Innerhalb eines Jahres stürzen die USA im V‑Dem‑Ranking von Platz 20 auf Platz 51 – ein Erdrutsch, der geopolitische Folgen hat, aber auch direkte wirtschaftliche: Wenn mächtige Demokratien illiberal werden, wanken internationale Standards, Handelsbeziehungen, regulatorische Verlässlichkeit. (Bild: Shutterstock)

Demokratie war lange das stabile Fundament westlicher Wirtschaftsräume. Doch diese Gewissheit bröckelt – laut dem neuen «Democracy Report 2026» des skandinavischen V‑Dem Instituts so stark wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Besonders drastisch ist der Befund für die USA: Keine westliche Demokratie verschlechtert sich aktuell schneller und tiefgreifender. Parallel zeigt eine Studie, wie CEOs in Deutschland zwar zunehmend Haltung zeigen, damit aber teils unbeabsichtigte Spaltungseffekte auslösen.

Für international tätige Unternehmen, auch in der Schweiz, stellt sich eine unangenehme Frage: Wie weit reicht die unternehmerische Verantwortung in einer Welt, in der die liberale Demokratie kein Selbstläufer mehr ist?

Demokratie unter Stress – ein Risiko für Märkte und Geschäftsmodelle
Der V‑Dem‑Report ist eindeutig: die Autokratisierung erreicht mittlerweile auch jene Staaten, die lange als «demokratisch unerschütterlich» galten. Sechs der zehn neuen autokratischen Länder liegen in Europa und Nordamerika. Besonders aufhorchen lässt der Fall der USA. Innerhalb eines Jahres stürzt das Land im V‑Dem‑Ranking von Platz 20 auf Platz 51 – ein Erdrutsch.

Das hat geopolitische Folgen, aber auch direkte wirtschaftliche: Wenn mächtige Demokratien illiberal werden, wanken internationale Standards, Handelsbeziehungen, regulatorische Verlässlichkeit. Kurz: die Spielregeln, auf die globale Unternehmen angewiesen sind.

Für Schweizer Firmen, die eng mit den USA und der EU verflochten sind, bedeutet das: Die Stabilität des eigenen Geschäftsumfelds hängt zunehmend vom Zustand der Demokratie jenseits der Landesgrenzen ab.

CEOs als politische Akteure – ein schmaler Grat
Eine Studie des Instituts der Wirtschaft Köln zeigt, dass Unternehmenslenker öffentlich Stellung beziehen – etwa mit klarer Abgrenzung gegenüber rechtspopulistischen Parteien. Ihre Argumente: Schutz der demokratischen Grundordnung und wirtschaftliche Risiken illiberaler Politik.

Doch die Wirkung solcher Statements ist ambivalent:

  • Nur ein Drittel der Bevölkerung nimmt CEO‑Haltungen überhaupt wahr.
  • Jeder Vierte vertraut grundsätzlich darauf, dass Unternehmen im Sinne der Gesellschaft handeln.
  • Die Bewertung ist politisch hochgradig polarisiert.

Besonders heikel: In Teilen des rechts­populistischen Spektrums erzeugen CEO‑Statements nachweisbare Backlash‑Effekte. Dort sinkt das Vertrauen in das kritisierende Unternehmen. Teilweise verstärkt sich sogar die Bindung an die kritisierte Partei.

Kurz: Kommunikation in hochpolitisierten Räumen funktioniert nicht mehr linear. Gute Absichten reichen nicht.

Was heisst das für Corporate Political Responsibility?
Die empirischen Befunde sprechen nicht gegen Haltung. Sie zeigen vielmehr, dass Unternehmen in einer Zeit demokratischer Erosion eine strategisch sauber abgesicherte Rolle einnehmen müssen. Drei Punkte stechen hervor:

  1. Langfristige Strategie statt Ad‑hoc‑Positionen
    Einzelne Statements – auch gut formulierte – wirken selten nachhaltig. Entscheidend ist ein konsistentes Engagement‑Portfolio:
    – direkte Formen (z. B. Public Advocacy, Partnerschaften, interne Policies)
    – indirekte Formen (Förderung von Medienkompetenz, Demokratieförderung, Brancheninitiativen)
    – langfristige Wirksamkeitsanalyse
  2. Haltung im Wertekompass verankern – nicht in Personen
    Politische Kommunikation darf nicht an individuellen Führungspersönlichkeiten hängen. Ein klar dokumentierter, intern verankerter Wertekompass erhöht Konsistenz, Resilienz und Legitimität – gerade bei politischen Wechselwinden
  3. Kritisch bleiben, ohne zu delegitimieren
    Wirtschaftspolitische Kritik bleibt essenziell. Aber:
    – Tonfall entscheidet über Wirkung.
    – Zuspitzungen, die politische Akteure pauschal infrage stellen, verstärken die Polarisierung.
    – Wirksamer ist eine konstruktive Kritik, die Probleme benennt, Lösungen anbietet und demokratische Institutionen respektiert.

Warum Schweizer Unternehmen jetzt besonders gefordert sind
Die Schweiz gilt seit Jahren als stabile Demokratie, aber sie ist eng verflochten mit Märkten, in denen die Institutionen erodieren. Dazu kommt: Auch hierzulande wird der gesellschaftliche Diskurs rauer, emotionalisierter, digital fragmentierter.

Für international operierende Schweizer Firmen heisst das:

  • Sie sind zunehmend Mitgestalter gesellschaftspolitischer Rahmenbedingungen.
  • Sie müssen präventiv denken: Demokratie ist Teil der eigenen Risikostruktur.
  • Sie können durch strategische politische Verantwortung einen aktiven Beitrag zur Stabilisierung demokratischer Standards leisten – intern wie extern.

Demokratie ist ein Business‑Asset – und braucht Pflege
Die beiden Studien zeichnen ein klares Bild: Die liberale Demokratie steht unter Druck. Unternehmen erkennen das – doch ihr Engagement wirkt nur dann stabilisierend, wenn es strategisch und kommunikativ professionell aufgesetzt ist.

Für CEOs und Kommunikationsverantwortliche gilt heute mehr denn je: Haltung zeigen, ja – aber klug, konsistent und mit tiefem Verständnis für gesellschaftliche Resonanzräume.

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