Die Macht hinter dem Fortschritt
Aldous Huxley über technischen Fortschritt, konzentrierte Macht und die Zukunft der Demokratie
Aldous Huxley über technischen Fortschritt, konzentrierte Macht und die Zukunft der Demokratie

1946, kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, veröffentlichte Aldous Huxley sein Essay «Science, Liberty and Peace». Angesichts des Nationalsozialismus, des Holocausts und der Zerstörung durch den Krieg stellte sich für ihn eine grundlegende Frage: Wie konnte es sein, dass wissenschaftlicher Fortschritt mit politischer Barbarei einherging? Seine Überlegung war ernüchternd. Technische Errungenschaften machen Menschen nicht automatisch freier. Sie können ebenso dazu beitragen, dass wenige immer mehr Macht über viele gewinnen.
Fortschritt und konzentrierte Macht
Dass das Essay Ende 2025 in deutscher Neuübersetzung unter dem Titel «Zeit der Oligarchen» erschienen ist, wirkt erstaunlich aktuell. Huxleys Überlegungen lassen sich zwar nicht einfach auf die heutige Zeit übertragen, doch seine Analyse der Machtkonzentration ist aufschlussreich. Er beschreibt, wie sich wirtschaftliche Macht, technologische Überlegenheit und politischer Einfluss gegenseitig verstärken. Wissenschaftliche Entwicklungen ermöglichen es Unternehmen, ihre Stellung auszubauen. Gleichzeitig bestimmen wirtschaftlich Mächtige mit, welche Technologien gefördert und eingesetzt werden. Fortschritt dient damit nicht unbedingt allen gleichermassen, sondern kann vor allem jenen zugutekommen, die bereits über Kapital und Einfluss verfügen. Diese Problematik wird heute besonders deutlich bei der künstlichen Intelligenz. Wer die Entwicklung finanziert und kontrolliert, kann auch beeinflussen, welche Anwendungen entstehen und welche Interessen dabei im Vordergrund stehen.
Der Einfluss auf die öffentliche Meinung
Huxley beschäftigte sich auch mit der Frage, wie wirtschaftliche Macht die öffentliche Meinung beeinflusst. Am Beispiel der Presse zeigte er, dass die Abhängigkeit von Werbeeinnahmen die Unabhängigkeit der Berichterstattung gefährden kann. Dieser Gedanke lässt sich auch auf die heutige Medienlandschaft übertragen. Wenn sich Geld, Reichweite und technologische Möglichkeiten bei wenigen Akteuren konzentrieren, stellt sich die Frage, wie viel Einfluss andere Stimmen überhaupt noch wahrnehmen können. Demokratie bedeutet zwar, dass alle die gleiche Stimme haben. Doch die Möglichkeiten, politische Debatten zu prägen und Entscheidungsträger zu erreichen, sind keineswegs gleich verteilt.
Demokratische Grenzen der Macht
Trotz dieser Parallelen sollte man Huxleys Analyse nicht mit der Gleichsetzung von Demokratie und Diktatur verwechseln. Seine Erfahrungen waren von der Massenindustrie, dem Rundfunk und der totalitären Gewalt seiner Zeit geprägt. Digitale Plattformen und künstliche Intelligenz kannte er nicht. Dennoch sah er Möglichkeiten, Macht zu begrenzen: durch Wahlen, Streiks, Vereinigungen und öffentliche Kampagnen. Seine Warnung war deshalb nicht, dass die Demokratie zwangsläufig scheitern müsse. Entscheidend sei vielmehr, ob die politischen Institutionen funktionierten, die Regierenden demokratische Regeln respektierten und ob die Bürgerinnen und Bürger ihre Rechte tatsächlich wahrnehmen könnten.
Gerade darin liegt für mich die Stärke dieses Buches. «Zeit der Oligarchen» liefert keine fertigen Antworten auf die Probleme unserer Zeit. Es regt vielmehr dazu an, den Begriff des Fortschritts kritisch zu hinterfragen. Neue Technologien können vieles verbessern, aber ebenso wichtig ist die Frage, wer über sie verfügt und wem sie letztlich nützen. Huxleys Essay erinnert daran, dass wissenschaftlicher Fortschritt und gesellschaftliche Freiheit nicht dasselbe sind. Ob der Fortschritt tatsächlich allen zugutekommt, hängt auch davon ab, wie wir Macht verteilen und demokratisch kontrollieren.
Aldous Huxley: «Zeit der Oligarchen». München: Carl Hanser Verlag, 2025. 96 Seiten.

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