetzes zur Korruption für das Festival Locarno und die Faszination für Orson Welles.

Marco Solari, Präsident des Internationalen Filmfestivals von Locarno (Bild: ZVG)

Das Filmfestival ist auch ein Ort der politischen Debatte. Sie haben eine neue politische Gesprächsreihe konzipiert. Ist das eine Reaktion auf das Anti-Korruptionsgesetz?
In der Schweiz machen wir in letzter Zeit eine Serie von schlechten Gesetzen. Wir brauchen nicht mehr, sondern weniger Gesetze. Wir brauchen weniger Bürokratie und weniger Staat. Das Anti-Korruptionsgesetz ist ein Beweis, wie schlecht man ein Gesetz machen kann.

Wirkt sich das Gesetz bereits auf das Festival aus?
Natürlich! Seit es in Kraft ist und bereits vorher. Wir sind ein Land, das vom Dialog lebt. Nicht nur von den offiziellen Gesprächen, sondern auch von denen hinter den Kulissen. Die sind enorm wichtig. Meine Strategie des Festivals ist klar: «Too big to fail». Ich tue alles dafür und fast bedauere ich, dass ich schon 73 Jahre alt bin. Vieles werde ich nicht mehr zu Ende führen können. Das Festival ist ja mehr als ein Event mit einer Sitzgelegenheit und einer Leinwand. Es nützt dem Tessin und es nützt der Schweiz. Wirtschaft, Politik, Kultur und Wissenschaft kommen vor einer Filmvorführung beim Aperitif und beim Essen einander näher. Und nun wird mit dem Artikel 322ter im Strafgesetzbuch die aktive und passive Korruption unter Strafe gestellt.

Wo liegt das Problem?
Es hat noch niemand definiert, was aktive und passive Korruption ist. Daher haben plötzlich alle Angst, eine Einladung anzunehmen. Einmal mehr wird das Gleichgewicht in der Schweiz gestört. Denn Randregionen wie Graubünden, Tessin, Wallis oder Genf definieren sich auch über Kultur. In Cannes deckt der Staat das Defizit. In der Schweiz kann man ohne Sponsoren keine Anlässe organisieren. Und wenn die Politiker nicht mehr kommen, der Dialog nicht mehr stattfindet, besteht die Gefahr, dass auch die Sponsoren nicht mehr wollen.

Wo sehen Sie ein Ungleichgewicht?
Wenn niemand definiert, was aktive oder passive nicht gebührende Vorteilsgewährung oder -annahme ist. In Locarno kommen sie nach einer Filmvorführung nicht mehr nach Hause und müssen im Hotel übernachten. Wenn eine solche Einladung plötzlich Korruption ist, dann kommen die Politiker nicht mehr in die Randregionen, Sponsoren verlieren damit ein gewisses Interesse und plötzlich ist nur noch das goldene Dreieck Zürich-Bern-Luzern interessant. Von dort kommt man mit der S-Bahn nach Hause. Das ist die grosse Ungerechtigkeit. Das hat das Gesetz nicht berücksichtigt.

Gibt es Politiker, die nicht mehr kommen?
Ja.

Viele?
Relativ viele.

Was unternehmen Sie dagegen?
Wir haben gekämpft. Wir wurden bei Ständerat Daniel Jositsch vorstellig, ein Kenner der Materie. Wir haben auch Parlamentarier kontaktiert. Wenn genügend Politiker den Mut haben zu kommen, dann wird das Gesetz de facto definiert. Es gibt Parlamentarier, die haben Mut und die zeigen ihr Gesicht.

