Die Weltwirtschaft sortiert sich neu, und mit ihr die politische Architektur der Globalisierung. (Foto: Shutterstock)

Für Schweizer Unternehmen wird die strategische Neuausrichtung ihrer Lieferketten zur zentralen Voraussetzung, um in einer fragmentierten Weltwirtschaft erfolgreich zu bleiben. Worauf sie achten müssen.

Die Weltwirtschaft sortiert sich neu, und mit ihr die politische Architektur der Globalisierung. Der Trend hin zu «Friendshoring», also zur strategischen Verlagerung von Lieferketten und Produktionsprozessen zu politisch verbündeten oder wirtschaftlich befreundeten Ländern oder zu regionalisierten Lieferketten, ist längst mehr als ein Schlagwort aus Think-Tank-Papieren. Er wird zu einem handfesten Standortfaktor für Unternehmen und zu einem strategischen Thema für Regierungen. Wie sehen die Prioritäten aus, die Unternehmen dabei verfolgen?

Der Trend: Sicherheit vor Effizienz 
Der Internationale Währungsfonds (IWF) diagnostiziert in seinem World Economic Outlook 2025 eine «anhaltende Fragmentierung des Welthandels» und warnt davor, dass globale Wertschöpfungsketten zunehmend entlang politischer Allianzen verlaufen. Sinngemäss heisst es dort, die geopolitische Rivalität sei zu einem «systemischen Risiko» geworden, das Investitionsentscheide stärker beeinflusse als klassische ökonomische Überlegungen. Das heisst: Nicht mehr nur wer am günstigsten produziert, sondern wem man geopolitisch vertraut, entscheidet über Marktchancen.

Besonders sichtbar ist die Neuausrichtung bei kritischen Technologien und Rohstoffen:

  • Halbleiter: Laut einer Analyse der OECD konzentrierte sich 2025 rund 80 Prozent der High-End-Chip-Produktion weiterhin in Ostasien. Westliche Staaten reagierten mit massiven Förderpaketen und nationalen Sicherheitsargumenten. Die EU spricht in ihrer Industrial Strategy 2030 explizit von der Notwendigkeit, «strategische Autonomie» aufzubauen.
  • Energie: Die Internationale Energieagentur (IEA) kommt in ihrem World Energy Outlook 2025 zum Schluss, dass Energiesicherheit für Staaten «wieder Vorrang» vor günstigen Preisen hat. Die Folge: neue Flüssiggasterminals, neue Pipelines, neue Allianzen.

Die Schweiz steht hier als exportorientierte Volkswirtschaft besonders im Spannungsfeld zwischen globalen Abhängigkeiten und europäischer Integration.

Was bedeutet das für Unternehmen – vor allem in der Schweiz? 
Für Strategie-Verantwortliche in Schweizer Firmen ergeben sich drei Herausforderungen:

  • Politische Risiken werden operativ 
    Geopolitische Themen sind nicht mehr abstrakt. Sie beeinflussen Lieferantenlisten, Investitionsorte, Preise sowie regulatorische Anforderungen. Unternehmen müssen politische Szenarien heute so ernst nehmen wie Währungsrisiken.
  • Transparenz in der Lieferkette wird zum Lizenzfaktor 
    Die EU-Lieferkettenrichtlinie (CSDDD) verschärft den Druck zusätzlich. Laut einer Analyse von Swiss Holdings gehört sie zu den «bedeutendsten regulatorischen Veränderungen der letzten Dekade» für international tätige Schweizer Unternehmen.
  • Kommunikation wird strategischer – und verletzlicher 
    Stakeholder erwarten Klarheit: Woher bezieht ein Unternehmen Rohstoffe? Welche Risiken bestehen? Wie resilient ist das Geschäftsmodell? Ein ungeschickter Satz zur Standortstrategie kann heute schneller zur Schlagzeile werden als jede Bilanzkennzahl.

Und was heisst das politisch? 
Wir erleben eine Welt, die sich nicht entglobalisiert, sondern neu globalisiert. Staaten versuchen, Abhängigkeiten zu reduzieren, ohne die Vorteile integrierter Märkte zu verlieren. Ein Balanceakt, der kaum zu gewinnen ist. Der US-amerikanische Politologe Ian Bremmer spricht hierzu sinngemäss von einer «fragmentierten, aber unvermeidbaren Interdependenz». Die Zukunft sei nicht deglobalisiert, sondern «reglobalisiert» – allerdings unter neuen, härteren Bedingungen.

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