Immer ein paar Schritte voraus
Politik im Film #24: Wie «Miss Sloane» dem Lobbyingerfolg alle anderen, aber auch ihre eigene Karriere opfert
Miss Sloane (Die Erfindung der Wahrheit)
USA 2016, von John Madden, mit Jessica Chastain, Mark Strong, Gugu Mbatha-Raw, Alison Pill, Michael Stuhlbarg, Sam Waterston und John Lithgow
Spoiler-Alert
Der Film beginnt mit der Anhörung der Lobbyistin Elizabeth Sloane vor dem US-Senat bzw. ihrer Vorbereitung darauf mit ihrem Anwalt und erzählt anschliessend in der Rückblende, wie es dazu kommen konnte.
Seit elf Jahren hat sie sich als Mitarbeiterin der mächtigen Lobbyingfirma Cole Kravitz & Waterman ein hohes Renommee als «free market and anti tax advocate» erarbeitet («you and your team take no prisoners and get things done»). Aufgrund dieser Reputation will der Präsident der National Rifle Association (NRA) sie mit dem Kampf gegen den Heaton-Harris-Gesetzesentwurf beauftragen, der den Waffenverkauf stärker kontrollieren will.
Dabei stellt sich heraus, dass die skrupellos agierende Lobbyistin klare politische Prinzipien hat («I do whatever it takes to win because I only fight for causes I actually believe in») und aufgrund von Columbine und 31 weiteren Schulmassakern in den USA strengere Waffenkontrollen befürwortet. Sie lässt sich von der kleineren Konkurrenzfirma Peterson-Wyatt mitsamt weiten Teilen ihres Teams – nicht aber ihrer engsten Mitarbeiterin – abwerben und setzt sich für den Gesetzesentwurf ein. Von 22 noch unentschiedenen Senatsmitgliedern müssen 16 gewonnen werden, um den Filibuster zu brechen.
Sie kämpft mit allen Mitteln für strengere Regeln beim Waffenerwerb, inklusive eigener Live-Auftritte in Talkshows, Social Media, Gegengeschäften mit Parlamentariern, inszenierten Publikumsfragen an Fundraising-Veranstaltungen, Einschüchterungsversuchen, der Mobilisierung zivilgesellschaftlicher Organisationen und Spenden an Politiker aus eigenem Fundraising – aber auch durch illegale Abhörmethoden und die Instrumentalisierung eines traumatischen Erlebnisses einer Mitarbeiterin vor laufenden Fernsehkameras. Das Team und der CEO ihrer Agentur wissen oft höchstens die Hälfte («it’s good practice to keep your circle small»), zwischenzeitlich gelingt es ihr auch noch, eine Verräterin in ihrem Team zu entlarven.
Trotzdem scheint sie nach ein paar ungünstigen Entwicklungen zu verlieren – bis zum Hearing vor dem US-Senat, mit dem der Film beginnt. Dabei zeigt sich, dass sie absichtlich gegen Ethikregeln verstossen hat, um diese Bühne zu erhalten. Dort legt sie Beweise für Korruption und Erpressung durch ihre Gegner auf den Tisch, die undercover durch ihre bei Cole Kravitz & Waterman verbliebene Mitarbeiterin und mit illegalen Abhörmethoden gesammelt wurden.
Am Ende des Films besucht ihr Anwalt sie im Gefängnis und versucht, ihre Motivation zu verstehen und Bilanz zu ziehen. In der letzten Szene wird sie aus dem Gefängnis entlassen.
Sehenswert für
Ein gleichzeitig deprimierendes und amüsantes Sittengemälde von Washingtons Lobbyingindustrie, eine Vielzahl intelligenter Dialoge über Politik, Interessenvertretung und Ethik sowie eine überragende Performance der Hauptdarstellerin und diverser hochdekorierter Nebendarsteller. Auch wenn die Geschichte mit ein paar Finten weniger und etwas weniger grell ausgeleuchtet vielleicht leichter nachvollziehbar gewesen wäre.
Siegreiche Strategie
Elizabeth Sloane gewinnt, indem sie immer ein paar Schritte vorausdenkt und strategisch wie auch skrupellos alles in die Waagschale wirft, was ihr zur Verfügung steht. Sie motiviert ihr Team zu Höchstleistungen, instrumentalisiert ihre Mitarbeitenden aber auch weit über deren freiwillige Mitarbeit hinaus, da sie verpflichtet sei, alle Ressourcen zu nutzen, die zur Verfügung stünden. Wenn sie sich anheuern lasse, dann um zu gewinnen. Im gleichen Sinn verwendet sie mit illegalen Methoden gesammeltes Wissen und schreckt nicht davor zurück, zugunsten des Erfolgs ihre Karriere und ihre Freiheit aufs Spiel zu setzen («you weaponized yourself», bringt es ihr Anwalt auf den Punkt). Sie gibt an, dies vor sich verantworten zu können, weil sie nur für Anliegen kämpfe, von deren Berechtigung sie überzeugt sei. Zudem habe ihr «career suicide» einen «suicide by career» gestoppt – zu Beginn des Films hatte sie kaum geschlafen und schien sich von Medikamenten zu ernähren.
Erfolglose Strategie
Die Waffenlobby und ihre Interessenvertreter haben viele Politiker gekauft und fordern von ihnen nun die Gegenleistungen ein, die für eine Ablehnung der Vorlage nötig sind: Stimmen dagegen und eine Untersuchung gegen die Lobbyistin der Gegenseite.
Wie wird Politik dargestellt?
Gestrenge Politiker schauen im Stil eines Gerichts von ihrem Podium vor laufenden Kameras auf die Lobbyistin und ihren Anwalt herab. In Wirklichkeit sind sie aber selbst kriminell und in den Hinterzimmern nur Marionetten der Interessengruppen. Die Lobbyisten («the most morally bankrupt profession since faith healing») und ihre Auftraggeber steuern das Geschehen. Sie sind mit allen Wassern gewaschen und kämpfen mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Waffen für ihre Ziele. Die Politik wird instrumentalisiert und unter Druck gesetzt, das Volk, das sie wählt, kommt nur in Form von Meinungsumfragen und als Drohkulisse bei Einschüchterungsversuchen vor.
Zitat
«Lobbying is about foresight. About anticipating your opponent’s moves and devising countermeasures. The winner plots one step ahead of the opposition, and plays her trump card just after they play theirs. It’s about making sure you surprise them, and they don’t surprise you.»
Themen
US-Senat, Lobbying, Waffenkontrolle

Wenn die Demokratie bröckelt