Im Bundesrat sinkt die Lebenserwartung

Wenn es um ihre Gesundheit geht, zahlen Regierungsmitglieder einen hohen Preis: Sie leben im Schnitt 2,7 Jahre weniger lang.

Bundesrätinnen und Bundesräte im Vergleich: Gerade bei Johann Schneider-Ammann wird die Belastung deutlich (oben das offizielle Bundesratsfoto von 2011, unten dasjenige von 2018). (Bilder: wiki commons)

Den Rücktritt von Bundesrat Johann Schneider-Ammann stellte nicht nur die «Handelszeitung» in den Kontext seiner Gesundheit und seines Alters. So begann David Vonplon seine durchaus positive Würdigung des Wirkens des Wirtschaftsministers mit drastischen Worten: «In den letzten Wochen machte der Wirtschaftsminister den Eindruck, er sei nur noch halb da. Seine Reden waren noch schläfriger als sonst. Seine Pausen zwischen den Sätzen noch länger. Und in wichtigen Sitzungen soll er immer wieder eingenickt sein. Der ‹Schneider Hannes› schien abgekämpft, abwesend, gezeichnet.» Schneider-Ammann, der sein Amt im Dezember 2010 angetreten hatte, wird im Februar 2019 nämlich seinen 67. Geburtstag feiern. Und über die Sorgen um seinen Gesundheitszustand hatten die Medien erstmals schon 2016 berichtet. Nach der Sommerpause 2018 waren sie auch in der Romandie während Tagen Thema. 

Lange Arbeitstage, öffentliche Beobachtung
Exekutivämter sind Verschleissjobs. Das hat selbst Strahlefrau Doris Leuthard in ihrem Rücktrittschreiben festgehalten. Dort erwähnte sie «Belastungen», «fordernde Arbeit» und «grosse Verantwortung». Und: «Es sollten nun aber neue, unverbrauchte Kräfte in der Regierung Einsitz nehmen», schrieb die Infrastrukturministerin, die ja noch vier Jahre länger als Schneider-Ammann Bundesrätin war. Wer in einer Regierung an den Schalthebeln sitzt, hat wenig Zeit für sich, sein Umfeld oder irgendwelchen Ausgleich. Die Arbeitstage sind lang, die Belastung ist hoch. Die Magistraten starten früh – mit Sitzungsterminen teils schon kurz nach sechs Uhr morgens. Am Abend geht es statt in den verdienten «Fürobe» noch an eine Abendveranstaltung. Man steht 24 Stunden, sieben Tage, 52 Wochen am Stück unter öffentlicher Beobachtung. Internationale Reisen kann man nicht verdauen, den Jetlag kaum auskurieren. In der Schweiz nimmt die Belastung für die Mitglieder der Landesregierung nur dann ein wenig ab, wenn der Bundesrat offiziell Ferien hat.

Das alles hat seinen Preis – nicht nur in der Schweiz: Die Anspannung, die Last der Verantwortung, die fehlende Erholung lässt sich an den Gesichtern der Spitzenpolitiker weltweit von Jahr zu Jahr deutlicher ablesen. Gerade unter den US-Präsidenten, die ja gemeinhin als die mächtigsten Männer der Welt gelten, zeigt sich das an einem besonderen Anzeichen: Ihre Haare werden innerhalb ihrer Amtszeit, die ja nie mehr als acht Jahre dauert, ganz grau. Die Bildvergleiche vom Amtsantritt und vom Abschied bei Bill Clinton, Georges W. Bush und Barack Obama zeigen das eindrücklich. Und sie waren alle im Vergleich zu Donald Trump bei ihrer Wahl jung und kerngesund. 

Wissenschaftliche Studie: Wahlen in 17 Ländern von 1722 bis 2015 analysiert
Die Wissenschaft stützt den Befund, dass Regieren ein unheimlicher Verschleissjob ist. Erst 2015 wurde die grösste statistische Studie vollendet, die Aussagen zur verminderten Lebenserwartung durch die politische Tätigkeit wagte. Sie untersuchte Wahlen in 17 Ländern von 1722 bis 2015. Das Resultat: Gewählte Regierungschefs lebten im Durchschnitt 2,7 Jahre weniger lang und hatten ein 23 Prozent höheres Risiko eines vorzeitigen Todes als diejenigen politischen Konkurrenten, die gegen sie verloren hatten. Das BMJ, eine britische medizinische Fachzeitschrift, veröffentlichte das Papier in seiner Weihnachtsausgabe 2015.

Eingang in die Untersuchung fanden übrigens Daten aus der ganzen Welt: Australien, Österreich, Kanada, Dänemark, Finnland, Frankreich, Deutschland, Griechenland, Irland, Italien, Neuseeland, Norwegen, Polen, Spanien, Schweden, Vereinigtes Königreich und Vereinigte Staaten von Amerika.

Die Analyse testete die Hypothese, dass gewählte Präsidenten, Premierminister und Kanzler aufgrund der Belastungen des politischen Lebens ein beschleunigtes Altern und den vorzeitigen Tod befürchten müssten. Die Autoren verglichen 279 gewählte Regierungschefs mit den 261 Zweitplatzierten. Diese hatten die Wahl verloren und nie als Magistraten in dieser Funktion gedient. Die Forscher ermittelten die Anzahl der Jahre, die jeder Teilnehmer nach der letzten Wahl, in der er sich befand, lebte, und verglichen die Ergebnisse mit der durchschnittlichen Lebensdauer einer Person gleichen Alters und Geschlechts im Wahljahr im Land jedes Kandidaten. 

«Demissioner c’est bon pour la santé!»
Auch wenn man die Studie in den Details durchaus kritisieren kann und die Folgerungen bezüglich der verringerten Lebenserwartung vielleicht überzogen wirken – sie fügen sich passend ins Gesamtbild.
Für Bundesrat Schneider-Ammann, Doris Leuthard und all die anderen Magistraten gibt es jetzt aber auch eine gute Nachricht: Nach der Demission, sobald der Entscheid gefallen und der Druck gewichen ist, blühen die meisten Magistraten sichtlich auf. Sie können dann den Abschluss ihrer Amtszeit fast schon geniessen. Oder wie sagte es ein Journalist aus der Romandie mit Bezug auf die legendäre Videoansprache von Johann Schneider-Ammann zum Tag der Kranken, die weltweit für Schlagzeilen sorgte: «Démissioner c’est bon pour la santé!»

Autor: Matthias Halbeis