Szene aus «The Man Who Shot Liberty Valance» (1962)

The Man Who Shot Liberty Valance
(Der Mann, der Liberty Valance erschoss)
USA 1962, von John Ford, mit John Wayne, James Stewart, Vera Miles und Lee Marvin

Spoiler-Alert

Senator Ransom Stoddard und seine Frau treffen im Städtchen Shinbone im Westen der USA ein. Auf die Frage der Lokalzeitung nach dem Anlass des Besuchs verweist Stoddard auf persönliche Gründe, nämlich den Tod von Tom Doniphon – der Name sagt den Journalisten nichts. In einer Rückblende, die den grössten Teil des Films ausmacht, erzählt Stoddard, wie er Jahrzehnte zuvor als junger Anwalt unmittelbar nach dem Studium von der Ostküste nach Shinbone gekommen sei. Seine Postkutsche war vom lokalen Revolverhelden Liberty Valance und dessen Gang überfallen und er verprügelt worden.

In Shinbone galt damals einzig das Recht des Stärkeren. Liberty Valance ballerte in der Stadt herum, der Sheriff nahm vor den Banditen Reissaus, die Bevölkerung fürchtete und arrangierte sich. Mit diesen Zuständen verbunden war die politische Frage der «Statehood»: Shinbone war nur ein Territorium, Viehbarone verhinderten, dass das Gebiet Teil eines Bundesstaats wurde und so Zugang zu Rechtsschutz, Schulen und Fortschritt erhielt.

Tom Doniphon begleitete Stoddard, den er «professor» und «pilgrim» nannte, als eine Art Coach, aber auch als Rivale, was die von beiden umschwärmte Wirtstochter Hallie Ericsson betraf. Stoddard half im Restaurant ihrer Eltern aus, zudem bot er Dienstleistungen als Anwalt an und unterrichtete Kinder sowie erwachsene Analphabeten. Diese Elemente von Zivilisation blieben aber brüchig, der Konflikt eskalierte, als eine lokale Wahlversammlung die Delegierten für die «Territorial Convention for Statehood» in der Hauptstadt Capitol City bestimmen sollte. Gewählt wurden gegen Liberty Valances Drohungen Stoddard und Dutton Peabody, der Gründer und Redaktor der Lokalzeitung.

Valance forderte Stoddard anschliessend zum Duell, dessen Freunde rieten ihm zur Flucht. Obwohl er ein miserabler Pistolenschütze war, stellte sich Stoddard dem Duell. Erstaunlicherweise ging er siegreich daraus hervor, Valance starb an einer Schusswunde.

An der Territorial Convention in Capitol City wurde Stoddard ungewollt als Kampfkandidat gegen den fünfmaligen Amtsinhaber Custis Langhorne nominiert, den Vertreter der Interessen der Viehzüchter, um das Gebiet in Washington zu vertreten. Stoddard verliess den Saal und wollte stattdessen an die Ostküste zurückkehren.

Draussen wartete aber Tom Doniphon und erzählt ihm, dass er Valance Hallie zuliebe von seitwärts erschossen habe. Später fackelte Doniphon im Alkoholrausch den Anbau seines Hauses ab, den er errichtet hatte, um Hallie zu heiraten. Stoddard kehrte in den Saal zurück und wurde gewählt. Er heiratete Hallie, das Territorium wurde zum Bundesstaat, Stoddard dreimal Gouverneur, zweimal US-Senator, Botschafter in London und möglicher nächster Vizepräsident.

In der Weiterführung der Rahmenhandlung zerreisst der Chefredaktor der Lokalzeitung das Papier mit seinen Notizen und will dieses Exklusivinterview nicht verwerten, um die Legende nicht zu zerstören. Zu Beginn der Zugfahrt, die Stoddard und Hallie in zwei Tagen und zwei Nächten zurück nach Washington bringen wird, diskutieren die beiden, dass sie nach Shinbone zurückkehren möchten.

Sehenswert für

Einer der schönsten und politischsten aller Western, mit der Quintessenz der klassischen Ausprägung des Genres: Ein Cowboy bekämpft Gewalt mit Gewalt, macht sich des kaltblütigen Mordes schuldig und verliert auch noch die Frau, die er heiraten wollte, aber nimmt dies auf sich, um einen zivilisatorischen Fortschritt zu ermöglichen, von dem er selbst nicht profitieren wird.

Und das mit John Wayne, James Stewart und Lee Marvin in Paraderollen als guter Cowboy, Ostküstenjurist in der Diaspora und zynischer Revolverheld, und in der Erzählstruktur einer perfekten Novelle. Nur der Humor ist schlecht gealtert.

Siegreiche Strategie

Im Wilden Westen herrschen üble Zustände, aber die Eisenbahn bringt Fortschritt und Chancen, die eine gebildete Schicht nutzt: Stoddard, der nach seinem Jusstudium von der Ostküste kommt, praktiziert als Anwalt und unterrichtet («education is the basis of law and order»). Peabody ist Gründer und Redaktor einer Lokalzeitung, die Öffentlichkeit schafft. Der Arzt setzt sich an der Versammlung dafür ein, dass die beiden als Delegierte bestimmt werden, zuerst gegen ihren expliziten Widerstand.

Stoddard setzt sein Leben aufs Spiel, weil er sieht, dass sich der Anspruch auf zivilisatorischen Fortschritt dieser gewalttätigen Auseinandersetzung nicht entziehen darf. Ohne sein Wissen unterstützt ihn Tom Doniphon, selbst mit Pferd und Schusswaffen unterwegs, löst das Problem der Gewaltherrschaft durch einen Mord und ebnet der Zivilisation den Weg, unter Inkaufnahme von Schuld und persönlichen Verzichts.

Erfolglose Strategie

Die Herrschaft der Gewalt bäumt sich noch einmal auf und bedroht insbesondere die Pressefreiheit: Vor dem Duell in Shinbone wird dem Medienvertreter seine Zeitung in den Mund gestopft, er wird ausgepeitscht, der Redaktions- und Druckraum zerstört. In Capitol City macht ein manierierter Pfau, der die Viehbarone vertritt, Stoddard, der die von ihnen orchestrierte Gewalt seinerseits mit Gewalt bekämpfte, dies zum Vorwurf. Aber der Fortschritt setzt sich durch.

Wie wird Politik dargestellt?

Die klassische Konfliktlinie des Westerns mit der Gegenüberstellung von Zivilisation (Eisenbahn, Recht, Bildung, Presse, Wahlen) und Wildem Westen (Pferde, Schusswaffen, Peitschen, Rinder) bildet sich dreimal in politischen Kontexten ab und nähert sich Schritt für Schritt der vom Nordosten geprägten Politik an: zuerst im expliziten Wildwest-Modus lärmig, halbstrukturiert, bewaffnet und trotz Ausschankverbots alkoholisiert an der Wahlversammlung im Saloon in Shinbone, dann im gediegeneren Rahmen mit einer Bühne und einer Sitzordnung, aber immer noch punktuell eher roh in Capitol City, und schliesslich in der Rahmenhandlung im Exklusivinterview eines weisshaarigen, weisen und gütigen US-Senators.

Zitat

«This is the west, Sir. When the legend becomes fact, print the legend.»

Themen

Rechtsstaat, Demokratie, USA, Wilder Westen

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