KI  wirkt nicht wie ein Staubsauger, der den Mangel an Arbeitskräften einfach wegräumt. Sie wirkt eher wie ein Sortierer. Einige Tätigkeiten verlieren an Wert, andere gewinnen an Bedeutung. (Bild: Shutterstock)

Die Erzählung klingt verführerisch einfach: Wenn künstliche Intelligenz immer mehr Aufgaben übernimmt, müsste der Fachkräftemangel doch kleiner werden. Weniger Menschen, mehr Maschine — Problem gelöst. Nur: So funktioniert der Schweizer Arbeitsmarkt nicht. Denn während über Chatbots, Automatisierung und Produktivitätssprünge diskutiert wird, läuft im Hintergrund eine viel mächtigere Entwicklung: Die Schweiz altert. Und sie altert schnell. Das BFS hält fest, dass der Anteil älterer Personen zunimmt und der Eintritt der Babyboomer in den Ruhestand diese Entwicklung weiter verschärft. 2026 übersteigt die Zahl der Menschen ab 65 Jahren erstmals die der Unter-20-Jährigen.

Lücke kann nicht nur mit Software geschlossen werden 
Das ist keine Randnotiz, sondern eine tektonische Verschiebung. Denn ein Arbeitsmarkt reagiert nicht nur auf Technologie. Er reagiert vor allem auf Angebot und Nachfrage. Und beim Angebot entsteht in der Schweiz eine Lücke, die mit Software allein nicht geschlossen werden kann.
Genau darauf weist das KOF hin. In der Analyse «Wie Demografie und KI den Schweizer Arbeitsmarkt verändern» heisst es, dass der technologische Wandel zwar in exponierten Branchen Jobs koste, der demografische Wandel in den kommenden Jahren aber wieder eine Knappheit an Arbeitnehmenden erzeugen werde. In einer KOF-Umfrage nennen 87 Prozent der befragten Ökonominnen und Ökonomen die Demografie als Hauptursache des erwarteten strukturellen Arbeitskräftemangels. Laut einem SECO-Bericht zur KOF-Studie könnten in den nächsten zehn Jahren rund 400’000 Arbeitskräfte fehlen.

KI räumt den Mangel nicht weg – sie verschiebt ihn 
KI verändert dieses Bild trotzdem — nur anders, als viele hoffen. Sie wirkt nicht wie ein Staubsauger, der den Mangel einfach wegräumt. Sie wirkt eher wie ein Sortierer. Sie verschiebt Druck von einem Bereich in einen anderen. Einige Tätigkeiten verlieren an Wert, andere gewinnen an Bedeutung. Manche Einstiegsrollen geraten früher unter Druck, während erfahrungsbasierte, koordinierende und verantwortungsintensive Rollen an Gewicht gewinnen.
Die KOF-Befunde sind gerade deshalb interessant, weil sie die Grenzen der Disruption zeigen. In stark KI-exponierten Berufen ist die Arbeitslosigkeit seit 2023 stärker gestiegen als in wenig exponierten Tätigkeiten; das betrifft etwa Softwareentwicklung, Journalismus oder Marketing. Aber selbst das KOF sagt: Generative KI erklärt höchstens ein Fünftel des Arbeitslosigkeitsanstiegs seit 2023. Sie ist also ein Faktor, nicht die grosse Gesamtantwort.

Die neue Knappheit liegt bei Kompetenzen und Zeit 
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr: Ersetzt KI Menschen? Sondern: Welche Art von Arbeit wird knapper und welche produktiver? Genau hier beginnt der neue Fachkräftemangel. Er ist weniger ein Problem fehlender Köpfe als ein Problem falsch verteilter Ressourcen. Es fehlt an Kompetenzen, die schnell anschlussfähig sind. Es fehlt an Zeit dort, wo Erfahrung geht und Verantwortung bleibt. Und es fehlt an Produktivität in Bereichen, die sich nicht einfach standardisieren lassen.

Was Wirtschaft und Politik jetzt leisten müssen 
Diese Ausgangslage verändert auch die politische und wirtschaftliche Debatte. Wer weiter so tut, als sei der Fachkräftemangel bloss ein Rekrutierungsthema, denkt zu klein. Es geht längst um Arbeitsvolumen, Weiterbildung, Migration, Erwerbsbeteiligung und um die Fähigkeit von Organisationen, Technologie sinnvoll einzubauen. KOF nennt denn auch Weiterbildung, eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen und älteren Arbeitnehmenden sowie den Zugang zu internationalen Arbeitskräften als zentrale Hebel.

Der Fachkräftemangel verschwindet nicht, er mutiert 
Der Punkt ist unbequem, aber zentral: KI löst keinen demografischen Wandel. Sie kann seine Folgen abfedern. Sie kann Prozesse beschleunigen, Leerstellen verkleinern und bestimmte Wissensarbeit effizienter machen. Aber sie ersetzt weder Erwerbsbevölkerung noch Erfahrung noch Präsenz in Berufen, die sich nicht digitalisieren lassen. Die Schweiz steht damit nicht vor dem Ende des Fachkräftemangels, sondern vor seiner Mutation. Aus dem klassischen Mangel an Fachkräften wird ein härterer Wettbewerb um die Kombination von Können, Verfügbarkeit und Produktivität.

Oder zugespitzt gesagt: Die Zukunft gehört nicht jenen, die am meisten KI haben. Sondern jenen, die mit weniger Menschen mehr Relevantes zustande bringen. Der neue Fachkräftemangel ist kein Defizit an Arbeit. Er ist ein Verteilungskampf um Kompetenzen, Zeit und Produktivität.

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