Die direkte Demokratie ist die Stärke der Schweiz. Und genau darin liegt ihre Verwundbarkeit. Denn Volksabstimmungen funktionieren nur unter einer Voraussetzung: Es muss eine gemeinsame Wirklichkeit existieren, auf deren Grundlage diskutiert wird. (Bild: Shutterstock)

Desinformation war lange einfach: falsche Inhalte, möglichst glaubwürdig verpackt. Dieses Modell ist Geschichte. Heute geht es nicht mehr primär darum, jemanden von einer Unwahrheit zu überzeugen, sondern darum, Reaktionen auszulösen. Angst, Empörung, Zweifel. Daraus entsteht Wirkung. Das World Economic Forum nennt Desinformation und Polarisierung zentrale Risiken unserer Zeit.

Gleichzeitig verschiebt sich der Fokus: Entscheidend ist nicht mehr der Inhalt, sondern die psychologische Wirkung. KI und digitale Plattformen ermöglichen es, Botschaften präzise auf Zielgruppen zuzuschneiden und emotional zu optimieren. Oder anders gesagt: Desinformation produziert heute weniger falsche Fakten, sondern gezielte Wahrnehmung.

Die Schweizer Realität: Abstimmungen als Einfallstor 

Die direkte Demokratie ist die Stärke der Schweiz. Und genau darin liegt ihre Verwundbarkeit. Denn Volksabstimmungen funktionieren nur unter einer Voraussetzung: Es muss eine gemeinsame Wirklichkeit existieren, auf deren Grundlage diskutiert wird. Diese Voraussetzung bröckelt.

Man sieht es in immer mehr Kampagnen – ob bei Energiefragen, Gesundheitsvorlagen oder migrationspolitischen Themen:

  • einzelne Studien werden selektiv zitiert
  • komplexe Fragen auf einfache Gegensätze reduziert
  • emotionale Bilder stärker gewichtet als sachliche Argumente

Neu ist dabei nicht die Zuspitzung. Neu ist die Präzision, mit der sie erfolgt. Unterschiedliche Bevölkerungsgruppen sehen längst nicht mehr dieselbe Kampagne. Sie sehen die Version, die für sie in Tonalität, Argumentation und emotionaler Ansprache optimiert wurde.

Der schleichende Effekt 

Die grösste Gefahr ist nicht die grosse Manipulation von aussen. Es ist der kumulative Effekt im Innern:

  • Zweifel werden konsequent gestreut («Ganz sicher ist das nicht …»)
  • Narrative tauchen leicht variiert immer wieder auf
  • Vertrauen in Institutionen wird subtil relativiert

Das WEF beschreibt Desinformation als Risiko, das andere Risiken verstärkt und gesellschaftliche Spaltung antreibt. In der Schweiz trifft das auf ein System zu, das stark auf Konsens angewiesen ist. Das Ergebnis ist kein plötzlicher Bruch, vielmehr eine langsame Verschiebung weg von gemeinsamen Fakten hin zu konkurrierenden Wahrnehmungen.

Warum Fakten allein nicht mehr reichen 

In Abstimmungskämpfen ist der klassische Reflex klar: mehr Fakten, bessere Argumente, mehr Aufklärung. Das Problem: Die nächste Generation der Desinformation funktioniert anders. Sie setzt nicht auf falsche Fakten, sondern auf bekannte Mechanismen:

  • Bestätigungsfehler 
    Menschen nehmen Informationen eher an, wenn sie zu ihren bestehenden Überzeugungen passen. Desinformation nutzt diesen Mechanismus, indem sie nicht unbedingt Neues behauptet, sondern vorhandene Zweifel und Vorurteile verstärkt.
  • Emotionale Verstärkung 
    Inhalte, die Angst, Empörung oder Verunsicherung auslösen, verbreiten sich schneller und bleiben stärker im Gedächtnis. Gerade in Abstimmungskämpfen können solche Emotionen sachliche Abwägungen überlagern.
  • Einfache, wiederholte Erzählungen 
    Komplexe politische Fragen werden auf leicht verständliche Geschichten reduziert, die sich rasch weitererzählen lassen. Durch ständige Wiederholung wirken solche Narrative zunehmend vertraut – und damit für viele Menschen plausibler.

KI verstärkt diese Dynamik, indem sie Inhalte präzise auf Unsicherheiten und Überzeugungen zuschneidet. Die entscheidende Frage verschiebt sich deshalb: Nicht mehr von «Was ist richtig?» zu «Was bleibt hängen?»

Was das für Kampagnen bedeutet 

Für politische Akteure, Verbände und Unternehmen verändert sich die Logik:

  1. Vertrauen wird zum strategischen Faktor. 
    Wer glaubwürdig ist, gewinnt nicht automatisch, aber nachhaltiger. In einem Umfeld, in dem Fakten fortlaufend angezweifelt und Deutungen gegeneinander ausgespielt werden, entscheidet die Vertrauensbasis darüber, ob Botschaften überhaupt noch ankommen. Glaubwürdigkeit entsteht dabei nicht erst im Abstimmungskampf, sondern schon viel früher durch Konsistenz, Transparenz und die Fähigkeit, auch Unsicherheiten offen zu benennen.
  2. Kontext entscheidet über Wirkung. 
    Fakten ohne Einordnung verlieren gegen starke Narrative. Gerade komplexe politische oder wirtschaftliche Fragen müssen deshalb so erklärt werden, dass ihre Bedeutung im Alltag verständlich wird: Warum ist das relevant; wer ist betroffen; was steht konkret auf dem Spiel? Erst wenn Fakten in einen nachvollziehbaren Zusammenhang gestellt werden, können sie gegen vereinfachende oder emotional aufgeladene Erzählungen bestehen.
  3. Kampagnen müssen resilienter werden. 
    Es reicht nicht mehr, Botschaften zu platzieren. Man muss verstehen, wo und wie sie verzerrt werden – etwa in Kommentarspalten, Chatgruppen, sozialen Medien oder durch vermeintlich harmlose Wiederholungen einzelner Framings. Resiliente Kampagnen beobachten deshalb nicht nur Reichweite, sondern auch Deutung, Tonalität und mögliche Missverständnisse. Sie reagieren früher, differenzierter und mit klaren Gegen-Narrativen, bevor sich falsche Wahrnehmungen verfestigen.

Die direkte Demokratie lebt davon, dass unterschiedliche Meinungen auf einer gemeinsamen Realität beruhen. Genau diese Realität wird fragiler. Die neue Desinformation will nicht laut überzeugen, sondern leise verschieben. Nicht den einen Entscheid kippen, sondern das Vertrauen in den Prozess selbst verändern. Oder zugespitzt: Die grösste Gefahr für die Schweizer Demokratie ist nicht die falsche Entscheidung, sondern die wachsende Unsicherheit darüber, wie sie zustande kommt.

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