Die neue Generation der Desinformation – der blinde Fleck der direkten Demokratie
Wenn Wahrnehmung wichtiger wird als Fakten, gerät gerade die Schweizer Abstimmungsdemokratie unter Druck – oft leise, aber wirksam.
Desinformation war lange einfach: falsche Inhalte, möglichst glaubwürdig verpackt. Dieses Modell ist Geschichte. Heute geht es nicht mehr primär darum, jemanden von einer Unwahrheit zu überzeugen, sondern darum, Reaktionen auszulösen. Angst, Empörung, Zweifel. Daraus entsteht Wirkung. Das World Economic Forum nennt Desinformation und Polarisierung zentrale Risiken unserer Zeit.
Gleichzeitig verschiebt sich der Fokus: Entscheidend ist nicht mehr der Inhalt, sondern die psychologische Wirkung. KI und digitale Plattformen ermöglichen es, Botschaften präzise auf Zielgruppen zuzuschneiden und emotional zu optimieren. Oder anders gesagt: Desinformation produziert heute weniger falsche Fakten, sondern gezielte Wahrnehmung.
Die Schweizer Realität: Abstimmungen als Einfallstor
Die direkte Demokratie ist die Stärke der Schweiz. Und genau darin liegt ihre Verwundbarkeit. Denn Volksabstimmungen funktionieren nur unter einer Voraussetzung: Es muss eine gemeinsame Wirklichkeit existieren, auf deren Grundlage diskutiert wird. Diese Voraussetzung bröckelt.
Man sieht es in immer mehr Kampagnen – ob bei Energiefragen, Gesundheitsvorlagen oder migrationspolitischen Themen:
Neu ist dabei nicht die Zuspitzung. Neu ist die Präzision, mit der sie erfolgt. Unterschiedliche Bevölkerungsgruppen sehen längst nicht mehr dieselbe Kampagne. Sie sehen die Version, die für sie in Tonalität, Argumentation und emotionaler Ansprache optimiert wurde.
Der schleichende Effekt
Die grösste Gefahr ist nicht die grosse Manipulation von aussen. Es ist der kumulative Effekt im Innern:
Das WEF beschreibt Desinformation als Risiko, das andere Risiken verstärkt und gesellschaftliche Spaltung antreibt. In der Schweiz trifft das auf ein System zu, das stark auf Konsens angewiesen ist. Das Ergebnis ist kein plötzlicher Bruch, vielmehr eine langsame Verschiebung weg von gemeinsamen Fakten hin zu konkurrierenden Wahrnehmungen.
Warum Fakten allein nicht mehr reichen
In Abstimmungskämpfen ist der klassische Reflex klar: mehr Fakten, bessere Argumente, mehr Aufklärung. Das Problem: Die nächste Generation der Desinformation funktioniert anders. Sie setzt nicht auf falsche Fakten, sondern auf bekannte Mechanismen:
KI verstärkt diese Dynamik, indem sie Inhalte präzise auf Unsicherheiten und Überzeugungen zuschneidet. Die entscheidende Frage verschiebt sich deshalb: Nicht mehr von «Was ist richtig?» zu «Was bleibt hängen?»
Was das für Kampagnen bedeutet
Für politische Akteure, Verbände und Unternehmen verändert sich die Logik:
Die direkte Demokratie lebt davon, dass unterschiedliche Meinungen auf einer gemeinsamen Realität beruhen. Genau diese Realität wird fragiler. Die neue Desinformation will nicht laut überzeugen, sondern leise verschieben. Nicht den einen Entscheid kippen, sondern das Vertrauen in den Prozess selbst verändern. Oder zugespitzt: Die grösste Gefahr für die Schweizer Demokratie ist nicht die falsche Entscheidung, sondern die wachsende Unsicherheit darüber, wie sie zustande kommt.

Wie man eine Nation zusammenschweisst