Wieso können Politiker ihre Übernachtung nicht selbst bezahlen?
Es ist fast schon eine Beleidigung, wenn ein Politiker, der mit seiner Anwesenheit zeigt, dass er hinter dem Filmfestival steht, als korrupt gelten soll. Politiker stimmen auch über Kulturkredite ab, müssen sich für das Land interessieren, in dem sie leben und sie stellen dafür ihre Zeit zur Verfügung und informieren sich. Die Vergütung eines Hotelzimmers sollte möglich sein. Einige Sponsoren haben bereits reagiert und die Gäste können ihre Übernachtung auf Wunsch selbst bezahlen. Auch wir weisen auf jeder Einladung darauf hin, dass die Gäste selbst schauen sollen, ob die Bedingungen mit ihren Compliance-Bestimmungen in Einklang sind.

Sie sind einer der berühmtesten Tessiner und mit Christa Rigozzi und Mario Botta eines der bekanntesten Tessiner Gesichter.
Warten wir auf den nächsten Tessiner Bundesrat…(lacht).

Gibt es jemanden, der in ihre Fussstapfen tritt?
Ich führe das Filmfestival ja wie ein Unternehmen. Wie in jedem Unternehmen muss eine Nachfolgeplanung vorhanden sein. Das gilt operativ, für den künstlerischen Direktor und das gilt auch für den Präsidenten. Die Nachfolgeplanung ist da. Nur: Beziehungsnetze und Nachfolgeplanungen sind das Dynamischste, was es gibt. Es gibt einen Nachfolger – entweder provisorisch oder definitiv. Im Moment ist es eine provisorische Lösung. In zwei oder vier Jahren kann die Situation ganz anders aussehen. Im Moment habe ich jedenfalls keine Lust aufzugeben. Ich bin gern Präsident des Filmfestivals von Locarno.
Das spürt man.

Ihr Lieblingsregisseur ist Orson Welles mit seinem Film «Citizen Kane». Sie waren früher selbst in der Unternehmensleitung von Ringier als Stellvertretender Konzernchef tätig. Was hat der Film mit Ihnen selbst zu tun?
Gute Frage (lacht). Ich selbst war allerdings nie Verleger. Der Film geht einem sehr nahe, weil er grundsätzliche Fragen zur Ethik aufwirft. Die Regeln, die er am Anfang der Karriere aufstellt und die er später, als er verliebt ist, systematisch aufgibt. Es zeigt auch, wie die Macht und der Reichtum einen plötzlich isolieren. Für mich ist Orson Welles ein Genie genauso wie Dante, Shakespeare, Mozart, Goethe oder Proust. Die Genialität zeigt sich in der Zeitlosigkeit eines Werkes, in dem man immer wieder Neues entdeckt. Was Citizen Kane erlebt – beruflich Erfolg haben und gleichzeitig isoliert und allein zu sein – das habe ich auch immer wieder gespürt (toutes proportions gardées). Ich sehe mit Orson Welles in einen Spiegel.

Auf wen freuen Sie sich an diesem Festival besonders?
Auf alle(s).

Gibt es keine Prominenz, die das erste Mal da ist?
Selbstverständlich, wie an jedem Festival, aber das gehört in den Bereich der künstlerischen Leitung und die Pressekonferenzen stehen noch an.

Sie halten die Spannung hoch!
Es ist schliesslich das 70. Festival. Die Frage nach der Prominenz ist insofern die falsche Frage, weil sie die Frage nach dem Ruhm stellt. Ich bin wahrscheinlich viel zwinglianischer, als sie es sich vorstellen können. Die Angst, nicht den Erwartungen zu entsprechen, ist so gross, dass sie alles andere überschattet. Das Festival ist riesig geworden und die Gefahr, dass etwas schief geht, ist sehr gross.

Es ist ja nicht ihr erstes Festival.
Die Sorge und die Angst vergehen nie. Es wird eigentlich immer schlimmer, je grösser das Festival wird. Es ist eine riesige Verantwortung. Ruhm und Kreuzigung sind für mich Zwillingsbrüder und gehen Hand in Hand. Glorie und Lob sind so vergänglich. Dessen bin ich mir immer bewusst. In jedem Beruf, bei jeder Gelegenheit.

Gespräch: Petra Wessalowski und Angelo Geninazzi